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Im Namen der Mimose

Christoph Ruf über Kritik, die auch im Sportjournalismus zunehmend als unsensibler Tabubruch gilt

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Torwart Loris Karius hat durch zwei schlimme Fehler entscheidenden Anteil daran, dass Liverpool nicht die Champions League gewonnen hat. Wer sein Gesicht nach dem Schlusspfiff gesehen hat, weiß, dass ihm genau das auch schmerzlich bewusst war. Und als ein paar Tage später die Theorie aufkam, dass Karius nach dem Foul eines Madrilenen mit einer Gehirnerschütterung weiterspielte und gar nicht mehr genau sehen konnte, tat er einem noch mehr leid.

Doch zu diesem Zeitpunkt hatte längst eine Debatte eingesetzt, die die Kommentatoren des Spiels aufs Korn nahm, anstatt endlich zu Wichtigerem zurückzukehren. Dass Karius’ Fehler so offen benannt wurden, sei skandalös, hieß es. Der Fußball habe nichts daraus gelernt, dass es Suizide von Spielern gab.

Aber gibt es da wirklich einen Zusammenhang?

Kein Mensch gerät doch in eine Lebenskrise, weil er in einem Teilbereich seines Lebens kritisiert wird. Wie auch die Depression, unter der Robert Enke litt, ein viel zu schlimmes Krankheitsbild ist, als dass man daraus Trivial-Kausalketten schnitzen könnte, wie sie im Fußball so beliebt sind. Nein, kein Mensch bringt sich um, weil Fans im Stadion schlimme und dumme Dinge rufen. Keiner tut das, weil ihm ein Pass misslingt oder er einen leichten Ball nicht fängt. Es wäre ja schön, wenn eine Depression so etwas Banales wäre, dass es sie nicht mehr gäbe, wenn die Menschen nur ein kleines bisschen freundlicher zueinander wären. Als Forderung an Journalisten und Kommentatoren ist es zudem problematisch, wenn postuliert wird, man solle auf Kritik verzichten. Es war ja nichts anderes als die Wahrheit, als Lothar Matthäus sagte, es habe seit Jahrzehnten keine schlechtere Torhüterleistung in einem Champions-League-Finale gegeben. Das ist schlicht nicht zu bestreiten. Natürlich verbietet sich Hohn und Spott. Aber muss man deswegen das Offensichtliche in Abrede stellen?

Offenbar schon, zumindest wird die Fußball-Berichterstattung seit Jahren immer kuscheliger. Der »kicker« fragt bei seiner alljährlichen Umfrage unter Bundesliga-Profis seit einigen Jahren nicht mehr nach dem schlechtesten Schiedsrichter. Der Referee Babak Rafati hat vor Jahren einen Suizidversuch unternommen - was tatsächlich ein guter Grund für die Branche ist, sich zu reflektieren. Aber muss man deswegen so tun, als gebe es dort, wo es gute Schiedsrichter gibt, nicht logischerweise auch weniger gute? Was wirklich existenziellen Druck erzeugt, ist doch nicht die Bewertung von sportlichen Leistungen. Es sind die Mechanismen einer turbokapitalistischen Branche, in der Fehler mit Millionen Euro verbunden sein können und in Wettbüros in Bangkok oder Buenos Aires Wetten auf belgische Drittligaspiele abgegeben werden können.

Vielleicht handelt es sich bei der Forderung nach Rundum-Freundlichkeit aber auch schlicht und einfach um einen Generationenkonflikt unter den Medien-Menschen. Da gibt es ja auf der einen Seite die Fraktion derjenigen, die nicht unbedingt viel dafür tun, um die Vorurteile über ihre Spielergeneration zu widerlegen. Vieles, was Oliver Kahn, Matthäus und Co. sagen, klingt ja tatsächlich nach Opas Erzählungen vom Krieg. Es fehlt an Empathie, an Bereitschaft, sich in die nächste Generation hineinzuversetzen. Und weil das so ist, findet das moderne Fußball-Feuilleton eigentlich alles, was die Altvorderen sagen, per se lächerlich. Nur dass sie an die Stelle der Blut-Schweiß-und-Tränen-Rhetorik eine vage Gratismoral setzen, die wenig Rücksicht auf Wahrhaftigkeit und viel auf die Egos der Mitmenschen nimmt.

Es ist ein Zeitgeist, der auch in Kitas oder in Konferenzen zu beobachten ist: Wenn 40 Bilder gemalt werden, haben 40 Kinder »ganz tolle« Bilder gemalt. Wenn ein Kollege einen schwachsinnigen Vorschlag macht, ist der »Interessant, aber..«. Kein Wunder eigentlich, dass Menschen, die permanent in Watte gepackt werden, ein beträchtliches Ego entwickeln und alles im Leben, das die eigene Großartigkeit tangieren könnte, als existenziellen Angriff empfinden. Wenn im Hörsaal irgend etwas zu hören ist, was einen studierenden Menschen irritiert, wird heute das Literaturprogramm verändert. Und wenn einem Spieler eine unangenehme Frage gestellt wird, kann es passieren, dass er beleidigt von dannen zieht. Ohne zu antworten. Es gibt definitiv zu viele Menschen, denen man ihr ganzes Leben über erzählt hat, dass sie ausschließlich ganz tolle Bilder malen.

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