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Wir haben doch nur uns

Dass die Bundesrepublik den Innovations- und Erfindergeist der Menschen benötigt, ist überhaupt kein großes Thema mehr, findet Roberto J. De Lapuente

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vor einigen Tagen stieß ich auf das Buch »Eisenkinder« von Sabine Rennefanz. Darin geht es um die »verlorene Generation«, zu der sie sich als Wendekind zählt. An einer Stelle schreibt sie, dass die DDR »ein kleines Land ohne große Ressourcen [gewesen sei], das unbedingt in der Welt anerkannt werden wollte. Als wichtigster Rohstoff galten die Menschen, es war wichtig, Talente früh zu entdecken.« Auf die Herkunft sei es übrigens nicht angekommen. Als ich das las, dachte ich an Herrn Teubner, der Mann für die Arbeitssicherheit in meinem früheren Lehrbetrieb. Er sprach ganz ähnlich. Wir jungen Leute sollten die Arbeitssicherheit nicht auf die leichte Schulter nehmen, sie garantiere unsere Gesundheit. »Wissen Sie, Sie haben nichts zu verkaufen als Ihre Arbeitskraft und Ihr Know-How«, belehrte er uns. Anders gesagt: Wir waren der Rohstoff.

Davon hört man eher selten etwas in der letzten Zeit. Dass die Bundesrepublik, die ja an sich auch nicht gesegnet ist mit seltenen Erden oder gigantischen Erdölfeldern, den Innovations- und Erfindergeist der Menschen benötigt, ist überhaupt kein großes Thema mehr. Nicht mal sonntags, wenn Reden gleich doppelt so schön ausfallen müssen. Gut, man stiert manchmal auf ein Plakat, auf dem zu lesen steht, dass das Handwerk bewege. Aber damit sind dann eher trockene Funktionärsfiguren gemeint, die der anonymen Masse der Handwerker vorsitzen. Eigentlich bewegen ja Handwerker, das Handwerk selbst ist nur ein blutloser Begriff, ein Verwaltungsterminus – eine Spitzfindigkeit, die man erwähnt werden muss.

Die DDR war da weiter als die aktuelle Bundesrepublik. Ohne jetzt eine Debatte starten zu wollen, ob das Bildungssystem im alten Osten in jedem Bereich vorbildlich war: Man wusste drüben doch wenigstens, dass man auf die Menschen setzen musste. Sie waren der Rohstoff. Von dieser Ansicht ging ein positives Zeichen aus, eine Perspektive: Bildung schafft Wohlstand. Mit der Förderung von Talenten (über alle Klassen hinweg), kommt die Gesellschaft voran, kriegt man jedes Problem geregelt. Das war jedenfalls der theoretische Anspruch.

Dass Bildung der Schlüssel ist: Natürlich ist das auch heute noch eine Binse. Mit Bildung und Ausbildung könne man ein selbstbestimmtes Leben führen, ohne das Solidarsystem zu oft in Anspruch nehmen zu müssen. Das ist der Unterschied: In der heutigen BRD zählt Bildung als Garant dafür, der Gesellschaft nicht auf der Tasche zu liegen. In der DDR war sie der perspektivische Einstieg, jeden bestmöglich innerhalb des Gemeinwesens einsetzen zu können. Wie gesagt: In der Theorie.

An unsere menschlichen Ressourcen denke ich oft dieser Tage. Ich frage mich, wo sie nur versiegen. Kein Großprojekt gelingt mehr, Flughäfen bauen andere schneller, ästhetischer und funktionierender als dieses moderne Deutschland. Die Infrastruktur darbt, man stückwerkt herum. Jeder Neubau für Büroflächen wird architektonisch zur Glasfassade entworfen, transparent und weltoffen zur Sonne hin. Wenn es dann noch Geld gibt, baut man eine Klimaanlage ein, falls nicht, dann halt nicht. Ökologie, aber auch Wohlfühlbauen, geht anders. Muss man dafür eigentlich Architektonik studieren? Wird hier der menschliche Rohstoff nach seinen Talenten gefördert oder wird man heute Architekt, weil gerade noch ein Studienplatz frei war? Immerhin ist es nicht ganz mit dem deutschen Erfindungsreichtum aus. Denn wie man stinkende Motoren per Software filtert, das scheint deutscher Erfindergeist heute schon noch zu können.

Wir verlieren den Anschluss – machen wir uns nichts vor. Andere Länder machen uns, die wir erst Dichter und Denker waren, dann Erfinder und Visionäre – zwischendrin waren wir Massenmörder, nur um es erwähnt zu haben -, schon lange vor, wie man effektiv und modern baut, digitalisiert und lebt. Natürlich spüren wir das alle – mal mehr, mal weniger. Und was macht die Wirtschaft und ihre PR, früher Politik genannt, aus der Misere? Sie nennt den ganzen Abstieg euphemistisch »Aufschwung« – es geht uns doch großartig, in diesem Land, in dem wir gerne und gut leben. »Made in Germany« hat noch einen Klang. Darauf ruhen wir uns aus, die Rohstoffe lassen wir solange ruhen. In einem Schulwesen, das so hochgradig undurchlässig in seinem Sozialgefüge ist, dass Talent nicht zwangsläufig mit Bildung beglückt werden kann. Da radelt dann das Talent als Foodora-Lieferant durch die Gassen. Der alte Teubner war übrigens nicht aus der DDR. Aber offenbar hat man früher in beiden Deutschländern gewusst, wer den Wohlstand erarbeitet und sichert: Der einzige Rohstoff, den wir hierzulande haben – uns!

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