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Auf dem Geldkongress

Martin Leidenfrost besuchte ein Treffen, dessen Teilnehmer er gegen den Vorwurf in Schutz nimmt, Spinner zu sein

  • Von Martin Leidenfrost
  • Lesedauer: 3 Min.

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Neulich war in Seitenstetten wieder Geldkongress. Es wäre leicht, die »für eine friedensfähige Geldordnung« streitenden Teilnehmer als Spinner zu porträtieren; wahr wäre es nicht. Im Gegenteil, als Absolvent der Seitenstettner Klosterschule bin ich mächtig stolz darauf, dass ausgerechnet in diesem niederösterreichischen Marktflecken um Alternativen zur Totalherrschaft des Finanzkapitalismus gerungen wird.

Etwa 50 Teilnehmer kamen ins Bildungshaus. Aufgelockert von ökumenischem Gottesdienst, Schuberts Mailied, Schreittanz und Amen-Kanon, wurde das Finanzsystem zerlegt. Als ich eintrat, feuerte gerade ein konservativer Rebell in grünem Janker eine Breitseite gegen Washington und Brüssel ab. Die USA seien »so kriegsbereit, weil ihre 21 Billionen Dollar Staatsschulden nur durch Gewalt rückzahlbar sind.« Der alte Herr forderte: »Eine Kapitaltransfersteuer von ein Promille, das würde in Österreich 16 Milliarden Euro ausmachen. Wir könnten uns entschulden.« Der Moderator, der in vielen Ethikbeiräten saß und in fünf Europakonvente gerufen wurde, war mit dem abtretenden Vorsitzenden der österreichischen Liberalen befreundet. Er habe jenen Matthias Strolz oft gefragt, warum er die Finanzarchitektur nicht angreife. »Weil er Angst hat!«

Am Freitagabend saßen alle im Kreis. Nach einem Impuls über die Sendung der Habsburger, denen es im »Experimentierfeld für Europa« Bukowina gelungen sei, »14 Völker zu vereinigen«, kamen alle, die wollten, zu Wort. Ein Ex-Banker war der »glücklichste Mensch«, seit er für das bedingungslose Grundeinkommen kämpfte, »das ist bedingungslose Liebe«. Sogar der Besitzer des Baukonzerns STRABAG wollte ihn kennenlernen. Ein Philosoph aus Deutschland beendete eine aufflammende Migrationsdebatte: »Eine Diskussion, ob Flüchtlinge arbeiten, ist daneben.« Ein Hippie, der »nicht mit Mutter Erde und Gottvater verbundene Initiativen kraftlos« nannte, bekam den Blues: »Wir treffen uns das vierte Mal, wir werden immer weniger, reden theoretisch …« Der Moderator sagte sanft: »Danke, dass du teilst, was in dir lebt.« Altabt Berthold, mein Religionslehrer, ein Förderer des Geldkongresses, setzte sich lauschend dazu.

Am Samstag baute sich dicke Luft auf. Das Modell der »Wertstufendemokratie« - mit jeweils einem Expertenparlament für Werte, Kultur, Recht und Wirtschaft - fiel im Plenum durch. Der Moderator mahnte zu positiver Herangehensweise: »Wir sind hier mit 70 Modellen, seien es die sieben Chakren oder …« Damit ging es in die »Lernräume«. Ich folgte einem Professor, dem eine namhafte Minderheit anhing, einem Gegner der »künstlichen Verknappungsideologie«. Er sprach von der »Biologie der heißen Tiefe«, »leergepumpte Ölfelder füllen sich in zwei bis drei Jahren wieder auf«. Ein Ernesto sagte, er horte nur soviel Geld, um in seinen Garten nach Uruguay zu kommen.

Im Plenum wurden dann zusammengetragen: »Resonanzerfahrungen« aus Leipzig, wo Bürger aus 63 Stadtteilen per Los zu Bürgerforen versammelt wurden; »Entängstigung durch Regionalwährungen«; Zeitwährungen; Gemeinwohlökonomie. Die Französin neben mir, die ihren Notizzettel mit Blättern und Ornamenten vollkritzelte, rief: »Werte!«

Als mögliche Reform innerhalb des Systems wurde »Vollgeld« vorgestellt, das heißt ein Verbot der Praxis, dass private Geschäftsbanken Geld schöpfen. Der Vollgeld-Aktivist, der in grünen Lederhosen betont maskulin auftrat, wurde aber angefeindet. Eine Dame mit DDR-Biografie fühlte sich an »Prostitution« erinnert, denn »es gibt bis heute geldlose Gesellschaften, Matriarchate. Die gehen durch das Eindringen der Geldwirtschaft zugrunde.« Einige applaudierten heftig. Während der Vollgeld-Mann erwiderte, tratschte die DDR-Dame mit ihrem Sitznachbarn; der Vollgeld-Mann brach die Erwiderung ab. Ein anderer forderte: »Es kann nicht sein, dass das Notwendige nicht gemacht wird, weil kein Geld da ist.« Nun waren wir am Kern: Geld ja oder nein, und wenn ja, warum nicht für alle?

Am Samstagabend saßen wir wieder im Kreis. Papst Franziskus wurde mit Karl Marx verbrüdert, und »Jesus wurde gekreuzigt, weil er die Tempelbank angegriffen hat«. Ein grauer Wuschelkopf stellte einen Globus in die Mitte. Sieben Milliarden Menschen, sagte er, sollten sich wenigstens auf dies einigen können: »empathische Zuerkennung des allen gemeinsamen Menschseins«. Ich wünsche mir, dass zum nächsten Geldkongress sieben Milliarden kommen.

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