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  • Kultur
  • Dokumentarfilm über gemeinsames Singen

Jede Zelle meines Körpers ist glücklich!

Der Dokumentarfilm »Mantra« hat das Heilmittel für unsere wunde Seele gefunden: Singen und Murmeln

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wenn ein Dokumentarfilm mit Klangschalengewimmer, Vogelgezwitscher und Bildern eines Sonnenuntergangs anfängt, weiß man eigentlich schon bescheid, welche Klientel hier bedient werden soll: jene Leute nämlich, die das Chaos, das die Welt ist, ordnen wollen, es aber naturgemäß nicht können; denen die Welt zu kompliziert ist, weswegen sie sie gern simplifizieren oder eine andere, bessere imaginieren wollen; die unbedingt Harmonie finden wollen, wo keine existiert; die »Einklang mit sich und der Welt« herstellen anstatt ihren Verstand einschalten wollen: Hippies, religiöse Spinner, Esoterikmuttis und die anderen üblichen Verdächtigen aus der Sinnsucherfraktion.

Dabei thematisiert der Film »Mantra« nur vordergründig so etwas wie Sinnsuche. Vielmehr geht es hier um die Macht des gemeinschaftlichen Singens beziehungsweise des kollektiven Chantens. »Chanten/Chanting im engeren Sinn bezeichnet das Singen von religiösen Liedern oder Mantren als religiöse Praxis. Im weiteren Sinn ist Chanting das Singen einfacher Melodien oder das melodische Sprechen von Texten − oft in Verbindung mit Körperbewegung, Trommeln oder auch Tanz − zum Beispiel als Teil von Therapien oder Wellness-Übungen«, so belehrt uns das Internetlexikon Wikipedia.

Der Film »Mantra« zeigt uns viele solcher Szenen: Menschen unterschiedlichen Alters, die gemeinsam und mit geschlossenen Augen einer repetitiven, oft süßlich klingenden Musik zuhören, sich dabei zu den Klängen wiegend, weinend oder - nach Call-and-Response-Manier - sichtlich bewegt in Richtung der Vorsingenden zurücksingend. »Heilsingen« wird diese Praxis auch genannt.

Solche Bilder sollen die enorme Macht des Chanting bezeugen, das, so glaubt man, den Menschen den inneren Frieden, den sie in unserer hässlichen, ruhelosen, krank machenden, vom Kapitalismus geformten Welt verloren haben, wieder zurückgeben könne. Das gemeinschaftliche bzw. zeitweilig eine Gemeinschaft stiftende ekstatische Tanzen und Singen, verstanden als rituelle, (ersatz-)religiöse Handlung, so erklärt einer der zahlreichen sich im Umfeld der Esoterik- und New-Age-Bewegung herumtreibenden Musiker, die für diesen Film befragt wurden, sei heute »ja nahezu ausgestorben«.

Auch der in New-Age-Kreisen beliebte US-Amerikaner Jeffrey Kagel, der sich den Künstlernamen Krishna Das gegeben hat und sich heute beruflich dem Chanting widmet, kommt häufiger zu Wort. Er spricht von seinem Guru und davon, wie er von diesem gelernt habe, »wie man lieben und Liebe finden« könne. Durch das gemeinsame Chanten, behauptet er, sei es ihm gelungen, die »dunklen Schatten zu bekämpfen«, die er zuvor »im Herzen getragen« habe. Auch andere, die in diesem Film zu Wort kommen, reden zuweilen in einem Jargon daher, der zusammengemixt scheint aus Kitschromanen, Julia-Engelmann-Gedichten, Esoterikphrasen und Dalai-Lama-Kalendersprüchen. Möglicherweise handelt es sich hierbei ja um eine Spätfolge des Chanting, das anscheinend auch Spuren im Sprachzentrum hinterlässt. »Wir brauchen spirituelle Nahrung, so wie unsere Körper Nahrung brauchen«, doziert ein im Schneidersitz sitzender Russe, der dem Zuschauer nicht namentlich vorgestellt wird. Von »Energie« redet ein anderer, von der »Hingabe an den Klang und den Rhythmus«. Das Singen von Mantras führe einen »vom Dunkel ins Licht«, meint wieder ein anderer, während der »durch die indische Musiktradition erleuchtete« Meditationsmusiker Miten uns unter anderem folgende tiefe Weisheit mitteilt: »Mit Musik lassen sich Dinge sagen, die man mit Worten nicht ausdrücken kann.« Na, da schau einer her! Bei Ihrer nächsten persönlichen Begegnung mit Gott beziehungsweise Ihrer nächsten Ufo-Sichtung also immer daran denken: Erst mal Klampfe und Klangschalen auspacken!

