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Pasta à la Bolognese

Mit der Bologna-Reform vor 20 Jahren sollte Europa durch Bildung gestärkt und geeint werden - eine Illusion

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Bologna heißt: Studieren im engen Raster.
Bologna heißt: Studieren im engen Raster.

In Paris waren die Universitäten menschenleer, als kürzlich das Ministertreffen zum Bologna-Prozess pompös in der Sorbonne begann. In denselben Hallen hat Präsident Emanuel Macron am 26. September 2017 seine Europarede gehalten, vor Studierenden. In den acht Wochen, seit sie in ganz Frankreich gegen seine Studienreformen demonstrieren und die Hochschulen lahmgelegt haben, war Macron hingegen nicht zu sehen.

Der Bologna-Prozess begann 1998 mit einer »Sorbonne-Erklärung«, die kurz darauf von 29 EU-Bildungsministern und -ministerinnen als »freiwillige Selbstverpflichtung« unterzeichnet wurde. Das Ziel war ein gesamteuropäisches Hochschulsystem, in dem alle Kurse in Bachelor und Master geteilt und alle Abschlüsse über die Grenzen hinweg anerkannt werden sollten, um die Studienmobilität zu fördern.

Bei den folgenden Bologna-Konferenzen wurde die Wunschliste immer länger: die jungen Leute früher in den Arbeitsmarkt zu bringen, Absolventen arbeitsmarktfähig zu machen und Bildungskosten zu senken. Auch »Inklusion« von Berufstätigen und Älteren kam irgendwann hinzu und das hehre Ziel der »Studierbarkeit« - also bessere Studienbedingungen. Das war von massiven Protesten von Studenten begleitet, die nicht wollten, dass »Bologna« zur Kommerzialisierung der Bildung beiträgt, in der Lehre als Dienstleistung und Hochschulen als Unternehmen aufgefasst werden.

Nathalie Schäfer war als deutsche Studentenvertreterin bei der jüngsten Bologna-Konferenz in Paris dabei. »Die Minister aus 48 Staaten saßen in der alten Pariser Börse in einem großen U. Diskutiert wurde sehr wenig. Von der lange versprochenen ›Studierbarkeit‹ und einer Öffnung der Unis für breitere Bevölkerungsschichten weit und breit keine Spur«, erzählt sie. »Schon das Vorbereitungstreffen in Sofia war von unglaublich großen Spannungen begleitet, Ausdruck der sozialen Spaltung zwischen dem ›guten‹ und dem ›schlechten‹ Europa.«

Gab es einen konkreten Plan oder einen Beschluss? »Ein europäisches Universitätsnetzwerk soll ein paar Millionen Euro erhalten. Eine Art europäische Exzellenzinitiative, Geld, das starken, ohnehin gut vernetzten Universitäten zugute kommt und die schwächeren in der Peripherie zurücklässt. Am Ende genau das Gegenteil dessen, was Europa braucht«, sagt Schäfer.

Fernando Vidagañ Murgui ist Philosoph und Musiker, er macht den Master auf Lehramt, gleichzeitig promoviert er. So ein richtiger Langzeitstudent und noch dazu guter Laune! Den Doktor macht er nebenher, weil er eben noch mehr wissen und lernen will. Valencias Studentenleben ist reich an Geselligkeit und an Musik, Fernando studiert viel und spielt, oft live, in verschiedenen Kombos.

»Bei uns kam der ›Plan Bologna‹ relativ spät an, erst in den 2010er Jahren. Ich habe mein Grundstudium noch nach der alten Ordnung absolviert. Geändert hat sich vor allem: Es ist teurer geworden, der Master schlug bei mir mit 1350 Euro zu Buche. In Barcelona gibt es Master, die kosten 4000 Euro pro Jahr - an staatlichen Unis!« Valencia ist eine der beliebtesten Erasmus-Städte, wohl weil es immer schön warm und sonnig ist und dabei so wohlgeordnet und provinziell wie in Stuttgart. »Aber die Englischkenntnisse sind weiter schwach bei uns, trotz der vielen Gaststudenten ist auch das Kursangebot auf Englisch eher gering. Daran hat Bologna wenig geändert.«

Die Kursstrukturen? Die Module und ECTS-Punkte? »Ich nenne es Infantilisierung des Studiums,« sagt Fernando und zeigt seinen kritzeligen Wochenplan. »Alles ist ganz kleinteilig, für jeden Kurs gibt es Aufgaben oder Prüfungen. Das fördert nicht Fähigkeit, selbstständig an etwas Umfassenderes zu denken und zu arbeiten. Es ist ein Rechensystem nach Punkten, das keinerlei inneren Zusammenhang verlangt.«

»Den Punkt teile ich völlig,« stimmt Ulrich Baßeler zu. Der umtriebige Emeritus von der FU Berlin kommt ursprünglich aus Kiel, wo er seinen Doktor 1970 gemacht hat. Sein Standardwerk zur Volkswirtschaft erscheint jetzt in der 19. Auflage. »In meinen letzten Lehrjahren habe ich das Bologna-System noch erlebt. Die Kohärenz eines Studienganges geht verloren. Die Studierenden stückeln ihre Kursmodule wie ein Patchwork zusammen, ob sie passen oder nicht. Man kann nichts aufeinander Aufbauendes mehr unterrichten.«

Florian Hinze ist jünger: »Ich habe das alte System vor Bologna nicht mehr kennengelernt, doch erzählten die aus dem alten Ingenieursstudium, dass der Stoff ihrer Diplomkurse einfach so gestaucht wurde, dass er in den Bachelor passte.« Seinen Master hat er an der TU Berlin abgeschlossen. »In Konstruktion hatte der Professor einmal über 100 Folien in nur einer Vorlesung.«

Die Grundförderung von Universitäten werde immer mehr zurückgefahren, sagt Hinze. »Die sind dann immer abhängiger von Drittmitteln. Der krasseste Fall war, dass ein Professor in seiner Vorlesung Werbung für BASF gemacht hat. Das war in Thermodynamik, Professor Günter Wozny hieß er. Die arbeiten mit BASF und anderen Unternehmen zusammen und bekommen Geld von denen. Ohne das, meinte er, würden die Laborräume traurig aussehen. Erst stritt er ab, dass die Uni mit skrupellosen Unternehmen zusammenarbeitet, aber als ich ihn fragte, ob nicht die BASF Teil der IG-Farben war, die das Gas für Konzentrationslager geliefert haben, hat er nichts mehr gesagt.«

War das Studium bürokratisch? »Ingenieur ohne Master ergibt keinen Sinn, deshalb muss man sich praktisch gleich zu Beginn des Bachelor auf den Master bewerben. Genauso fürs Auslandsjahr. Man muss jedes einzelne Modul an- und abmelden, was nur ohne lange Wartezeiten geht, wenn es online möglich ist. Alles andere, was ein bisschen aus der Reihe fällt, muss man aufwändig beantragen.«

Peter Grottian nennt sich einen alten bemoosten Karpfen, vom OSI, dem politikwissenschaftlichen Institut der Freien Universität Berlin. Er hat den Bildungsstreik 2008/2009 mitorganisiert, der damals immerhin 230 000 Menschen auf die Straße gebracht hat. »Das muss erst mal jemand nachmachen! Aber die Studierenden heute fühlen sich ja alle unter einem unglaublichen Druck. Der Zwang wird öffentlich aufgebaut. Du musst ganz schnell sein, und du musst ganz tolle Noten haben. Nur, das Bachelor-Niveau - das kann ich als Hochschullehrer sagen, weil ich nach wie vor Arbeiten betreue - ist unter aller Sau.«

