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Dialog mit Instrumenten

Waleri Gergijew dirigierte im Konzerthaus die Russisch-Deutsche Musikakademie

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Jedes Jahr spielt die vor fünf Jahren gegründete Russich-Deutsche MusikAkademie einen Abend im Konzerthaus, alternierend mit demselben Programm in der Mariinsky Concert Hall zu St. Petersburg. Wenige Tage lagen diesmal dazwischen. Das Projekt wurde geboren, als die Fronten zwischen den Weststaaten und Russland neu aufbrachen. Zumindest in der Kultur sollte Zusammenarbeit funktionieren. Den Dialog zwischen jungen deutschen und russischen Musikerinnen und Musikern befördern als Modell für die Zukunft? Das ist gut gedacht und praktisch sehr nützlich. Es sei allein schon gut, sagte die russische Rednerin zu Beginn des Konzerts, dass sich die Beteiligten bei ihren Treffen »ihre eigene Meinung« bildeten. Dafür gab es Beifall.

Im Programmheft stehen zwei Grußworte, von Außenminister Sergej Lawrow und Bundesaußenminister Heiko Maas. Maas, der jüngst erst wieder Russland als Feind aufgerufen hatte, formuliert mit Kreide im Mund: »Nichts ist so gut geeignet (wie die Musik), Stereotype zu überwinden und Entfremdungen entgegenzuwirken«. Er sollte bei sich selber anfangen. Die Idee des Projekts ist fantastisch. Es ist paritätisch aufgebaut. Je zur Hälfte Musiker und Musikerinnen konzertieren abwechselnd in beiden Ländern. Sie müssen jung und Instrumentalisten sein: Studenten zahlreicher Hochschulen, Akademisten renommierter deutscher und russischer Orchester. Über 500 Spielerinnen und Spieler wurden bisher einbezogen.

Ausgewählte Gattungen, Besetzungen und Epochen bringt die Deutsch-Russische Akademie zu Gehör. Das geht bis in die Bereiche der Neuen Musik, wofür sich hauptsächlich das »Ensemble 2012« zuständig fühlt, eine Untergruppierung der Akademie. In all dem ähnelt sie der international zusammengesetzten Jungen Deutschen Philharmonie, nur dass die viel risikofreudiger ist. Sie experimentiert mit neuen Angebotsformen, begnügt sich nicht mit arrivierten Komponisten, sondern fördert hochwertige neue Musik verschiedenster Schattierung. Die Orchestermusik-Programme der Akademie nominieren indes solche Lebenden, die ohnehin auf den Podien in der Welt herumgereicht werden: Wolfgang Rihm, Wladimir Tarnopolski, Jörg Widmann.

Die Großkonzerte, auch das jüngste im Konzerthaus, spiegeln jeweilige nationale Traditionen und ihre Verbindungslinien. Doch der Begriff irritiert. Was ist etwa »deutsche Musik«? Das hieße im strengen Fall: keine Wiener Klassik, kein Schubert, kein Bruckner, Mahler oder Webern. Was Unsinn ist. Das »Ensemble 2012« spielt Webern und Ustwolskaja, Martinu und Strawinsky gleichermaßen. Musikgeschichte ist auch eine Wanderungsbewegung. Exilanten verschlug es in alle Welt. Ohne ihre Eingebundenheit in den europäischen Kontext ist russische und deutsche Musiktradition nicht zu denken. Grund genug, aus dem nationalen Korsett mehr als bisher herauszutreten. Selbstverständlich, die große C-Dur-Sinfonie von Schubert als Finalstück des Abends unter Waleri Gergijew aufzuführen.

Gergijew, geboren in Moskau, ist spiritus rector des Projekts und leitet es künstlerisch. Er studierte bei Ilja Mussin in Leningrad. Noch als Student gewann er den Herbert-von-Karajan-Dirigierwettbewerb. Gergijew wird beneidet um sein dirigentisches Talent, seinen enormen Fleiß, seine Umsicht, seine Schonungslosigkeit. Er leitet derzeit mehrere Orchester im In- und Ausland, darunter das London Symphonie Orchestra, das Orchester der Mariinsky-Theaters, die Münchner Philharmoniker. Sein Engagement und sein Tatendrang sind nicht zu bremsen.

Dass er das Akademie-Projekt leitet, ist für ihn auch ein eminent politischer Vorgang. Er will, dass es in der Welt gerecht zugeht, dass sein Land gleichbehandelt wird, dass Partnerschaft statt Hass obsiegt. Im Vorfeld seiner Ernennung zum Chef der Münchner Philharmoniker 2015 war keineswegs klar, ob er das Amt erhält. In Interview nahm er in der Krim-Frage Partei für die dortige Bevölkerung. Die hatte sich mit über neunzig Prozent Wählerstimmen zu Russland und Putin bekannt.

Das Konzert selbst blendete beispielhaft vier Geschichtsepochen auf. »Giostra Genovese - Alte Tänze verschiedener Meister« von Bernd Alois Zimmermann, das anlässlich seines 100. Geburtstages in diesem Jahr zu Beginn erklang, erfasst allein zwei Epochen. Die eigene des Autors und das fernliegende Alte. Zwei mehrstimmige, fröhlich durch die Register marschierende Tänze erklangen, der eine ganz in der Spielmannstradition, exzellent geschärft durch moderne Mittel der Instrumentierung, der zweite ein Finaltanz von vorbarocker Festlichkeit und Schönheit, ebenfalls mit Dissonanzen durchsetzt, beide aufgeführt mit fünf Kontrabässen, drei Gitarren, Holz- und Blechbläsern, Schlagzeug und Pauken. Jugendlich klar, engagiert, spielfreudig kamen die beiden, keineswegs zu den Brotarbeiten des Autors gehörenden Arbeiten.

In die Epoche russischer Spätromantik führte Sergej Rachmaninows 1901 komponiertes Klavierkonzert Nr. 2 c-moll, op. 18, ein Frühwerk des Pianisten und Komponisten von erstaunlicher gestalterischer Höhe. Der um den Globus immerfort streifende Weltstar Denis Matsujew aus Moskau spielte den Solopart. Mustergültig die Aufführung, ganz russisch in den von zärtlichen Flöten und Fagotten umflorten Kadenzen des Adagiosatzes wie in den energiegeladenen, an den Schlüssen donnernden Ecksätzen.

Den Höhepunkt bildete Schuberts der Epoche der Frühromantik zuzurechnende Achte in C-Dur mit einem Andante con moto, das in der gehörten Version wahrlich erschütterte. Die Themata kommen aus dem Moll nicht heraus, keine Auflösung, fast eine Qual der Vorgang. Die lange Fermate inmitten erschüttert. Die ganze Sinfonie eine grandiose Aufführung.

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