Werbung

Aufstand der Frauen in Chile

Feministische Protestbewegung besetzt im ganzen Land Universitäten / Forderung nach Recht auf Abtreibung

  • Von Malte Seiwerth, Santiago de Chile
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Es ist ein Aufstand, wie ihn das konservative und patriarchale Chile noch nicht erlebt hat. Seit etwa einem Monat besetzen Frauen im ganzen Land Universitäten und verlangen ein Ende der sexistischen Bildung, den Rauswurf von Professoren und Studenten, die sie sexuell belästigt haben, und das Recht auf Abtreibung. Rund um das letzte Maiwochenende war sogar für ein paar Tage das zentrale Gebäude der Katholischen Universität von Santiago besetzt, ein Symbol der Macht der Kirche über Gesellschaft, Staat und Bildung. Diese Bewegung bringt neuen Wind in ein Land, das seit Jahren nicht zur Ruhe kommt. Sie gibt Frauen, die lange Zeit bei den Protesten in zweiter Reihe standen, Unterstützung, um ihre Forderungen endlich deutlich zu machen.

Zur öffentlichen Jahresansprache des rechten Präsidenten Sebastían Piñera etwa mobilisierten feministische Organisationen, Studierende und Gewerkschaften zu einem nationalen Protesttag. Unter dem Motto »Frauen gegen die Prekarisierung des Lebens« wachte Santiago mit Straßenblockaden auf, später gab es Demonstrationen im ganzem Land. In der Parlamentsstadt Valparaíso marschierten Tausende Frauen durch die Straßen. Dort sprach Piñera über die Pläne seiner Regierung für das kommende Jahr und kündigte zaghafte Reformen »für Frauen« an. Feministische Organisationen befanden diese als »sehr unzureichend, da sie nicht gegen die Fundamente des Machismus in der Gesellschaft vorgehen«. Der Protesttag war ein Höhepunkt im »feministischen Mai«. Dieser begann Anfang Mai mit der Besetzung der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universidad de Chile, die Aktion breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Mittlerweile sind mehr als 30 Universitäten teilweise besetzt, und noch mehr Universitäten und Schulen befinden sich in einem feministischen Streik.

Schon seit Jahren sind feministische Bewegungen in Chile und in Lateinamerika im Aufwind. Motiviert durch immer neue Morde an Frauen begannen 2016 massive Proteste unter dem Slogan »Ni una menos« (Nicht eine weniger). In Chile begann zur selben Zeit eine politische Debatte mit dem Ziel, das restriktive Abtreibungsverbot für drei Umstände aufzuheben. Die Gesetzesänderung wurde im vergangenem Jahr umgesetzt. Sie erlaubt nun eine Abtreibung im Falle, dass der Fötus im Mutterleib gestorben ist, bei Gefahr für das Leben der Mutter oder bei Vergewaltigung. Jedoch beriefen sich daraufhin viele Spitäler und Ärzte auf ihr Recht, sich einer Abtreibung aus Gewissensgründen zu verweigern; darunter das renommierte Spital der Katholischen Universität.

In den vergangenen Jahren hat sich vieles in der feministische Bewegung verändert. Natalia Guiñez erzählt von ihren ersten Protesten im Jahr 2012. Damals blockierte sie mit mehreren Mitstudentinnen die Straße und wurde brutal von der Polizei verprügelt. »Da sagten uns unsere Mitstudenten noch, wir Frauen sollten lieber in den Häusern bleiben, damit uns nichts passiert, wenn es zu Repressionsmaßnahmen kommt. Es sei Aufgabe der Männer, die Straße zu verteidigen.« Die Forderungen nach einer Bildung frei von Sexismus, nach einem Recht auf Abtreibung oder einer »sexuellen Revolution« hat sich die Studierendenbewegung schon lange auf ihre Fahnen geschrieben. Die Bewegung war jedoch lange Zeit von Männern dominiert. Manuela Rioseco, Präsidentin der Geschichtsstudierenden an der Universidad de Chile sagt dazu: »Unsere Forderungen wurden allgemein dazu benutzt, den Terminkalender der Mobilisierung zu füllen. Heute hingegen nehmen wir Frauen uns als Akteure mit eigener politischer Aktion wahr. Wir haben Rechte, deren Erfüllung nicht weiter in eine ferne Zukunft vertagt werden kann - und das nicht nur an Universitäten, sondern auch in Nachbarschaftsorganisationen, Gewerkschaften, in allen Räumen, in denen wir uns aufhalten.« Valentina Andrade, Sprecherin der Studierendenorganisation der Universidad de Chile, meint, dass die feministische Bewegung in Chile noch viele Jahre brauchen werde, um gesellschaftliche Verhaltensweisen zwischen Männern und Frauen zu verändern. »Doch sie hat es schon geschafft, angebliche Traditionen gesamtgesellschaftlich zu hinterfragen. Zudem wird es unausweichlich zu großen Veränderungen kommen, etwa die Einführung des Rechts auf Abtreibung.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen