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Auch Zahlen sind politisch

Der Autor Oliver Schlaudt kritisiert die scheinbare Objektivität von Statistiken

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 2 Min.

»Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.« Dieser Satz ist längst zum geflügelten Wort geworden. Doch um Statistiken oder Zahlen, die durch Fälschung entstehen und mit denen Akteure einen politischen Zweck verfolgen, geht es in dem neuen Buch von Oliver Schlaudt nur am Rande. Den über ökonomische Fragen schreibenden Philosophen interessieren jene Zahlen, bei denen alles mit rechten Dingen zugeht. Denn: Auch dann sind Zahlen politische Zahlen, so Schlaudts Hauptthese.

Er verdeutlicht das anhand des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die magische Zahl über die Rate des Wirtschaftswachstums ist ohne Zweifel die wichtigste politische Zahl. Wenn es heißt, die deutsche Wirtschaft ist um soundsoviel Prozent gewachsen, wird das als gut bewertet. Und zwar von allen relevanten politischen Akteuren, seien es konservative oder linke Parteien, Unternehmerverbände oder Gewerkschaften. Die Zahl bekommt dadurch den Status des Faktischen und Unhinterfragbaren. Sie wird gewissermaßen eine politische Zahl, weil sie - paradoxerweise - entpolitisierend wirkt. Warum? Weil diese hochkomplexe Zahl, die den Zustand einer ganzen Volkswirtschaft in einer Ziffer auf den Punkt bringen will, an sich nicht mehr hinterfragt wird. Höchstens wird ein »ja, aber« nachgeschoben. Das Wachstum müsse gerecht verteilt oder ökologisch gestaltet werden.

Dabei liegen die Probleme des BIP auf der Hand. Schlaudt schreibt: »Wer das Auto nimmt, trägt mehr zum BIP bei, als wer mit dem Fahrrad fährt. Wer sein Auto gar auf dem Nachhauseweg zu Schrott fährt, ist ein Held des BIP.« Wie, so fragt der Autor, kann diese Zahl also mit dem Wohlergehen zusammenhängen?

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist nur ein Beispiel über die Macht der Zahlen im gegenwärtigen Neoliberalismus. Evaluationen, Leistungsindikatoren, Rankings und Benchmarks - überall bestimmen Ziffern unsere Lebensrealität. Die zugrundeliegenden Vorentscheidungen und Annahmen werden aber kaum problematisiert.

Der Schein der Objektivität, der von diesen Zahlen ausgeht, wird von Schlaudt kritisiert. Das Interessante an seinen Ausführungen ist, dass die politischen Zahlen nicht mit anderen, besseren Zahlen kritisiert werden. Im Gegenteil: Der Autor kritisiert auch dieses Vorgehen. So bemängelt er beispielsweise an den alternativen Konzepten des BIP, dass sie auf der Ausdehnung des Kapitalbegriffs beruhen.

Schlaudts Ausführungen sind anspruchsvoll. Wer sich auf die Lektüre einlässt, wird jedoch mit neuen Erkenntnissen belohnt. Kritisch anzumerken ist, dass der Neoliberalismus bei Schlaudt mitunter als einheitlich handelndes Subjekt erscheint. Seine Schlussfolgerung lautet: Politik muss politischer werden, damit sie nicht zur technokratischen Expertenherrschaft verkommt, die auf scheinbar objektive Zahlen und den Markt vertraut.

Oliver Schlaudt: Die politischen Zahlen. Über Quantifizierung im Neoliberalismus, Klostermann, Frankfurt am Main 2018, 192 Seiten, 19,80 Euro

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