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You walk alone

Liverpools Torwart Loris Karius sorgte mit seinen Patzern im Finale der Champions League für Fassungslosigkeit

  • Von Frank Hellmann, Kiew
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es gibt Momente, da hilft nicht mal die kräftigste Vereinshymne der Welt. Das zu jeder Tag- und Nachtzeit in Kiew erklungene »You’ll never walk alone« hat beim FC Liverpool wohl seltener deplatziert gewirkt, als im Nationalen Sport Komplex Olimpijskyj der Schlusspfiff ertönte. Zumindest für Loris Karius, dem der Refrain wie Hohn vorgekommen sein muss. Einsam am Torraum krümmte sich die Nummer eins. Die Arme weit von sich gestreckt. Den Rücken zum Buckel gebeugt. Wie ein Gläubiger bei der Andacht. Dabei war dem jungen Mann ein Albtraum widerfahren.

Alsbald legte sich der gebürtige Oberschwabe bäuchlings auf den Boden. Die Sekunden verrannen. Mitspieler waren weit und breit nicht zu erspähen. Wenn eine gefühlte Unendlichkeit kein einziger Feldspieler Trost spendet, bedeutet das fürs Standing eines Schlussmannes kein gutes Zeichen. Zuerst eilten die Madrilenen Nacho, Jesus Vallejo und Gareth Bale herbei, dann erst Liverpools Torwarttrainer John Achterberg.

Der Niederländer geleitete den Deutschen zur Mittellinie, wo sich Karius auf den Rücken legte. Die Hände vors Gesicht gedrückt, aber die Tränen waren nicht mehr aufzuhalten. In Sturzbächen rannen sie über die Wangen. Wie in Trance schleppte sich der schwarz gekleidete Keeper als Ritter der traurigen Gestalt später als einer der letzten an der roten Kurve vorbei und hob entschuldigend seine Hände. Doch das wird ebenso wenig reichen wie die Erklärung, die der 24-Jährige später abgab: »Es tut mir leid für alle, für das Team, für den ganzen Klub. Ich habe sie im Stich gelassen.« Ergänzt mit der für ihn unverrückbaren Feststellung: »Diese Tore haben uns den Titel gekostet. Es ist das Leben eines Torhüters. Man muss wieder aufstehen.«

Aber geht das so einfach, wenn eine »Karriere mit Kurven« (Fachmagazin »Kicker«) einen solchen Knick bekommt? Ohne seine grotesken Aussetzer wäre dieses flirrende Finale anders verlaufen. Womöglich wäre der Henkelpott das erste Mal nach 2005 wieder an die »Reds« gegangen. Auch Jürgen Klopp machte es sichtlich zu schaffen, dass ausgerechnet sein Landsmann patzte - beim VfB Stuttgart ausgebildet, mit 18 Jahren zu Manchester City ausgezogen, später beim FSV Mainz 05 zum Bundesligatorwart geformt und von Klopp persönlich vor zwei Jahren an die Anfield Road gelotst.

»Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht, das ist Wahnsinn«, sagte Liverpools Teammanager anschließend ins Mikrofon. Jürgen Klopp spürte, dass er nicht weiter Nachsicht mit einem Profi üben kann, den er bislang noch immer gegen (fast) jede Kritik in Schutz genommen hatte. Und so hörte sich Klopp später vor versammelter Weltpresse weit weniger mitfühlend an als sonst: »Die Fehler sind offensichtlich. Er weiß es, jeder weiß es. Wir müssen damit umgehen, er muss damit umgehen. Es war nicht seine Nacht.« Ganz gewiss nicht.

Beim 1:0 (51.) von Karim Benzema hatte Karius dem Franzosen den Ball gedankenlos direkt auf die Fußspitze geworfen. Aber damit war dem Kuriositätenkabinett noch nicht Genüge getan. Als Gareth Bale beim 3:1 (83.) aus großer Distanz abzog, machte Karius seinem Spitznamen »Mister Flutschfinger« alle Ehre: Das Objekt der Begierde glitt durch die Handschuhe, als habe ein Scherzbold Schmierseife auf den Haftschaum aufgetragen. Der frühere Nationaltorhüter Oliver Kahn war als begleitender Fernsehexperte nahezu fassungslos. Das könne die Karriere zerstören, sagte er. »Ich kann mich nicht erinnern, aus Torwartsicht jemals etwas Brutaleres gesehen zu haben als heute, gerade in einem Finale.« Kahn hat selbst im WM-Endspiel 2002 gegen Brasilien fatal danebengegriffen. Damals hatte sich der Welttorhüter zuvor am Finger verletzt und sodann in Yokohama die Handschuhe weggeworfen.

Auch Karius ließ nun seine Arbeitsutensilien in Kiew achtlos auf dem Rasen zurück. Nur ist der Makel damit nicht getilgt. Und erst recht streift ein Torwart nicht die Selbstzweifel ab, die sich als Dämonen im Kopf einnisten können. Vielleicht war es für ihn im vergangenen halben Jahr zu gut gelaufen. Der Deutsche hatte seinen belgischen Konkurrenten und WM-Fahrer Simon Mignolet in allen wichtigen Spielen auf die Bank verdrängt und bei der Hälfte seiner 32 Pflichtspiele zu Null gespielt.

Stephan Kuhnert, sein ehemaliger Torwarttrainer aus Mainzer Tagen, erzählte erst kürzlich, dass Karius ein Draufgänger sei, der immer mal wieder erinnert werden müsse, den Fokus zu halten. Der Lebemann, der in seiner Wahlheimat einen Geländewagen mit festlandeuropäisch links montiertem Lenkrad steuert, habe früher immer wieder mal einen Tritt in den Allerwertesten benötigt, um nicht vom richtigen Weg abzukommen. Doch nun könnte das Traumziel am River Mersey eine Sackgasse sein.

Die Zweifel sind gewaltig, dass er der Richtige für den Anspruch eines Spitzenvereins der Premier League ist. Es scheint fast unvermeidlich, dass Liverpool auch aufgrund des öffentlichen Drucks einen unbelasteten Hüter ihres Heiligtums verpflichtet. Gerüchte über das Interesse am brasilianischen Nationaltorwart Alisson Becker (AS Rom) erhalten neue Nahrung. Wer auch immer den Job bekommt: Ihm ist zu wünschen, dass er irgendwann in einer schwarzen Stunde nie so allein ist wie Loris Karius im Olimpijskyj von Kiew.

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