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  • SV Babelsberg 03 vs. FC Energie Cottbus

Respekt, aber keine Angst

Sportlich wie sicherheitstechnisch brisantes Landespokalfinale im Karl-Liebknecht-Stadion erwartet

  • Von Katja Herzberg und Marie Frank
  • Lesedauer: 7 Min.

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Noch flanieren Mütter mit Kinderwagen, Senioren mit ihren Besorgungen sowie Angestellte der umliegenden Geschäfte und Büros die Karl-Liebknecht-Straße entlang. Am Pfingstmontag werden von der Babelsberger Kleinstadtidylle lediglich die herausgeputzten Fassaden der Weberhäuschen zu sehen sein. Fußballfans und Polizei werden dann das Bild bestimmen. Ganz am Ende der Einkaufsstraße steigt in drei Tagen nämlich das Brandenburger Landespokalfinale zwischen dem SV Babelsberg 03 (SVB) und dem FC Energie Cottbus (FCE) – ein Fußballspiel, von dem nicht nur auf dem Rasen des Karl-Liebknecht-Stadions Spannung ausgehen könnte.

Die aufeinander treffenden Vereine sind nicht nur sportliche Gegner, die jüngsten Partien der Regionalliga-Mannschaften waren immer auch von Gewalt und Hass begleitet. Höhepunkt vor gut einem Jahr waren die Hitlergrüße, antisemitischen Gesänge und Platzstürme des Cottbusser Anhangs im »Karli« – Vorfälle, die ihre Spuren hinterließen.

Das ist zum Einen die sportgerichtliche Auseinandersetzung zwischen Babelsberg und dem Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV), die dem Spiel folgte. Weil Babelsberger Fans auf die rechten Parolen aus dem Gästeblock mit »Nazi-Schweine raus«-Rufen antworteten, wurde nicht nur Energie, sondern auch Babelsberg zu einer Strafe von 7000 Euro verurteilt. Der SVB wollte den Spruch des Sportgerichts nicht akzeptieren. Dadurch drohte zeitweilig gar der Ausschluss vom Spielbetrieb. In dieser Situation startete der Verein die inzwischen bundesweit bekannte Kampagne »Nazis raus aus den Stadien«.

In deren Rahmen haben Thoralf Höntze und seine Kollegen bereits mehr als 6000 mit dem Slogan bedruckte T-Shirts verkauft – es ist der meistverkaufte Fanartikel in der Vereinsgeschichte. »Uns ist es wichtig, dass die Kampagne darüber hinaus aber auch nachhaltig wirkt«, sagt Thoralf Höntze gegenüber »nd«. In den letzten Monaten seien Kontakte zu einigen höherklassigen Vereinen wie Borussia Dortmund oder dem SC Freiburg geknüpft worden. »Das Thema Rechtsextremismus im Fußball ist deutschlandweit aktuell und wird auch wieder bei der anstehenden Weltmeisterschaft eine Rolle spielen«, ist Höntze sicher. Deshalb werde die Kampagne fortgesetzt. Antirassistische Projekte und kleinere Vereine sollen davon profitieren. Bereits unterstützt wurde ein integratives Fußballturnier beim SV Sedlitz. Auch der Verein TuS Appen erhielt finanzielle Hilfe für einen Rechtsstreit mit einem NPD-Funktionär, der nicht länger Mitglied sein soll.

Kooperation auf Arbeitsebene

Mit Energie Cottbus gibt es dagegen keine derartige Kooperation, so Höntze. Die Zusammenarbeit beschränke sich auf die fußballerische Arbeitsebene, etwa bei der Spieltagsorganisation und Spielertransfers wie der jüngst bekanntgewordene Wechsel von Abdulkadir Beyazit von Babelsberg in die Lausitz. Einen Austausch mit dem Zuständigen für Antirassismus, der infolge der Ausschreitungen im Karli im April 2017 benannt werden sollte, würde Höntze zwar begrüßen. Doch dieser ist weder ihm noch Cottbus selbst bekannt. Wie FCE-Sprecher Stefan Scharfenberg dem »nd« bestätigte, ist die Stelle eines oder einer »Beauftragten für Vielfalt und Toleranz« noch nicht besetzt.

Scharfenberg betont allerdings, dass Energie in Sachen Extremismus, Rassismus und Gewalt alles andere als untätig sei. Bereits im Januar 2015 habe der Verein mit Partnern aus der Wirtschaft die Initiative »Energie für Vielfalt und Toleranz« ins Leben gerufen. Im Februar diesen Jahres fand das erste Treffen eines »Runden Tisches für Vielfalt« mit Politik, Behörden und Initiativen des Landes Brandenburg statt. Beim Spiel gegen den FSV 63 Luckenwalde sei das Cottbusser Team mit dem Schriftzug »Kein Platz für Nazis« aufgelaufen, erläutert Scharfenberg. Cottbus geht nun von einem friedlichen Fußballspiel in Babelsberg aus. Thoralf Höntze dagegen blickt zwar vorfreudig auf den Spieltag, sagt aber auch: »Ich rechne mit allem.«

Die Partie ist vom veranstaltenden Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB) zum »Sicherheitsspiel höchster Stufe« erklärt worden. Aufgrund der Ausschreitungen im Vorjahr habe das Spiel von Beginn an unter besonderer Beobachtung gestanden, so FLB-Sprecherin Silke Wentingmann-Kovarik gegenüber »nd«. Das hatte zur Folge, dass sich Vertreter des FLB, beider Vereine, der Polizei, Feuerwehr, Ordnungsamt und Sanitätsdienst zu mehreren Sicherheitsberatungen trafen. »In enger Abstimmung zwischen den Sicherheitsverantwortlichen der Vereine und des Verbandes, der Polizei und den Fanbetreuern wurde im Vorfeld alles getan, einer Eskalation entgegenzuwirken«, erklärt Wentingmann-Kovarik.

