Werbung

»Eschede muss Mahnung sein«

Gedenken am Ort der Katastrophe 20 Jahre nach dem schweren Zugunglück

  • Von Peer Körner, Eschede
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Am 3. Juni 1998 rast der ICE 884 auf seinem Weg von München nach Hamburg durch Niedersachsen. Kurz vor 11 Uhr kommt es in der Südheide zur Katastrophe. Bei Tempo 200 bricht kurz vor Eschede ein Radreifen und bleibt stecken. Weichen werden verstellt, das Gleisbett aufgepflügt, eine Brücke stürzt ein, entgleiste Waggons rasen in die Trümmer. 101 Menschen sterben beim schwersten Zugunglück in der Geschichte der Bundesrepublik, rund 100 werden verletzt.

Gisela Angermann hat ihren Sohn Klaus durch die Katastrophe verloren, der 29-Jährige wollte nach Hamburg. »Ich habe den Fernseher angemacht und gehört, dass eine Brücke auf einen Zug gefallen ist«, schildert sie den verhängnisvollen Tag vor 20 Jahren. »Dann kam meine Tochter und hat gesagt: ›Mutter setz dich hin. Klaus war in dem Zug.‹ Drei Tage nach dem Unglück haben sie im Krankenhaus die Maschinen abgeschaltet. Je älter ich werde, desto präsenter ist es«, so die heute 80-Jährige. Sie hat der Bahn Überheblichkeit vorgeworfen, von einem Prozess Aufklärung erhofft, vergeblich. Sie hat Medikamente genommen und wurde frühpensioniert.

Heinrich Löwen hat Frau Christl (50) und Tochter Astrid (26) verloren. »Ich habe die beiden früh am Morgen zum Bahnhof gebracht«, sagt der ergraute Niederbayer. »Dann sind sie in Nürnberg in diesen Zug gestiegen. Es waren damals Ferien. Ich habe meine andere Tochter betreut, sie ist behindert.« Am Mittag schaltet Löwen das Radio ein. »Es habe einen Zugunfall gegeben, hieß es. Dann stiegen ständig die Opferzahlen.« Ihm war nicht klar, ob es der Zug mit Frau und Tochter war. »Die angegebenen Telefonnummern waren besetzt, man war im höchsten Maß besorgt«, so Löwen. Drei Tage später steht die Polizei vor der Tür, die Tochter ist tot. »Erst nach einer Woche habe ich erfahren, dass auch meine Frau tot ist«, sagt Löwen. Drei Wochen nach der Tragödie gründet er die Selbsthilfegruppe der Hinterbliebenen.

»Es gibt eine Zeit vor Eschede und eine Zeit nach Eschede in meinem Leben. Das war eine persönliche Zeitenwende«, sagt Löwen. »Im Alltag tritt es zwar in den Hintergrund, doch ist es immer wieder präsent. Auch an Jahrestagen wie dem bevorstehenden holt es einen wieder ein. Das ist wie ein Phantomschmerz, es fehlt immer etwas. Eine intakte Familie wurde zerstört. Da hat die Arbeit für die Selbsthilfe Eschede sehr geholfen, der Kontakt mit anderen Betroffenen. Man hat versucht, etwas zu tun.« Der Umgang mit der Trauer sei bei den Betroffenen unterschiedlich. »Eine sinnvolle Aufgabe zu haben, hilft weiter. Einige gehen in die Kirche, andere in die Natur. Es hilft, Menschen zu haben, die sich auf einen einlassen und das mit aushalten.« Es gebe Fälle, wo es immer schwerer für Überlebende werde. »Es gibt keine Angehörigen mehr, sie vereinsamen. Da gibt es Fälle, wo Betroffene den Lebensmut verlieren und sogar an gebrochenem Herzen sterben, das ist nicht zu pathetisch gesagt«, betont Löwen. Auch für verletzte Überlebende werde es schwerer. »Die unfallbedingten Einschränkungen nehmen altersbedingt zu.«

»In den ersten Jahren ist es eine brennende, den Menschen zerreißende Trauer«, sagt Psychologe Georg Pieper. »Das wird im Laufe der Jahrzehnte für viele ruhiger. Es bleibt aber eine immer lodernde Flamme.« Er hat Opfer der Zugkatastrophe und deren Angehörige betreut und gilt als einer der erfahrensten Traumaexperten. Pieper ist seit 40 Jahren im Einsatz, so nach dem Amoklauf von Erfurt 2002 und dem Grubenunglück von Borken 1988.

»Ein Jahrestag ist ein weiterer Schritt der Verarbeitung, wenn man Trauergefühle zulässt und mit anderen teilt«, sagt Pieper mit Blick auf den Sonntag. »Auch zwanzig Jahre danach ist das Unglück an einem solchen Gedenktag den Angehörigen präsent. Das kann zu Albträumen und psychosomatischen Beschwerden führen. Auch Trauer, Wut und Zweifeln, ob man es geschafft hat, das zu bewältigen, gehören dazu.« Man sollte sich einem solchen Tag aktiv stellen, rät der Krisenpsychologe.

Heinrich Löwen und Gisela Angermann werden am 20. Jahrestag in Eschede sein. »Es wird eine Trauerfeier geben für alle, die dem ausgesetzt waren und dem Unglück gedenken wollen. Das gilt auch für die vielen Helfer von damals«, sagt Löwen. Gisela Angermann kommt mit ihrer Tochter. »Ich finde einen großen Auflauf nicht so schön, aber es ist etwas Gemeinsames«, sagt sie.

»Das Gedenken ist der eine Aspekt, aber man muss aus dem Unfall lernen«, betont Löwen. »Oberste Priorität muss immer die Sicherheit haben.« Der technische Fortschritt und das »Immer-schneller-höher-weiter« müssten Grenzen haben. »Eschede muss auf Dauer eine Mahnung sein«, fordert Löwen. dpa/nd

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen