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Ehebruch im Gasometer

Theodor Fontanes »Effi Briest« als Freilichtinszenierung des Hans-Otto-Theaters Potsdam

»Eine Romanbibliothek dürfte auch bei krassester Auswahl ›Effi Briest‹ nicht missen lassen« - das sagte Thomas Mann zum 100. Geburtstag von Theodor Fontane und stellte den Roman seines Schriftstellerkollegen an die Seite solch literarischer Jahrhundertwerke wie »Anna Karenina«. Tolstois Roman ist ja bekanntlich auch eine Ehebruchsgeschichte, in der sich die Gefährdungen und Erstarrungen einer ganzen Gesellschaft spiegeln.

Die Ehebrecherin ist bei Fontane die 17-jährige Effi, die auf dringendes Anraten ihrer aufstiegsversessenen Mutter den 22 Jahre älteren Baron von Instetten heiratet. Von dem wird sie als Frau vernachlässigt, weshalb sie eine flüchtige Liebesbeziehung mit dem ungeliebten Major von Crampas eingeht und daraufhin von Ehemann und Eltern verstoßen wird.

Das Hans-Otto-Theater Potsdam hat nun eine Bühnenfassung hergestellt, die Fontanes 300-Seiten-Roman auf 60 Seiten Text und eine Spieldauer von gut zwei Stunden für das Gasometer komprimiert. Noch eindeutiger als bei Fontane steht darin die Geschichte des Ehebruchs im Zentrum. Gestrichen oder zu kleinen Erlebnisfetzen eingedampft sind dabei die Geschichten um die Umfeldfiguren des Paares. Die Begegnungen mit den Honoratioren der Stadt Kessin, mit den Glasenapps, den Ahlemanns, den Jatzkows und den Borckes, und die enervierenden Debatten um die Größe und Grenzen der Frauenherrschaft oder den Reifegrad des Rapses. All das fiel ebenso dem Rotstift zum Opfer wie die Gespräche im Hause des Apothekers Gieshübler und die Erörterung des Konzertprogramms der Sängerin Trippelli.

Schaffen solche Reduzierungen Verdichtung und Stringenz, so bleibt die Zusammenlegung zweier Bedienstetenfiguren zur Figur der Roswitha eine Kopfgeburt, weil da die konstruierte Aneinanderfügung widerstreitender Verhaltensweisen keine innere Logik findet. Neue Spielmöglichkeiten schafft allerdings die Bewahrung einer anderen Erzähltechnik Fontanes: der Vorwegnahme. Wenn im Original die Mädchen Effi und Hulda Stachelbeerschalen im Teich versenken, wird Effis späterer Untergang vorweggenommen.

In der Theaterfassung beschwört von Crampas wiederholt einen späteren ehrenvollen Soldatentod und nimmt auf solche Weise - als hätte er es geahnt - seinen unehrenhaften Tod durchs Duell vorweg.

Ein wesentliches Problem der Aufführung aber ist, dass sich auf der ungastlichen Bretterbühne vor den vernieteten Eisenplatten des Gasometers die szenische Atmosphäre des Elternhauses in Hohen-Kremmen oder des Spukhauses in Kessin ebenso wenig herstellen lässt wie die subtilen, psychologisch begründeten Figurenbeziehungen. Als Ersatz sucht die Regie (Christian von Treskow) nach spektakulären Hinzuerfindungen. Von Instetten agiert nach der Rückkunft in Kessin minutenlang in schlappriger Unterhose, von Crampas schmückt seinen Auftritt nach dem Bad im kalten Wasser mit einem artistischen Hechtsprung in den Sand aus und missbraucht später eine am kläglichen Baum hängende Birne als Objekt für einen Fallrückzieher.

Stilistisch schwankt die Inszenierung zwischen Opernparodie (die Darstellerin der Trippelli, Meike Fink, liefert die »Gewittercharge« einer aufgedrehten Operndiva), Grundsatzverkündung und Tanzspiel (Friedemann Eckert als von Crampas deutet die Rettung der Effi aus versinkendem Schlitten tänzerisch an). Schauspielerischer Kern der Aufführung ist das sich wandelnde Verhältnis von Effi (Denia Nironen) und Geert von Instettens (Rene Schwittay), der Wechsel von Abhängigkeiten und Zwängen. Effi ist zunächst das kichernde, ewig heitere Mädchen, später die immer aggressivere Kritikerin des ungalanten Verhaltens von Instettens. Nach ihrer Verstoßung ist sie die hemmungslose Hassverkünderin - ehe sie dann im Angesicht des Todes ihren Frieden findet.

Von Instetten wandelt sich vom selbstgefälligen Erzieher seiner Frau zum rasend Eifersüchtigen. Wenn er gegen Ende hin gegen den preußischen Ehrenkodex aufbegehrt, der ihm und seiner immer noch geliebten Ehefrau nur Unglück gebracht hat, dann findet die Aufführung nicht nur ihre Kernaussage sondern auch ihren schauspielerischen Höhepunkt.

Denia Nironen als Effi hat dagegen zu wenig schauspielkünstlerisches Differenzierungsvermögen. Ganze Szenen werden von ihr durchgeschrien, die Angestrengtheit der Darstellerin strengt auch den Zuschauer an. Gekonnte darstellerische Miniaturen liefert Peter Pagel. Als Apotheker Gieshübler mischt er in das Geständnis, gegenüber Frauen gehemmt zu sein, Selbstironie und die Trauer über ein verpasstes Leben. Als alter Briest will er mit trotziger Zurückgenommenheit den Entschluss zum Verstoß der Tochter revidieren.

Insgesamt ist das ein Abend, der unterhält, die Wahl des Spielortes für die Darstellung dieses Textes aber nicht begründen kann.

Nächste Vorstellungen: 15. und 16. Juni

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