Was hat das mit dem Bologna-Prozess zu tun? »Sicher, da ist etwas passiert an Reformen. Aber im Grunde genommen sind die Leistungen, die zum Bachelor abgenommen werde, nicht mehr als eine Proseminararbeit alten Typs, und das kann nicht damit gemeint sein. Das sind Arbeiten zwischen Wikipedia und was weiß ich. Was fehlt, ist das, was Max Weber wissenschaftliche Urteilsfähigkeit genannt hat. So kann man keine Leute aus der Uni entlassen. Das haben mir selbst Unternehmer bestätigt, die 20 Jahre lang glühend für die Studienreform eingetreten sind: Ein bisschen über den Tellerrand sollte man schon schauen können!«

Dominic Orr hat einen guten Überblick. Er hat jahrelang für die Bundesregierung Expertisen über die soziale Lage der Studierenden angefertigt und das Projekt »Eurostudent« geleitet, das studentische Lebenslagen in 28 Ländern statistisch erfasst. »In fast allen Ländern ist die Studierendenzahl extrem hochgegangen. Ich glaube daher, dass es sinnvoll war, auf Bachelor/Master umzustellen. Alle Länder mussten das machen und die Zweiteilung war sinnvoll. Es war auch sinnvoll, kurze Studiengänge einzuführen.«

»Eine Begleiterscheinung,« räumt er ein, »ist, dass das Studium viel komprimierter ist. Das Versprechen von der besseren Studierbarkeit ist eine leere Hülse geblieben. Gewünscht war eine größere Mobilität. Doch Studierende, wenn sie sich unter Druck fühlen, sind weniger gewillt, ins Ausland zu gehen. Auch das Vorhaben, mit den ECTS-Punkten außerschulische und berufliche Erfahrungen anzuerkennen und damit die Universitäten für mehr, auch ältere Leute zu öffnen, wurde nicht erfüllt.«

Ist der Bologna-Prozess also ein Fehlschlag? »Ein Problem ist«, meint Orr, »dass man diese Reformen eher aus der Sicht der Verwaltung und Organisation gesehen hat und nicht aus der Sicht der Lernenden. Alle die Arten der Flexibilisierung und der Versuch, das Studium etwas zeitgemäßer zu machen für die Studierenden und auch die Umwelt, aus der sie kommen und in die sie nachher gehen, das müsste man konsequenter umsetzen.«

Antonio Loprieno, ehemaliger Leiter der schweizerischen Rektorenkonferenz, schreibt in seinem Buch »Die entzauberte Universität«, die Schweiz habe sich nur den Anstrich einer Reform gegeben. »Eine vollkommene Reform,« sagte er im Fernsehen, »hätte impliziert, dass man auch am Studieninhalt arbeitet. Und das hat man nicht gemacht.«

Die Studentenproteste der Anfangsjahre sind verstummt, und die wenigsten Schweizer Studierenden verlassen nach ihrem ersten Abschluss die Uni. »Im angelsächsischen System, in den USA«, sagt Loprieno, »kann man Informatik im Bachelor studieren und danach im Master vielleicht etwas Anderes, zum Beispiel Physik oder Geisteswissenschaften. In der Schweiz kann man idealerweise nur Informatik weiterstudieren.«

Der slowenische Denker Slavoj Žižek hält die Frage für »viel komplexer. Die grundlegende Idee der Bologna-Reform war und ist, abzuschaffen, was Immanuel Kant den ›öffentlichen Gebrauch der Vernunft‹ nannte. Das ist für Kant die Vernunft, die nicht privaten Zwecken dient. Und für Kant ist der Staat eine private Institution. Bologna ist ein offener Angriff auf den öffentlichen, zweckfreien Gebrauch der Vernunft. Ein wahrer, das heißt unabhängiger Intellektueller ist kein Experte mit dem Beruf, Probleme, die Andere formuliert haben, zu lösen - etwa durch Bildung Gewalt und Arbeitslosigkeit zu verringern. Er oder sie formuliert die Probleme selber.«

Tino Brömme ist Leiter der Nachrichtenagentur ESNA European Higher Education News in Berlin und schreibt regelmäßig über europäische Hochschul- und Forschungspolitik.

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