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China

Leo Fischer über die Talkshow »Sabine Christiansen« (Hartz IV, weil China) und die Welt von heute

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es wird wieder viel geweint im Wirtschaftsteil der »Welt«; geweint aus Sorge um Deutschland: »Platz 15, für mehr reicht es nicht. Deutschland rutscht im weltweiten Vergleich der wettbewerbsfähigsten Standorte ab. Vor vier Jahren schaffte es die Bundesrepublik noch auf den sechsten Rang, seitdem wurde sie nach unten durchgereicht - und liegt nun sogar hinter China und dem Wüstenstaat Katar.« Für eine Studie hat die Schweizer Wirtschaftshochschule IMD Faktoren wie Beschäftigung, Handel und Staatsverschuldung analysiert und mit den Antworten einiger tausend internationaler Manager verknüpft, nun ist es amtlich: Deutschland, ein winziges Fleckchen Erde auf einem eher tristen Archipel des eurasischen Kontinents, kann nicht mit der größten Volkswirtschaft des Planeten mithalten.

Um zu verstehen, warum da in der »Welt« die Krokodilstränen kullern, muss man etwas zurückgehen, in die politischen Talkshows der frühen Nullerjahre. Jede Woche saßen da Marktradikale jedweder Parteizugehörigkeit bei »Sabine Christiansen« und erklärten, dass man um eine Zerschlagung des Sozialstaats nun leider nicht herumkäme, denn sonst, so die schon damals mit völligem Ernst vorgetragene Warnung, würde uns China irgendwann den Rang als »Exportweltmeister« ablaufen, was einer völligen Niederlage, ja Zerschmetterung Deutschlands gleichkäme, und die könne ja nun wirklich keiner wollen. Verkürzt: Hartz IV, weil China.

Nicht zuletzt deswegen ist der Umbau Deutschlands in ein sozialsadistisches Billiglohnland fast völlig widerstandslos geglückt: weil man den Leuten erfolgreich eingeredet hat, dass uns sonst der Chinese irgendwann übers Ohr haut. Rassistische Motive von dem undurchsichtigen, zwielichtigen Asiaten wurden bedient, zusammen mit aus kalten Kriegstagen stammender antikommunistischer Furcht vor dem bienenstockartigen Kollektiv willenloser Roboter. Zugleich wurde die Nestwärme einer im Wirtschaftskrieg zusammenrückenden Volksgemeinschaft beschworen: Ja, wir müssen jetzt alle doppelt so hart arbeiten und sparen, aber wir halten zusammen! Es muss uns heute schlecht gehen, damit es uns morgen nicht noch schlechter geht, damit hat man in Deutschland noch jede Teufelei verkaufen können.

Platz 15 nun also für Deutschland. Trotz all der Entbehrungen, trotz all der sich selbst auferlegten Grausamkeit, haben eine Milliarde Chinesen dreihunderttausend Volkswagen-Angestellten irgendwann den Rang abgelaufen. Die Antwort darauf ist in der »Welt« selbstverständlich nicht, den Irrsinn dieser Standortkonkurrenz insgesamt in Zweifel zu ziehen, sondern bereits neue Härten anzumahnen: Die »Steuerlast« für die Unternehmen sei immer noch zu hoch, und auch die »Bürokratie« - also die Quellen des Sozialstaats und seine zwangsläufig verwaltungsförmigen Strukturen. Hier blickt man neidvoll nach China, denn wie die Volksrepublik als Schreckgespenst taugt, so auch als heimliches Wunschbild eines autoritär gelenkten Kapitalismus, der im Zweifel unbürokratisch und steuerneutral Dörfer plattmacht, wenn sie dem Wachstum im Wege stehen.

Man kann nicht mehr so mit China drohen, wie man es in den Nullerjahren getan hat; der Irrsinn, Deutschland müsse oder könne gar nur mit China mithalten, ist zu offenkundig. Aber drohen muss man, des Standorts wegen. Gruselartikel über China lassen ähnlich gelagerte westliche Bemühungen gleich viel nobler erscheinen - herrje, jetzt stehen sie in Afrika! Auch sonst zeigt man auf China, wie man im Mittelalter zuerst die Folterinstrumente gezeigt hat: Totalüberwachung, Sozialnoten, Schauprozesse, all das stünde im Arsenal bereit, all das wäre auch hier möglich. Die Konsequenz daraus: Es muss wiederum härter gearbeitet werden, denn das deutsche Bruttoinlandsprodukt verteidigt jetzt die westliche Demokratie; soll nicht die ganze Welt ein China werden, muss der Laden brummen. Im »Spiegel« spricht Georg Blume es für alle aus: »Wir müssen das Land lieben und hassen lernen wie die USA. Erst dann kommen wir in der Welt von heute an.«

In der Welt von heute besteht allerdings seit vielen Jahrzehnten auch Konsens, dass eine Welt, in der sich Deutschland nicht ständig an Großmächten orientiert, eine weitaus bessere und schöne und insgesamt für alle erfreulichere wäre. Diesen Konsens zu leben, das müssen wir, vor allem anderen, lernen. Erst dann kommen wir in der Welt von heute an.

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