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Wo der Staat nicht hilft

Die erste Tafel wurde in Berlin gegründet

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Winter 1992/93 war recht kalt. Rund 11.000 Menschen lebten damals geschätzt in Berlin auf der Straße. Die Aktivistinnen der »Initiativgruppe Berliner Frauen e.V.« hörten von »City Harvest«. Diese New Yorker Initiative verteilte schon seit 1982 Lebensmittel an bedürftige Menschen. Das, dachten sich die Berlinerinnen, könne man auch. Die Idee der Tafel war geboren. Zunächst unterstützten die Frauen Obdachlose in einer Unterkunft in Berlin-Moabit. Zwei mal pro Woche fuhren sie dort hin, um 60 warme Mahlzeiten aus den Küchen verschiedener Hotels und Restaurants an die Hungrigen zu verteilen.

Mittlerweile stehen die Berliner Frauen mit ihrem Engagement nicht mehr allein da. Das Magazin »Stern« nannte die Tafeln einmal eine der größten sozialen Bewegungen unserer Zeit. 25 Jahre später geben 60 000 Helferinnen und Helfer bei über 940 Tafeln im ganzen Bundesgebiet Essen an 1,5 Millionen Bedürftige weiter. Denn Armut wird immer mehr zum Problem in Deutschland.

13,4 Millionen Menschen, beziehungsweise 16,5 Prozent der hiesigen Bevölkerung, sind laut dem Statistischen Bundesamt auf Grund ihres geringen Einkommens von Armut bedroht. Diese Menschen haben weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung. Zurzeit liegt dieses für einen alleinstehenden Erwachsenen bei 1064 Euro im Monat. Zählt man noch jene hinzu, die vielleicht etwas mehr verdienen, aber sich auf Grund ihrer angespannten finanziellen Lage zum Beispiel nicht richtig ernähren oder im Winter richtig heizen können, dann gilt fast jeder fünfte Mensch hierzulande arm.

»Nach 25 Jahren hat sich das Selbstverständnis der Tafeln gewandelt«, sagt der Vorsitzende der Dachorganisation Tafel Deutschland e. V., Jochen Brühl. Der Leitgedanke ziele nicht mehr darauf ab, sich selbst abzuschaffen. Es sei vielmehr Aufgabe von Gesellschaft und Politik, Lebensmittelverschwendung und Armut abzuschaffen. Solange dies nicht geschehen sei, werde es die Tafeln weiterhin geben. »Die Auflösung der Tafeln in Deutschland wäre vor dem Hintergrund immer größer werdender sozialer Probleme wie Alters- und Kinderarmut, Zuwanderung, Ausgrenzung und Landflucht unverantwortlich«, so Brühl.

Längst verteilen die Tafel-Helfer nicht mehr nur an Obdachlose Lebensmittel. Denn die staatlichen Sozialleistungen reichen oft nicht mehr zum Überleben aus. Drei von zehn Menschen, die auf die Tafeln angewiesen sind, sind Kinder. Fast jeder zweite Bedürftige, der sich Lebensmittel bei den Einrichtungen abholen muss, bezieht ALG 2. Jeweils 23 Prozent der Bedürftigen sind Rentner oder Geflüchtete.

Insgesamt 264 000 Tonnen Lebensmittel verteilen die Tafel-Engagierten jährlich an die 1,5 Millionen Bedürftigen. 60 Prozent der Ehrenamtlichen sind Frauen, 70 Prozent im Seniorenalter. Die Arbeitsleistung dieser meist ehrenamtlichen Helfer ist enorm. Insgesamt 24 Millionen Stunden pro Jahr verteilen sie Lebensmittel an Bedürftige. Nimmt man den Mindestlohn von rund neun Euro als Grundlage, spart sich der Staat allein durch die Arbeitsleistung der Ehrenamtlichen 216 Millionen Euro.

Jedoch erschwert der steigende Leistungsdruck am Arbeitsplatz ehrenamtliches Engagement. »Viele Organisationen spüren, dass es zunehmend schwieriger wird, neue Personen für das Engagement zu gewinnen«, schreibt die Tafel Deutschland in einer Petition an Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Das betreffe Organisationen aus fast allen Bereichen, egal ob in städtischen oder ländlichen Regionen. Die Tafeln fordern in ihrer Petition deswegen zusätzliche Rentenpunkte für jene, die sich nachweislich ehrenamtlich engagiert haben.

Ein weiteres Problem, das die Tafeln in Deutschland haben: Sie sind vor allem in Städten vertreten, aber nur wenig auf dem Land. »In Zukunft wird eines unserer Hauptaugenmerke auf den ländlichen Regionen liegen«, sagt deswegen der Vorsitzende von Tafel Deutschland, Jochen Brühl. »Menschen dürfen nicht länger das Gefühl haben, an den Rand gedrängt zu werden. Weder sozial noch regional. Deshalb setzen wir uns auch zukünftig dafür ein, dass die Bedürfnisse von bedürftigen Menschen in kleinen Gemeinden ebenso wie in Ballungsräumen stärker Gehör finden.«

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