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Der U-Bahn mangelt es an allem

Personalmisere hängt auch mit Bezahlung zusammen / Tarifverhandlungen laufen

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Das Personal kriecht auf dem Zahnfleisch«, sagt ein Mitarbeiter der U-Bahn-Leitstelle der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Knapp 14 Wochen Überstunden haben sich auf seinem Arbeitszeitkonto angesammelt. Weil er wie der Großteil der Leitstellenmitarbeiter nur teilzeitbeschäftigt ist und Personal fehlt, hat er fast keine Möglichkeit, seine Überstunden abzufeiern.

Jahrelang wurde wegen geplanter Umstellungen zu wenig ausgebildet, gleichzeitig wurden Berufsbilder neu definiert. Die komplexe Umstrukturierung führt dazu, dass neu eingestellte Mitarbeiter für vergleichbare Tätigkeiten rund 250 bis 550 Euro weniger pro Monat verdienen. Zwar ist das Lohnniveau der Altbeschäftigten geschützt, aber zum Teil dürfen sie künftig nicht mehr die Positionen besetzen, die sie seit mehr als einem Jahrzehnt innehatten. Getroffen hat es einen Kollegen, der sich um die Stelle neu bewerben müsste, das Einkommen dann aber sänke. »Seitdem ist dieser einst hochmotivierte Kollege frustriert. Und so wird es vielen gehen«, sagt der Beschäftigte der Leitstelle. Dazu komme noch die nicht ausreichende Klimatisierung. Bereits in den letzten Tagen stiegen dort die Temperaturen auf 27 Grad. »Wie das erst im Sommer wird, will ich mir gar nicht vorstellen«, so der Beschäftigte.

Die Antwort auf ein schriftliche Anfrage des SPD-Politikers Tino Schopf gibt immerhin Einblick in die Lage im Fahrdienst der U-Bahn, obwohl die Art, wie die BVG geantwortet hat, das deutlich erschwert. 422 Schichten waren 2017 an einem normalen Werktag ohne Streckensperrungen oder Zusatzverkehre zu besetzen. Mit den 805 beschäftigten Fahrerinnen und Fahrern konnten regulär nur etwa 380 bis 400 Dienste täglich abgedeckt werden. BVG-Sprecherin Petra Reetz bestätigt die mühsam errechnete Größenordnung. »Wir können jedoch das reguläre Fahrpensum derzeit bewältigen«, sagt sie. Einerseits, weil einige Mitarbeiter aus anderen Bereichen auch U-Bahnen steuern dürfen und wegen der Überstunden. Direkt bei der BVG angestellte leisten ein Prozent Überstunden pro Jahr im Verhältnis zu ihrer Arbeitszeit, beim Tochterunternehmen Berlin Transport sind es sogar zwei Prozent. »Wir suchen händeringend Personal für alle Bereiche«, erklärt Reetz.

Neben dem Umgang mit den eigenen Mitarbeitern ist auch die Bezahlung ein Knackpunkt der Personalfindung. »BVG-Beschäftigte verdienen rund 200 Euro monatlich weniger als Kolleginnen und Kollegen in den anderen Bundesländern, im Alter steigt der Abstand sogar auf 400 bis 600 Euro«, sagt Jeremy Arndt, ver.di-Gewerkschaftssekretär für die BVG. Deswegen fordert ver.di fest 100 Euro mehr für jeden Beschäftigten. Für das U-Bahn-Fahrpersonal würde das ein Lohnplus von 4,8 Prozent bedeuten, für Schichtleiter in der U-Bahnleitstelle wären es immerhin drei Prozent mehr Einkommen. In der ersten Verhandlungsrunde Anfang Mai lehnte der Kommunale Arbeitgeberverband Berlin dies ab. Nach dem bis 2020 laufenden Entgelttarifvertrag müsste die BVG nur 1,8 Prozent mehr zahlen. »Wegen der guten Leistung der Mitarbeiter«, wie es heißt, sei das Unternehmen bereit, 2,5 Prozent mehr Einkommen zu gewähren. Rund 12,5 Millionen Euro würde das die BVG pro Jahr kosten, die ver.di-Forderung würde nach Angaben aus Unternehmenskreisen mit über 14 Millionen Euro zu Buche schlagen.

Diesen Montag wird erneut verhandelt. Die Gewerkschaft ist entschlossen, ihre Forderung durchzusetzen. »In den letzten Jahren hatten wir es geschafft, die Lohnschere zu anderen Bundesländern zu verkleinern«, erklärt Arndt. Bliebe es bei den 2,5 Prozent, würde sich der Abstand wieder vergrößern. »Bis zum 15. Juni müssen wir entscheiden, ob wir den Entgelttarifvertrag kündigen.«

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