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  • Aktion Arbeitsscheu Reich 1938

Das Bezeichnete bleibt beiseite

»Aktion Arbeitsscheu Reich 1938«: Das Theater an der Parkaue erinnert an ein Verbrechen der Nazis

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Den dominanten Strang des deutschsprachigen Gegenwartstheaters hat niemand so gut beschrieben wie der leider bereits im Ruhestand befindliche Kritiker Gerhard Stadelmaier: »Die Zeichen triumphieren, das Bezeichnete bleibt beiseite.« Wenn dieser Satz auf eine Inszenierung zutrifft, die sich mit einem der am wenigsten bekannten Kapitel der Nazizeit beschäftigt, dann muss da irgendwas gewaltig schiefgelaufen sein.

Dabei ist es allein schon verdienstvoll, dass das Theater an der Parkaue sich in einer Performance für Menschen ab 13 Jahren die Aktion »Arbeitsscheu Reich« von 1938 vorgenommen hat. Vor 80 Jahren startete das Naziregime große Verhaftungswellen. Mehr als 10 000 Sinti und Roma, Juden und »deutschblütige Asoziale« wurden in Konzentrationslager verschleppt, wo sie an ihrer Häftlingskleidung durch einen schwarzen Winkel kenntlich gemacht wurden. In der Hierarchie der Gefangenen rangierten sie ganz unten. Heinrich Himmler schätzte 1943 die Zahl der diesbezüglich Inhaftierten bereits auf 70 000.

Diese »Asozialen« waren für einige Zeit die größte Häftlingskategorie der Konzentrationslager. Unter ihnen befanden sich überwiegend Erwerbslose, Bettler, Landstreicher und mittellose Alkoholkranke, teilweise auch Zuhälter, Prostituierte und Personen, die mit Unterhaltszahlungen im Rückstand waren. All diese Leute hatten nur eines gemeinsam: Ihre Verfolger definierten sie als »arbeitsscheu«.

Auf der Bühne in Lichtenberg versammelt Regisseur Martin Clausen fünf Darsteller und eine Darstellerin. In 70 Minuten präsentiert das Sextett unzusammenhängende Szenen, in denen es über den Begriff des Asozialen debattiert, die Geschichte des Arbeitslagers Rummelsburg schlaglichtartig erwähnt und versucht, das konkret Historische performativ ins künstlerisch Abstrakte zu überführen.

So sperrig, wie sich das liest, sieht es dann auch aus. Im weiten Raum stehen Musikinstrumente, in der Mitte ragt ein mit Decken umhüllter Berg empor. In der ersten Spielszene sitzt der langjährige Thikwa-Schauspieler Torsten Holzapfel auf einem Stuhl. Umgeben ist er von zwei Mikrofonen, in die Birgit Berthold, Martin Clausen und Mario Schulte abwechselnd Fragen hineinhauchen wie: »Warum darf es in einer Gesellschaft keine Arbeitslosen geben?« oder: »Kann man heute noch ›asozial‹ sagen?« Holzapfel antwortet darauf arg kryptisch.

Was die im Publikum befindlichen Schulklassen im Unterricht über dieses Verbrechen der Nazis gelernt haben dürften, das macht die Aufführung leider nicht fühlbar. Sie ist kaum mehr als ein Assoziationsbaukasten, der die Probleme des demokratischen Theaters unfreiwillig offenbart. Auch dazu hat Stadelmaier einst Wegweisendes formuliert: »Das Theater wirkt in diesem Mitmach- und Mitspielgewerbe wie ein großer, wissenschaftlich umwölbter Stuhlkreis, der auch in Grundschulen und Kindergärten beliebt ist: Alle dürfen da die Finger heben und sich einbringen.«

Es wirkt, als habe Clausen alle Ideen seines Ensembles eingebaut, auf dass sich niemand zurückgesetzt fühlen möge. Die Musiker Christian Schulte und Harald Wissler singen Lieder über Würde und Anerkennung, die Schauspieler zeigen minutenlang stumm mit den Zeigefingern aufeinander oder treten nacheinander zur Rampe und kommen dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen, ohne dass eine Erzählabsicht erkennbar würde. Viele Schicksale aus der damaligen Zeit sind aktenkundig, aber nur wenige kommen hier zu Wort.

Eine Brücke zur Jetztzeit zu schlagen, das traut sich die Inszenierung nicht so recht. Dezent klingt an, dass es auch in der DDR durchaus Kampagnen gegen »Asoziale« gab. Was überhaupt nicht vorkommt, ist eine Idee, die erklären könnte, warum das Gedenken an diesen Aspekt der Barbarei so zurückhaltend erfolgt und weshalb die Opfer bis heute keine angemessene Entschädigung erhielten: Die Aktion »Arbeitsscheu Reich« ist Faschismus, der konsequent zu Ende gedacht wurde - und erschreckende Parallelen zum Kapitalismus hat.

Menschen nach ihrer Nützlichkeit zu bewerten, ohne ökonomische Macht lebende Unangepasste zu demütigen, das ist spätestens seit der Einführung der sozialdemokratisch-grünen Agenda 2010 ein fester Bestandteil des deutschen Sozialstaats. Wo es den Nazis noch darum ging, abweichendes Verhalten physisch zu vernichten, da reagiert die demokratisch abgefederte Herrschaftsform unserer Tage mit Sanktion, Disziplinierung und Gängelung. An der Parkaue ist dies in einer Bühnenform zu sehen, die Stadelmaier einmal als »Rübenrauschtheater« bezeichnet hat.

Nächste Vorstellung: 16. Juni

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