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  • „Das achte Leben“

Gebt den Frauen das Kommando?

Autorentheatertage am Deutschen Theater: Das Thalia-Theater Hamburg zeigt »Das achte Leben (Für Brilka)«

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.

Wenn die Geschichte zu taumeln beginnt und alles mit sich reißt, dann wird Überleben zur Rhythmusfrage. Darum tanzt Stasia auch so beharrlich. Sie tanzt nicht mit der Zeit, auch nicht gegen sie - es ist ihr ganz eigener Tanz, ihr eigenes Lied, dem sie folgt. Das macht sie als Figur so real und gleichzeitig zu einer mythischen Figur, um die hier alle anderen zu kreisen beginnen. So wird Stasia selbst zu einem Quell der Legenden.

Sie ist die älteste jener Frauen, von denen »Das achte Leben« erzählt. In diesem georgischen Sechs-Generationen-Epos nach dem Roman von Nino Haratischwili wird sie zum roten Faden eines mehr als fünfstündigen Abends in der Regie von Jette Steckel. Die hinreißende Barbara Nüsse, vor Kurzem 75 Jahre alt geworden, tanzt als Stasia (geboren 1900) leichtfüßig wie eine alterslose Fee durch jene absurd-grausame Szenerie, die das 20. Jahrhundert zu werden verspricht. Männer kommen auch vor, aber die sterben meist früh - als Revolutionäre, Soldaten, Funktionäre, Verschwörer, echte oder angebliche Verräter. Gefangene der Ohnmacht, die vom Spiel mit der Macht bleibt. Die Frauen tragen weiter, was dennoch geschah.

Es beginnt mit Stasias Hochzeit. Sie ist die Tochter eines Schokoladenfabrikanten, aber schon beginnt 1921 auch in Georgien die neue Zeit, die nach neuen Menschen verlangt. Eine Verheißung, oder eine Drohung? Wohl beides. Die »permanente Revolution«, die jetzt ausgerufen wird, ersetzt erst einmal alle zivilen durch militärische Normen. Wer in solchen Zeiten Kinder bekommt, eine Familie gründet, der wird schnell in eine Art Krieg hineingezwungen - den ums alltägliche Überleben. Diesem Kampf wohnen wir bei - und dass er doch mehr ist als ein solcher, das haben sie hier jenem Tanz zu verdanken, der mit Stasia beginnt und nie endet.

Jette Steckel gelingt in ihrer Regie das Kunststück, diesen personalreichen Roman, der sich durch sechs Generationen und ein ganzes Jahrhundert hindurchzieht, in eine frappierende Dichte zu bringen. Sie findet aufschließende Bilder, die sie rhythmussicher choreografiert. So wirkt der Abend keinen Augenblick zu lang, zerfällt nicht in Einzelgeschichten.

Da ist vor allem der rote Teppich (Bühne: Florian Lösche). Das ist hier keiner, auf dem irgendwelche Würdenträger laufen, sondern ein traditionell-georgischer Wandteppich, der aufgerollt den Bühnenhintergrund einnimmt. Langsam rollt er nun ab - Muster werden sichtbar. Wir selbst sind die Fäden in diesem Teppich!, so lautet die Botschaft, und dass aus den Fäden ein solch kunstvolles Gewebe wurde, ist der Lohn für die Anstrengungen vieler in einer langen Zeit.

Doch das dominante Rot dieses Geschichtenteppichs, der zu einem Teil der Verhängnisgeschichte des 20. Jahrhunderts wird, offenbart den Preis dafür: eine Blutspur, die alles dominiert. Diese Familiengeschichte ist voll von Opfern. Erzählt man deren Leben, wirkt ihr früher Tod sinnlos.

Stasia träumt von ihnen. Das heißt, sie sieht Gespenster, lebt mit den Toten. Das stärkt sie in einem brutal-absurden Alltag. »Ist was passiert?«, lautet ihre sachlich-forschende Frage, wenn sie einen Raum betritt. Meist ist dann tatsächlich etwas passiert. Immer passiert etwas in diesen Zeiten des permanenten Umbruchs, der dann nahtlos in Stagnation übergeht.

Familie, ist das nicht Krieg auf engstem Raum? Man weiß dabei nie genau, ob er nun von außen herandrängt oder gar hier seinen Anfang nimmt, um dann überall Verwüstung anzurichten. Schutzräume jedenfalls bieten nur Fantasie und Traum. Stasias jüngere Schwester gerät an einen »kleinen großen Mann« im Machtapparat von Tblisi und überlebt das nur knapp. Stasia hat einen Sohn und eine Tochter: Kostja und Kitty sind bereits Kinder der Sowjetunion. Kostja verwandelt sich unaufhaltsam vom Menschen in einen Ideologen und bleibt in dieser abstrakten Hülle lebenslänglich gefangen.

Er ist Offizier, aber nicht in der Roten Armee, wie er vorgibt, sondern des KGB, dabei tief in die aus lauter Trivialität gemachte Dämonie geheimer Machtapparate verstrickt. Kitty, seine Schwester, wird in einen Mord (eine Reaktion auf die Grausamkeit des Apparats gegen sie) verwickelt und gelangt zu ihrem Schutz und dem ihres Bruders ins Ausland. So das paradoxe Zugleich von Opfer und Täter, dem sie ausgesetzt ist. In London wird sie eine erfolgreiche Sängerin.

Maja Schöne als Kitty erscheint als ein archaischer Kraftquell ohnegleichen. Diese wahrhaft gefährliche Schauspielerin kann in einem Augenblick feminin verloren und im anderen eine Furie der Vernichtung sein. Niemand, der sich in fremde Welten einfach einpassen lässt. Wer von diesen Frauen der Familie war es eigentlich, die sagte: »Ich weigere mich, die Welt mit deinen Augen zu sehen, das heißt aber nicht, dass ich sie gar nicht sehe.« Der Satz könnte von jeder von ihnen sein.

Haratischwili/Steckel haben »Das achte Leben« aus der Perspektive der Frauen der Familie Jaschi erzählt - und das führt bis ins Jahr 2006 zu Niza (auf spröde Weise eindringlich: Lisa Hagmeister), die in Berlin lebt und zu Brilka, der jüngsten der Frauen der Familie, gerade zwölf Jahre alt. Brilka will nach einer Reise in den Westen nicht ins Bürgerkriegsland Georgien zurückkehren. Niza beschließt, für sie ihre Geschichte zu erzählen - die der Familie und die Georgiens. Damit scheint sich ein Kreis zu schließen - aber wir wissen, dass es ein endloses Band gibt, das von Generation zu Generation reicht.

Ein feministischer Abend ist es nicht geworden, aber ein sehr poetischer im Sinne Aragons, der sagte, die Zukunft des Mannes sei die Frau. Ein enorm spielstarker ohnehin, aber hier profitiert Jette Steckel auch von Luk Perceval, der dieses großartige Thalia-Ensemble jahrelang formte.

Am Ende ist es Mirco Kreibich, der als Brilka vor uns steht - Kreibich, der am Anfang schon wie eine Mischung von Fee und Faun im Spitzentanz somnambul über die Bühne kreiste: eine Vision, doch eine durchaus greifbare. Was für ein feinsinnig starker Abend, der im Tanz ein Überlebensmittel gegen die drohende Hoffnungslosigkeit angesichts einer barbarischen Geschichte findet! Kein Totentanz, jedoch ein Tanz, der all die längst Toten aus ihrer Lebensmitte heraus auf die Bühne bringt, um sie dann - und diesmal in Würde - zu begraben.

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