Streit um Anstoßzeit

Unmut gab es dennoch: Beide Vereine kritisierten die Anstoßzeit um 17 Uhr. Energie Cottbus erklärte, die Ansetzung sei sowohl aus sicherheitstechnischer Lage als auch aus sportlicher Sicht nicht nachvollziehbar. Der Verein hatte sich wegen der Relegationsspiele für die 3. Liga in der nächsten Woche um eine Verlegung bemüht. Da der letztmögliche Termin gewählt wurde, bleibe für Regeneration kaum Zeit. »Das hat mit Sportlichkeit und Sachverstand wenig zu tun«, hieß es von FCE-Präsident Michael Wahlich Anfang Mai.

Auch der Sicherheitsbeauftragte des SVB äußerte sein Unverständnis darüber, dass für das brisante Spiel von drei möglichen die späteste Anstoßzeit gewählt wurde. »Ein ganzes Jahr lang durfte die Republik und zeitweise sogar auch internationale Rezipienten verfolgen und vorbewertet bekommen, was im April 2017 beim Aufeinandertreffen zwischen Babelsberg und Cottbus passiert ist. Ein ganzes Jahr lang war allen Beteiligten klar – zwischen beiden Mannschaften würde es nie wieder ein Abendspiel im Karl-Liebknecht-Stadion geben dürfen«, so Christian Lippold. Es sei nun offenbar nicht darum gegangen, Sicherheit an erste Stelle zu setzen. Die Entscheidung für den 17-Uhr-Termin sieht er im »Quotengebaren einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt« begründet – die ARD überträgt alle Pokalfinalspiele in einer bundesweiten TV-Livekonferenz, vom DFB als »Finaltag der Amateure« ausgerufen.

Lippolds Einschätzung bestätigt der FLB indirekt: Die Terminierung sei in den zuständigen Gremien besprochen worden. In diesen habe die ARD ein großes Mitspracherecht. »Wir konnten einen Wunschtermin äußern und der hat nicht in die Vorstellungen der ARD gepasst«, so Wentingmann-Kovarik gegenüber »nd«. Das Warum sei nicht begründet worden.

Auch die Polizei sieht den 17-Uhr-Termin kritisch. Eine späte Anstoßzeit »wirke sich in der Risikobewertung leicht negativ aus«. So hätten gegnerische Fangruppen grundsätzlich mehr Zeit, im Stadtgebiet aufeinander zu treffen, erklärte der Leiter der Pressestelle der Polizeidirektion West, Heiko Schmidt, gegenüber »nd«. »Auch wird durch die längere Zeitspanne bis zum Anstoß gegebenenfalls ein höherer Alkoholisierungsgrad der Fans möglich.«

Um den Einsatzerfolg nicht zu gefährden, gab die Behörde zu taktischen und technischen Details ihres Vorgehens vorab keine Auskunft. Dass Wasserwerfer zum Einsatz kommen könnten, wollte die Polizei gegenüber »nd« weder bestätigen noch dementieren. Man gehe von einem »ruhigen, sportlich geprägten Spielverlauf aus«, so Schmidt.

Meister gegen Fünftplatzierten

Darauf setzt auch Babelsbergs Trainer Almedin Civa. »Ich hoffe, dass man nur über Fußball redet – und dass wir uns am Ende freuen können«, so Civa gegenüber »nd«. Ihm und seiner Mannschaft sei klar, dass sie gegen den Meister spielen. Cottbus habe die Regionalligasaison hochverdient als Tabellenerster abgeschlossen. Civa sieht seine Mannschaft aber nicht chancenlos. Babelsberg erreichte zum Ablauf der Spielzeit Platz fünf und blieb – wie Cottbus – in den letzten sieben Partien ungeschlagen. »Wenn wir auf unsere Stärken setzen, selbst Fehler vermeiden und die von Cottbus ausnutzen, haben wir eine Chance«, so der 46-Jährige. »Wir treten mit viel Respekt an, aber nicht mit Angst.«

Civa freut sich auf den »Pokalfight« im Karl-Liebknecht-Stadion, in dem er selbst oft für Nulldrei aufgelaufen ist. Der gebürtige Bosnier stieg 2001 mit dem SVB in die zweite Liga auf und gewann mit Babelsberg insgesamt vier Mal den Brandenburger Landespokal. Ein solches Finale hat aber auch er noch nicht erlebt. »Für mich ist es das attraktivste Spiel am Tag der Amateure«, so Civa.

Die Kulisse dürfte dem gerecht werden: Mehr als 7000 Tickets sind weg, die »Mission ausverkauft« könnte gelingen. Ein ähnlich volles Haus hatte Babelsberg zuletzt gegen Hansa Rostock vor fünf Jahren zu bieten. 9000 Menschen besuchten damals das Karli. Den Sieg konnte überraschend Babelsberg davontragen, der Spieltag endete ohne Zwischenfälle.

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