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»... trotz euch das Schöne bleibt«

Vor 175 Jahren starb Friedrich Hölderlin, einer der größten deutschen Dichter

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Man glaubt nicht an Bäche und Bäume, es gibt sie einfach. Im Unterschied zu Gott. Aber wenn es Bäche und Bäume - und Gott! - im Gedicht gibt, dann gibt es sie mehr als vorher. Wenn wir lesen, ist in uns alles möglich. Der kleine Herzraum, der uns fortwährend zu eng ist, hat plötzlich Platz für wünschbare Weiten. Platz für das, was mehr und mehr verloren geht: die Welt des höheren Sinns; die Welt der Bindungskräfte; die Welt der Bedachtsamkeit; die Welt der Rückbesinnungen; die Welt des metaphysischen Trostes. Verlust schmerzt. Und ist schön. Denn nur was uns fehlt, macht uns schöpferisch. Macht uns sprechend.

Sprache? Bislang gibt es kein besseres Mittel, um etwas zu verschweigen. So entstanden wohl Zeitungen. Oder die politische Rede. Stets war Sprache am wenigsten bei sich, wenn man sie dem Mundwerk Mächtiger vorwarf. Zum Fraße. Zur Phrase. Sprache will und kann auch anders: »Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute/ Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein./ .../ Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will/ Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit./ Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer/ Stunde nicht und der Lust bleibet geweihet der Tag.« Hölderlin. Zum Knien.

»Eine Sehnsucht nach einem reinern, freiern Zustand hat alle Gemüter bewegt und mit der Wirklichkeit entzweit.« So steht es in dem großen Text »Der arme Hölderlin«, den Gerhard Wolf in den Jahren 1968/69 geschrieben hatte, der in der DDR aber erst mit Aufschub erscheinen durfte. Kunst sollte sich nicht mit der Wirklichkeit entzweien, sondern unbeirrbar die Einheit von Macht und Geist herbeilügen. Diese Einheit gibt es nicht, sie ist auch keiner Gesellschaft zu wünschen.

Hyperions Strafrede an die Deutschen - sie ist ein zürnendes Plädoyer für eine ganz neue Kultur des Weltverhaltens. Gegen den Kulturklimakiller Mensch. Gegen die hemdsärmeligen Dogmatiker der Vernunft. Gegen die Dünngeister des Erklärenkönnens und die Fanatiker des Belehrenmüssens. Hölderlin sagt’s ihnen: »Ihr sorgt und sinnt, dem Schicksal zu entlaufen und begreift es nicht ... Ihr entwürdigt, ihr zerreißt, wo sie euch duldet, die geduldige Natur, doch lebt sie fort in unendlicher Jugend ... o göttlich muß sie sein, weil ihr zerstören dürft, und dennoch sie nicht altert und trotz euch das Schöne bleibt!«

Wenn man diesen Dichter liest, dann zieht ein wohltuendes Bedrängen ins Gemüt. Das Gedicht als Reiseführer - dorthin, wo man etwas lediglich mit Ahnungen testen kann. Wo man sich also am Wort erfreut, weil es sich überhaupt nicht an dem beteiligt, was gerade wichtigtuerisch zur Debatte steht. Gestellt wird. Von den Standpunktrichtern. Von den Standpaukern. Von Leuten, wie es Adorno sagte, die »den metallenen Glanz eines Septembergedichts mit einem Büchsenöffner aufzureißen versuchen, um den vermeintlichen Inhalt zu entdecken.«

Dieser Theodor W. Adorno war es, der im Sommer 1967 an der Freien Universität Westberlin über Goethe sprechen wollte. Die Studenten - schon im Schwange jener anarcho-modischen Grobheit, die eine Zeit lang bundesdeutsche Widerstandskultur werden würde - bedrängten den Professor: gefälligst nicht über Klassizismus, sondern über die politische Situation zu reden. Er weigerte sich, trotz der Tumulte. Er war nicht bereit, lediglich eine Gesinnung zu demonstrieren. Denn: Große Dichtung ist sehr wohl ein Kommentar zur Zeit - der freilich Dimensionen freilegt, die jedem tagespolitischen Aktionismus fremd bleiben. Unter Gläubigen hält die Kunst es mit dem Unglauben, unter Ungläubigen mit dem Glauben. Sie ist wahr, obwohl sie nichts beweist.