Eine von den Filmemachern interviewte Dame aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Maryland, die aus allgemeiner Unzufriedenheit und Unbehagen von einem Tag auf den anderen damit begonnen hat, buddhistische Gottesdienste zu besuchen, in deren Verlauf kleine Statuen großzügig mit Joghurt und Öl übergossen und beschmiert werden und die Menschen überschwänglich tanzen und gemeinsam singen, kommentiert ihre neu entdeckte Faszination an solchen Zusammenkünften wie folgt: »Ich kann es nicht mit dem Verstand erklären.« Mit dem Verstand also scheint die wundersame Macht des konzentrierten Silbenvorsichhinsingens nicht gar so viel zu tun zu haben. Was passiert mit uns, wenn wir chanten? Hören wir die Worte des hinduistischen Hip-Hop-Künstlers MC Yogi: »Ich spüre dann, wie glücklich meine Zellen sind.«

Tatsächlich scheint das repetitive Murmeln und Summen von Mantras bei Menschen, die nicht immer eine leichte Zeit in ihrem Leben hatten, eine heilsame Wirkung zu entfalten: Strafgefangene im US-Gefängnis San Quentin berichten davon, wie sie durch die Chanting-Konzerte der buddhistischen Sozialarbeiter neuen Mut geschöpft hätten, wie ihnen durch die dargebotene Performance und Musik »das Herz geweitet« worden sei und wie sie »inwendig die Freiheit gespürt« zu haben meinen. Ehemalige Drogenabhängige lächeln selig, als sie Mantras mitsingen dürfen.

Die reale Welt bleibt in diesem Film, der zeitweise den Eindruck hinterlässt, dass es sich bei ihm um einen anderthalbstündigen Reklamespot für religiösen Gesang handelt, so gut wie ausgespart: Kapitalismus, Krieg, Umweltverseuchung, wachsende Faschisierung, enthumanisierte Arbeitswelt und anderes Unerfreuliches - all das bleibt komplett ausgeblendet. Stattdessen lauschen wir den Überzeugungen eines buddhistischen Mönchs (»Chanting reinigt unser Denken von allem Negativen«) oder hören einem »vedischen Astrologen« zu, der »Singen als Heilmethode« anpreist.

Und wir betrachten Bilder von einsamen Stränden, von Sonnenstrahlen, die sich auf der Meeresoberfläche brechen, von Menschen, die irgendwo auf Korfu, in Moskau oder in New York auf Holzfußböden oder unter freiem Himmel sitzen und singen, weil sie spüren, dass ihnen das Man᠆tra-Singen zu größerer Bewusstheit verhilft bzw. halt eben wenigstens erst mal ordentlich für Stillstand im überarbeiteten und vom stressigen Alltag belasteten Verstand sorgt. Das Rezept für Glückseligkeit ist einfach: »Ich hörte irgendwann auf, alles verstehen zu wollen, und lehnte mich einfach zurück« (Krishna Das).

»Mantra - Sounds into silence«, Spanien/Deutschland 2017. Regie: Georgia Wyss. 85 Min.

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