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»Als würde ich die Leute kennen«

Sechs Stolpersteine für Opfer des Faschismus in Hohenschönhausen verlegt

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Innerhalb weniger Augenblicke hat Gunter Demnig einen Pflasterstein aus dem Trottoir gehebelt. Er kniet mit einem Bein am Boden, das Gesicht unter seiner breiten Hutkrempe verborgen. Der Künstler, Erfinder der Stolpersteine, verliert keine Worte. Er legt einfach los, setzt zwei Steine mit Gedenktafeln in das Loch und klopft sie mit Hammerschlägen fest.

Alleine in Lichtenberg wurden bereits mehr als 100 Stolpersteine verlegt. Sie erinnern vor Häusern an ehemalige Bewohner, die während der Zeit des Faschismus verfolgt, ermordet, deportiert und vertrieben wurden.

Die Schülerinnen und Schüler, die im Halbkreis hinter Demnig stehen, sind weniger routiniert als er. Aufregung liegt in den Stimmen derjenigen, die nach dem Spiel der Schulband kurze Vorträge über das Leben der Opfer halten. Im Wahlpflichtunterricht haben 10. Klassen des Barnim-Gymnasiums gemeinsam mit Dagmar Poetzsch vom Arbeitskreis Stolpersteine der Fach- und Netzwerkstelle Licht-Blicke zu Opfern des Faschismus im Bezirk recherchiert.

An drei Orten in Hohenschönhausen sind am Sonnabend sechs Stolpersteine verlegt worden - angefangen in der Große-Leege-Straße 44b für das Ehepaar Willi und Erna Kolitz, das in Auschwitz ermordet wurde. Nur ein paar Schritte weiter, in der Große-Leege-Straße 45a, wohnten Jakob und Margot Klein und ihr Sohn Herbert.

Die Schülerinnen und Schüler haben herausgefunden, dass Jakob Klein selbstständiger Schneider war und seine Frau Margot aus einer alteingesessenen Berliner Handwerkerfamilie stammte. 1937 zogen die beiden mit ihrem zweijährigen Sohn Herbert in eine moderne Wohnung in der Große-Leege-Straße. Täglich litten sie als Juden unter den zunehmenden Bedrohungen, berichten die Schüler. 1939 wurden jüdische Handwerksbetriebe verboten. Ab 1941 musste die Familie den Davidstern tragen.

»Man denkt immer, dass es erst in Auschwitz losgegangen ist. Aber es ging viel früher los«, sagt die Zehntklässlerin Justine Seurig. »Es ist krass zu wissen, dass das noch gar nicht so lange her ist.« Für sie sei es ein besonderes Gefühl, an den Stolpersteinen vorbeizugehen, sagt ihre Mitschülerin Janika Neumann. »Ich spüre so eine Art Verbindung - als würde ich die Leute kennen.«

Am 2. und 3. März 1943 wurde die Familie mit dem 32. und 33. »Osttransport« ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Mit 1700 Menschen waren dies die größten der 61 sogenannten Osttransporte mit insgesamt 35 000 Berliner Juden, berichten die Schülerinnen.

Ob die Eltern Jakob und Margot als arbeitsfähig aussortiert oder gleich vergast wurden? »Wir wissen es nicht. Von allen Dreien haben wir nie wieder etwas gehört«, heißt es im Vortrag. Als er endet, applaudieren einige Schüler verhalten. Sie sind unsicher: Ist das angemessen? An den Stolpersteinen legen sie Blumen ab, bevor es weitergeht.

Dagmar Poetzsch stellte den Jugendlichen Informationen aus dem brandenburgischen Landeshauptarchiv zur Verfügung, im Landesarchiv Berlin recherchierten sie weiter. Die Gruppe um Familie Klein hatte Glück. »Es gab auch Schüler, die nicht so viel über ihre Familie herausgefunden haben«, erzählt Kaja Wittke auf dem Weg zum dritten Halt, der Konrad-Wolf-Straße 45. An vier Menschen wird an der Ecke vor einer Brache bereits erinnert: Eugen und Cäcilie Lange sowie ihre Töchter Herta und Hanni. Nun kommt ein fünfter Stein hinzu - für Cäcilies Mutter Bertha Glaser.

Zur Verlegung dieses Stolpersteins gekommen sind auch Ronit Bar Sapir aus Tel Aviv und ihr Sohn Peleg, der in Göttingen wohnt. Sie ist die Tochter von Herta Lange, die als einzige aus der Familie überlebt hat. Auf dem Todesmarsch im mecklenburgischen Malchow wurde sie befreit, ging nach Frankreich und später nach Argentinien, wo Ronit Bar Sapir aufgewachsen ist. Sie war schon mehrmals an jener Stelle in Berlin-Hohenschönhausen, an der das Eckhaus ihrer Familie stand. Anfangs sei das sehr hart gewesen, sagt die Frau. »Sie haben keine Gräber. Es gibt keinen Ort, um sich an sie zu erinnern.« Nun liegen dort Stolpersteine als kleine Zeichen des Gedenkens. Mit einem der frühesten Transporte war Ronit Bar Sapirs Ururgroßmutter Bertha Glaser im November 1941 nach Kowno in Litauen deportiert worden. Nun ist auch ihr Name auf einer Tafel zu lesen, die neben den älteren noch hell in der Sonne glänzt.

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