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Unter fremden Grundherren

Martin Leidenfrost erforschte in Rumänien die Besitzverhältnisse von Feldern und Wiesen

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Steilhang über der Prut-Ebene ist grasgrün und sandgelb, wie freilaufend grasen einsame Pferde an langen Leinen. Am Abend wird das ziganisch angehauchte Dorf Frumusita von kleinen stillen Mücken befallen. Man ist den chaotischen Schwärmen ausgeliefert, ältere Kerle entfachen ein Pappfeuer dagegen.

Ich frage hier nach 100 von 4800 Hektar Agrarfläche, die eine Liechtensteiner Bank in Rumänien besitzt. Aber die Türsteher der Farmbetriebe haben nie von Liechtensteinern gehört. Auf einer buckligen Lehmpiste fahre ich auf die riesigen Felder hinaus, zu einer weißen Baracke hin. Nutzfahrzeuge, auf einem steht »Abbigliamento sportivo«. Nix Liechtenstein, sagt der Nachtwächter, sein Gutsherr sei ein zugezogener Italiener, der hier 1000 Hektar hat. Die Mücken, erklärt er, kommen aus dem Raps und gehen in ein paar Tagen ein. Ich fahre weiter, es dunkelt. Mit den neuen LED-Straßenlampen sehen die Moldaudörfer aus der Ferne wie Sternbilder aus.

Ich fahre vom Ostrand an die Westspitze Rumäniens. In der ebenen Kornkammer Banat steht der Weizen schon viel höher. Ich passiere Werbetafeln für Landverkauf, für das Pilzgift »Mystic Pro«, ich streife auch die 4600 Hektar der Generali-Versicherung. Während der Privatbesitz von Ackerland in einigen postsowjetischen Ländern ein Tabu darstellt, hat das prowestlich und antirussisch ausgerichtete Establishment Rumäniens hemmungslos liberalisiert.

Kein Stein ist auf dem anderen geblieben, mindestens 43 Prozent der rumänischen Agrarfläche gehören inzwischen Ausländern. Das sind oft westeuropäische Großbauern, die hier selbst ackern, darunter nicht wenige Deutsche. Oft sind es aber auch Anlagefonds, etwa aus angelsächsischen Ländern, Holland oder eben Liechtenstein, welche Agrarland im großen Stil kaufen, verpachten und teuer weiterverkaufen. Alle genießen sie Rechtssicherheit und kriegen von der EU Flächenförderung ausbezahlt - plus Investitionszuschüsse von 30 bis 70 Prozent.

Vor dem westlichsten Dorf Rumäniens wird der grüne Weizen zum Meer. Es ist absolut flach, die EU gibt Millionen für Infrastruktur, und es staubt in Beba Veche/Altbeba. Eine rumänisch-orthodoxe Kirche, eine ungarisch-katholische und ein kleiner Pfingstler-Neubau, für den hiesige Roma zusammengelegt haben. Der deutsche Friedhof ist ein versteppter Flecken im grünen Korn, vorne hängt ein rostiger Zaun an Kopfweidenstämmen. Zuletzt wurde eine Frau Witte begraben, 1998.

Ich weiß, dass jene Liechtensteiner Bank hier 188 Hektar gekauft hat sowie »nach langen Verhandlungen« weitere 673 Hektar »von dänischen Gutsherren«. Außerdem weiß ich von meiner Liechtensteiner Quelle, dass Liechtenstein bloß als Depotbank für eine süddeutsche Industriellen-Familie fungiert. Mein Glück ist, dass ich rasch auf den Farmer stoße, der jene 900 Hektar pachtet. Der soignierte Rumäne macht Augen, als ich von Liechtenstein spreche: »Ich dachte, der Besitzer ist Deutscher, die Pacht wird von einer Bukarester Firma abgewickelt.« Er sagt, er sei mit 2000 bewirtschafteten Hektar der größte einheimische Farmer in Beba Veche, nichts gegen den italienischen Margarine-Fabrikanten, der in der Gegend 10 000 Hektar hält. Er habe einst 100 D-Mark für einen Hektar bezahlt, die Dänen verkauften ihren Grund ums Dreifache weiter, jetzt liege der Preis bei 5000 Euro »und steigt«.

Auf meine Frage, wie es sich mit den »Liechtensteinern« arbeitet, antwortet er fast gar nicht. Schwer, gibt er zu verstehen, die wollen dauernd mehr Pachtzins. Er blinzelt mich durchdringend an: »Und, waschen die Liechtensteiner Geld?« Das kann ich ihm nicht sagen.

Auf einmal hat er eine Idee: »Komm, ich zeig dir was!« Er ruft die Grenzpolizei an, fährt mich an eine in rumänischen Nationalfarben gestrichene Schranke und umkurvt sie. Wir fahren durch Sperrgebiet, weitere Kilometer durch grünen Weizen. Es ist sein Weizen, Raps macht ihm zu viel Arbeit. Er hält, und ich rufe: »Ist das nicht Orbáns Zaun?« - »Psst, sag das nicht laut, die Ungarn sind furchtbar nervös.«

Der Grenzzaun endet genau beim »Triplex Confinium«, dem Denkmal am Drei-Länder-Punkt Serbien-Ungarn-Rumänien, das kaum jemand zu sehen kriegt. Kein Soldat zeigt sich, wir treten an den Triplex heran. Es folgt der bewegendste Moment meiner Fahrt über die verkaufte rumänische Erde. Ein Lautsprecher geht an, dröhnend, und warnt auf Arabisch vor dem Betreten Ungarns.

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