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  • Kultur
  • Zum Tod von Philipp Roth

Mit Zuckerman im Hinterzimmer

Philip Roth bleibt als einer der wichtigsten Schriftsteller der USA im Gedächtnis

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mit ihm ist einer der ganz großen Schriftsteller unserer Zeit von der Bühne der Weltliteratur abgetreten. Im Alter von 85 Jahren starb Philip Roth vergangene Nacht in einem New Yorker Krankenhaus an Herzversagen »umgeben von engen, lebenslangen Freunden«, wie sein Biograph Blake Bailey twitterte. 1933 in Newark/New Jersey geborene und aufgewachsen, war Philip Roth ein literarischer Durchstarter wie kein anderer. Schon für sein Debüt - einen Kurzroman und fünf Erzählungen - erhielt der damals 26-Jährige 1959 den National Book Award, die wohl renommierteste Auszeichnung im US-amerikanischen Literaturbetrieb. Es folgte eine beispiellose, auch ökonomisch äußerst erfolgreiche Karriere, die aber nie vom Literaturnobelpreis gekrönt wurde. Darüber regten sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten pünktlich zur Bekanntgabe des jeweiligen Preisträgers in Stockholm immer wieder Feuilletonisten in der ganzen Welt auf.

Das Werk von Philip Roth umfasst mehr als 25 Romane, zahlreiche Erzählbände und Essays. Wie kein anderer fiktionalisierte Roth sein eigenes Leben, mitunter sehr zum Leid seiner Familienangehörigen, die sich in zahlreichen Romanen zum Teil skurril und bizarr verfremdet wiederfanden. Geradezu unbarmherzig schrieb er über seine kleinbürgerliche jüdische Herkunft, was ihm in früheren Jahren - vor allem nach der Veröffentlichung des Skandalromans »Portnoys Beschwerden« 1969 - heftige Kritik von Seiten der jüdischen Gemeinden einbrachte. Gershom Scholem nannte damals in der israelischen Tageszeitung »Haaretz« den Roman »das Buch, das alle Antisemiten herbeigesehnt haben«. In späteren Jahren relativierte sich diese Haltung deutlich.

Philip Roth galt vielen eher als kritischer Chronist des jüdischen Amerika, das er auch in politischer Hinsicht 2004 in »Verschwörung gegen Amerika« fiktionalisierte. In der Alternativ-Geschichte finden unter Charles Lindbergh als Präsident in den USA der 1930er Jahre antisemitische Verfolgungen und Pogrome statt. Roths umfangreiches Werk dreht sich immer wieder um jüdische Identität, aber auch Antisemitismus und Rassismus spielen eine wichtige Rolle in seinen manchmal geradezu monothematisch anmutenden Romanen. Dabei geht es ebenso um den Bruch mit seiner Herkunft aus einfachen, kleinbürgerlichen Verhältnissen wie um die Vorurteile mit denen er sich Zeit seines Lebens konfrontiert sah.

So arbeitete er unter anderem in »Gegenleben« 1986 die antisemitischen und klassistischen Vorbehalte seiner britischen Schwiegereltern in einer bitterbösen Groteske auf. Dabei ringen Roths verschiedene literarische Alter-Egos - allen voran Nathan Zuckerman - zumeist hilflos um eine eigenständige Position jenseits familiärer und kultureller Zwänge und konterkarieren damit auch auf ironische Weise den amerikanischen Mythos des selfmademan.

Vielen galt Philip Roth auch als unangenehmer Macho und hassenswerter Sexist. Bereits der zuvor erwähnte Skandalroman »Portnoys Beschwerden«, der für damalige Verhältnisse sehr explizit Sexualität thematisierte, aber auch in zahlreichen späteren Büchern werden Frauen regelmäßig zu Objekten männlicher Begierden. Zum Ende seiner Karriere waren es oft ältere Akademiker, die jungen Frauen nachstellten. Nicht zuletzt deshalb, so eine gängige These, blieb ihm der Literaturnobelpreis verwehrt. Wobei Philip Roth wie kein zweiter auch die sexuelle Selbstbefriedigung literarisch in Szene setzte.

Auf jeden Fall schaffte er es im Lauf seiner gut 50-jährigen literarischen Karriere, sich einfach mit allen und jedem anzulegen, so wie er auch gleichzeitig eine gigantische, treue Fangemeinde weltweit besaß, der all diese Vorwürfe im Großen und Ganzen egal zu sein schienen. Dabei wurde in den letzten Jahren vor allem in den amerikanischen Feuilletons regelmäßig um all diese Themen debattiert und gestritten, natürlich ohne zu einer abschließenden Bewertung zu kommen.

Den großen Durchbruch, der ihn zum Dauergast der Feuilletons machte, hatte Roth 1998 mit dem Roman »Amerikanisches Idyll«, in dem er über die 1968er Generation und die amerikanische Terrorgruppe Weather Underground schrieb. Darin sprengt die Tochter eines Provinzamerikaners mit ihrem Kampfgenossen Bill das örtliche Postamt in die Luft. Roth fokussiert in diesem Buch das blanke Entsetzen und Unverständnis der älteren Generation, den Kampf der 68er reflektiert er kaum. Pikant ist aber, dass Bill Ayers, einer der Köpfe des Weather Undergrounds in seiner Autobiografie behauptet, sich in seiner Untergrundzeit regelmäßig mit einem ehemaligen Lehrer namens Nathan Zuckerman im Hinterzimmer einer Peepshow am Times Square getroffen zu haben, wo dieser ihm manchmal Geld zusteckte.

Sollte das stimmen, hat Philip Roth den linksradikalen bewaffneten Kampf Ende der 1960er Jahre unterstützt, ein Umstand den bisher kaum jemand bemerkt zu haben scheint. Auch wenn Roth definitiv kein Anhänger der 68er war, verfasste er zu dieser Zeit eine bitterböse Satire über Nixon. Das Werk dieses Ausnahmeschriftstellers hat in seinen Nuancen eben deutlich mehr zu bieten als es im ersten Moment scheinen mag.

2010 legte Philip Roth seinen letzten Roman vor: »Nemesis«, ein ebenfalls sehr politisches und antirassistisches Buch über eine Polioepidemie in den 1940er Jahren. 2012 erklärte er nichts mehr schreiben zu wollen. Roth ging in den verdienten Ruhestand. Als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Amerikas wird er trotz seines umfangreichen schriftstellerischen Erbes fehlen.

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Das Blättchen Heft 19/18