Wenige Jahre nach der Französischen Revolution, nach dem Terror der Jakobiner, in der Wildnis der Napoleonischen Kriege richtete der 28-jährige Friedrich Hölderlin ein verzweifeltes Gebet an die Parzen, seine Schicksalsgöttinnen: Mochte er demnächst sterben, und mochte seiner Seele in diesem elenden Leben viel versagt geblieben sein: »Doch ist mir einst das Heil’ge, das am Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,/ Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!/ Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel/ Mich nicht hinab geleitet; Einmal/ Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.«

Eine grandiose Absage an die Welt - aber welch höchster Anspruch an die Existenz! Just Hölderlins Poesie als Beispiel für einen Reichtum, der alles andere, alles plustrig Politische im Weltgetriebe - wie bedeutsam, erschreckend oder gewichtig es auch erscheinen mag - verblassen lässt. Mehr bedarf’s nicht. Dies gesagt jetzt, in einer Zeit, da mancher sich Künstler wieder auf Barrikaden wünscht. Aber verbraucht, verschlissen ist »der kritische Impuls von Kunst, der die klassischen Avantgarden grundierte«, wie der Philosoph Konrad Paul Liessmann sagt.

Das eine gelungene Gedicht, das eine Gran Poesie, der eine Schritt Entrückung verleiht dem Leben (und damit auch dem Lesen!) eine nahezu religiöse Aura, die es von allen anderen Angelegenheiten des Daseins radikal entfernt. Ins Zentrum einer Freiheit hinein, die kein Markt, keine Ideologie, keine Religion je gewähren kann.

Hölderlin! Hat sich dann ins Dunkel gerettet. Hat uns draußen im stechenden Licht der Jahrhunderte sitzenlassen, unter den Scheinwerfern der Geschichte, wo es keiner aushält. Der Tübinger Turm als irrsinnige Idee, sich selbst aufzulösen. Isolationsschicksal eines Dichters, dem die Tragödie wiederfuhr: Er kam »unter die Deutschen«, ein Fremdling im eigenen Haus. Narr, Tor, Idiot, ein Partisan. Nur eine einzige Erkenntnis blieb nach all dem Trubel draußen: »...ach, so seltene Tage: Tage der schönen Menschlichkeit, die Tage sicherer, furchtloser Güte.«

Stephan Hermlin schrieb 1969 das Hörspiel »Scardanelli«. So wie sich Hölderlin fremde Namen gibt (eben auch Scardanelli) und doch er selber bleibt - so drängen sich im Hörstück all jene um den seltsamen Menschen im Turm, die ihre Individualität doch längst aufgaben, im Räderwerk des Staats. Die Liebste, die Feinde und Nebenfeinde, die einstigen Freunde - eine Welt der Unverständigen, der Schlauen; zum Sehen geboren, aber mit Blindheit geschlagen. Alle schmieden mit am Eisen, das ein Herz zerpresst. Die Hofmeisterei? Eine Demütigung. Selbst die Philosophie - ein Notbehelf. Die Kritiker ein Graus; sie lieben nur ihr eigenes, richterlich dröges Mittelmaß. So lernt ein Dichter schweigen.

Hölderlin, das Beispiel: Da büßt einer auf eine so gnadenlose Weise, dass es die Deutschen künftig schaudern müsste, mit diesem Namen umzugehen. Aber sie sind abgebrüht und sich ihres Rechts so sicher. Sind so fühllos. Sind von jenem Menschenschlag, der glaubt nur an sich selbst, an sonst nichts, höchstens, dass das, was er kräht, höher fliegt als der Adler. Der Dichter, geboren 1770 als Hölderlin, gestorben am 7. Juni 1843 als Scardanelli, begraben wieder unter altem Namen. Der Bestattungspreis wird vermerkt, als sei dem Dichter eine letzte Schuld geblieben: dreizehn Gulden, acht Kreuzer. So begraben Tote ihre Toten.

Seine Gedichte lesen: Mehr bedarf es nicht. Reim ist Rückkehr - in die Gebundenheit, deren Zeit vorbei ist. In die Strenge, deren Adel verblasste. Wer reimt, behauptet so etwas wie eine verlorene Kindlichkeit; das scheinbar Leichte teilt sich mit im edlen Mühestand der unbedingten Form. Heiterkeit, Gelöstheit durchziehen den Klang noch aller Wahrheit, die foltert und foltert. Alles stimmt im Rhythmus - der doch davon erzählt, dass etwas überhaupt nicht stimmt mit dem Leben. Freier Himmel, freie Sicht, immer so bitter erkauft: Die Märchenwälder stürzten donnernd ein.

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