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Débrouillez-vous

Barbara Thalheim besucht Henry Quatre

  • Von Barbara Thalheim
  • Lesedauer: 4 Min.

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Als der Gitarrist und Sänger der Band »Pink Floyd«, David Gilmour vor einiger Zeit am Bahnhof von Aix-en-Provence auf seinen Zug wartete, beeindruckte ihn die Melodie des Jingles der französischen Bahn SNCF.

Gilmour war entflammt, rief den Komponisten Michaël Boumendil an, bat ihn um die Genehmigung , seine aus nur vier Noten bestehende Komposition für einen eigenen Popsong verwenden zu dürfen. Es entstand »Rattle That Lock«, zu hören auf Gilmours aktueller CD. Es heißt, 94 Prozent aller Franzosen kennen die Melodie des SNCF-Jingles und können sie nachsingen. Quizfrage: Wie klingt das Pendant der Deutschen Bahn?

Auf vielen französischen Bahnhöfen stehen Klaviere. »A vous de jouer!« »Sie sind dran!« steht darauf. Ein die Wartezeit verkürzendes Angebot an Klavier spielende Reisende, anderen Reisenden Freude zu bereiten.

Als ich auf dem Bahnhof von Montpellier vor der elektronischen Anzeigentafel auf die Bekanntgabe des Bahnsteigs für meinen Zug nach Pau warte, setzt sich ein Afrikaner ans Klavier und spielt - ich glaube - Rachmaninow. Und zwar so virtuos, dass sich die geschäftige Bahnhofshalle für einen kurzen Moment in einen Konzertsaal zu verwandeln schien.

Es ist zehn Minuten vor Abfahrt meines Zuges. Ich renne zum Auskunftsbüro. »Madame, bitte! Wo fährt der Zug nach Bordeaux ab?« »Wird noch bekanntgegeben. Débrouillez-vous!« Was soviel heißt wie: Sie müssen s ich selber durchwursteln. Ich stürze zurück zur Anzeigetafel. Der Klaviervirtuose scheint zu wissen, wo sein Zug abfährt, das Instrument ist wieder frei. Ein Mann beruhigt mich. »Mir nach bitte!« Wir rennen zum Bahnsteig 4, tatsächlich, der Zug nach Bordeaux fährt hier ab. Er hat eine andere Zugnummer als auf meiner Karte steht. Egal, rein, los. Später sagt der Kontrolleur, verwechselte Zugnummern kämen öfter vor. Er lacht, scannt mein Billet, übersieht andere Reisende, die ihm Karten hinhalten. Irgendwie gehört das »Débrouillez-vous« zur französischen Mentalität und die ist, wenn man nicht gerade angewiesen ist auf eine Erklärung, durchaus sympathisch.

Mein Ziel, die Stadt Pau mit knapp 80.000 Einwohnern, liegt in der Region Nouvelle-Aquitaine am Fuße der Pyrenäen und gehört zum Département Pyrénées-Atlantiques. Ich besuche Kathrin, die junge Thüringerin, die Italienisch und Russisch studierte, um letztendlich mit ihrem Französisch, das sie nicht studierte, zu glänzen. Kathrin, die deutsche, in Frankreich verbeamtete Kreative hat mit ihren Kindern hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden. Wir fahren mit der alten Zahnradbahn hoch zum Schloss, wo man ein sagenhaftes Panorama auf die 430 km lange Gebirgskette der Pyrenäen zwischen Mittelmeer und Atlantik genießen kann. Aber nicht heute. Die Wolken hängen tiefer, als die Kirchtürme der Stadt hoch sind.

Das bereits im 10. Jahrhundert auf einem Felsvorsprung am Fluss Gave de Pau begonnene, wuchtige Stil-Mix-Renaissanceschloss ist von keinem Punkt der Stadt zu übersehen. Als Museum beherbergt es heute - es waren über die Jahrhunderte wohl zu viele Bewohner, Besitzer, Besetzer, Kriege - eine kunsthistorische Gemischtwarenhandlung. Nicht das Schloss, sondern der nachweislich darin Geborene ist die Attraktion! Henri Quatre!

Heinrich IV. wurde am 13.Dezember 1553 als Sohn des katholischen Herzogs Anton von Bourbon und der protestantischen Königin Johanna von Albret, geboren. Um auch ganz sicher einem männlichen Nachkommen das Leben schenken zu können, wurde die Königin angehalten, während der Geburt ja nicht zu schreien, und so versuchte die blaublütige Kreißende es mit gesungenen Klagelauten, die – so die Überlieferung - die 1,65 Meter dicken Schlossmauern vibrieren ließen.

Als nahezu einziges Originalexponat kann man im Schloss den Panzer einer riesigen Meeresschildkröte bestaunen, der einst als Wiege für Heinrich IV. gedient haben soll. Henri Quatre wurde bis 1560 volksnah von einer bäuerlichen Familie in Coarraze erzogen. Aus dieser Erfahrung »speist« sich wohl der von ihm überlieferte Satz: Jeder Franzose solle es sich unter seiner Regentschaft leisten können, sonntags ein Huhn im Topf zu haben. Von 1589 bis zu seiner Ermordung in Paris 1610 war Heinrich der IV. König von Frankreich. Ausgestattet mit der Macht, r an g der zur Güte neigende um die Einheit der Nation. Ein Hugenotte! – das ist die französische Verballhornung des Wortes Eidgenosse (Ü-g-o-n-o) - der die Bartholomäusnacht 1572 überlebte, und zur Befriedung seines Reichs nicht ganz freiwillig zum Katholizismus konvertierte. Sein Satz »Paris ist eine Messe wert« wird sprichwörtlich in den französischen Sprachgebrauch eingehen für etwas, das man nicht gern macht, aber wenn es zielführend ist, eben doch tut.

Ein anderer Heinrich, Heinrich Mann, begegnet e 1883 während seiner ersten Frankreichreise dem Stoff seines Lebens: Sein Buch »Die Jugend des Königs Henri Quatre« liegt im Museumsshop von Pau in vielen Sprachen bereit. Um es zu lesen, muss man nicht extra nach Pau reisen. Man kann es bestellen – nein, nicht dort, wo der geneigte Leser jetzt denkt – um die Ecke, beim Buchhändler seines Vertrauens. Das Werk ist ein Krimi. Unbedingt lesen!

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