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Gutgläubige, Neugierige, Wissensfrohe, Weltfreudige

»Trutz« von Christoph Hein bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Bekanntlich können sich Menschen schnell über die Zukunft verständigen - schwierig wird es erst bei Fragen der Vergangenheit. Und fest steht: Nur, wer immer bei der Wahrheit bliebe, dürfte sich ein schlechtes Gedächtnis gestatten. Valentin Katajew sprach, die Geschichte betrachtend, vom bitteren »Gras des Vergessens«; Paul Celan erschrak in seinem Kommentartext zu Alain Resnais’ Dokumentarfilm »Nacht und Nebel« über »die gnadenlos sanfte Gewalt, mit der ein so schönes Wiesengrün« die Massengräber der Nazilager »in ein weiches Bild« verwandelt. Und auch Christoph Hein hat mit dem Roman »Trutz« ein bedrängendes Werk gegen das Vergessen geschrieben. Eine Bühnenfassung erlebte nun bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen ihre Uraufführung - in Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover; Bearbeitung, Regie und Bühne: Dusan David Parizek.

Das 20. Jahrhundert in zwei sich kreuzenden Familiengeschichten. Rainer Trutz und Waldemar Gejm. Der kritische Journalist, der mit seiner Frau, einer Gewerkschafterin, vor Hitler in die Sowjetunion flieht, und der sowjetische Sprachwissenschaftler, der die Mnemonik vorantreibt, jene Wissenschaft vom Gedächtnis. Stalinistischer Terror verschleppt beide ins Lager. Von wo die Söhne Mykel und Rem sich in den Nachkrieg retten. Mykel Trutz, in den Osten Deutschlands kommend, wird sich gegen die FDJ wehren, er wird gegen einen hohen SED-Funktionär vorgehen, der bei der SS war - vergeblich. Er wird nach dem Ende der DDR gegen einen Ex-Stasi-Mann vorgehen - ebenso vergeblich. Am Ende ein abgeschobener Provinz-Archivar, bestraft, weil er mit einem belastenden Talent geschlagen ist: jenem Erinnerungsvermögen, das nichts vergräbt. Und das sich nicht beugen lässt.

Die Aufführung im Festspielhaus hatte mit einem Nachwende-Vortrag im Bundesarchiv begonnen: Stalin, sagt die Rednerin, sei Antreiber jenes Krieges gewesen, der sich dann gegen die Sowjetunion selber richtete. Hinterm Mythos einer Friedensmacht steckte schon immer eine »Militärpolitik des offensiven Handelns«. Aus dem Publikum Einspruch: »Unsinn!«, »Geschichtsfälschung!« Zwei Männer drängen auf die Bühne - so begegnen Mykel und Rem einander wieder, nach Jahrzehnten. Und erzählen ihre Geschichte. Die wechselnden Szenerien ohne Übergang; alles fließend episodisch; im Epischen nimmt die Aufführung Tempo auf, verdichtet sich zu erregenden Dialogen.

Das Faszinosum: Alles grausam Erfahrene ist in eine berückende Heiterkeit eingebettet. Mit einem vierköpfigen Ensemble inszenierte Parizek nach dem Gesetz des Bruders Beckett: Bis zum Äußersten gehen, dann wird Lachen entstehen; über den Abgründen obwaltet ein gut versteckter Gott, der rettet das Leben in die Späße. Bitterste Späße. Da wird beim bösen Verhör gesächselt; da wird das Wort »Mnemonik« zum Zungenbrecherspiel; da wird Sauerbraten serviert, indem Henning Hartmann Alphorn bläst; da wird ein Kind geboren, indem Sarah Franke über einer gewässerten Plastefolie die Beine spreizt und Ernst Stötzner, mit großem Anlauf, bäuchlings uns entgegenrutscht.

Hein schrieb an einer dauernden Leerstelle, in die nun auch Schrecken und Schock des Zuschauers eindringen können. Es ist der Schrecken über ein System der seelisch unverträglichen Daueragitation. Diese Übertragung des militärischen Habitus auf alle Lebensbereiche. Dieser Zwangsenthusiasmus einer Kaderpartei, die Millionen zu Duldenden erzog und sie von alternativen Quellen der Selbstachtung abschnitt. Diese Ausspitzelung der eigenen Gefolgschaft. Diese böse Neigung zum kurzen Prozess. Diese Sühne, auch wenn keine Schuld vorlag. Verhaftet und erschossen wurde nach präzisen Auflagen mit Steigerungsrate: Planwirtschaft.

Ob Mann oder Frau oder Kleinkind - Zeiten- und Ortswechsel sind hier immer auch hurtige Rollen- und Kleiderwechsel. Markus John: mal bärige Schwere, die mit roten Damenstrümpfen stöckelt; mal bulliger Frost, der sich zur wiegenden Wodkaseligkeit wandelt. Ernst Stötzner: knurrige Ossi-Scheu mit Umhängebeutel; mausgraue Unscheinbarkeit, hinter der aber ein Charakter auf seine Schmerzprüfungen wartet; mal bangende Anpassung, mal bockige Empörungskraft. Henning Hartmann: der gelockte Oberlehrertypus - plötzlich ein schmaler, aber tapferer Intellektueller; erst die Redlichkeit des »Weltbühne«-Autors, später die inquisitorische Härte des SED-Kaderkontrolleurs. Sarah Franke: burschikose Aktivistin, frohgemute Mutter, jammerfreie Leidensfrau; in allen Erschöpfungen noch immer Energiespenderin.

Du sitzt und siehst, wie Menschen zerrieben werden. Gutgläubige, Neugierige, Wissensfrohe, Weltfreudige. Wie nur war das möglich? Der Irrsinn des Stalinismus bestand darin, dass er Menschen brauchte und fand, die ans Humane des Ideals ebenso fest glaubten, wie sie vom Recht überzeugt waren, im Namen des Ideals immer auch mal, wenn nötig, ein wenig Willkür praktizieren zu dürfen. »Der Sieger der Geschichte«, so heißt es bei Hein, »schreibt die Geschichte. Die Archive sollen nicht die Wahrheit liefern, sondern die dazu passende Wahrheit.« Geschichtssinn treibt die Menschen zur Tat, er verlädt sie erst mit Utopien und dann in Kerker, verscharrt sie irgendwann, aber: Ein Ton, ein einziger Ton bleibt unverscharrt, es ist das mächtige Schweigen der Opfer. Dieser Ton reist als Dauerton durch die Zeiten. Auch durch unsere Gegenwart, die nicht minder barbarisch ist - dort und dort und dort.

Für eine Sache leben? Der Vorsatz leitet nicht selten das große Schrecknis alles Ideologischen ein: Man lebt für eine Sache, indem man irgendwann fraglos in ihr aufgeht. Daraus folgt nicht nur Selbstverlust, sondern meist auch Gefährdung und Züchtigung anderer Menschen. Die nicht gewillt sind, einem solchen Weg der soldatischen Selbstauflösung zu folgen. Die nicht ans Reißbrett einer Theorie genagelt werden wollen. Und plötzlich bist du entsetzt: hast dich schmutzig gemacht just an der reinen Lehre. Man wollte Erbe von Erkorenen werden und wurde Erbe von Erschlagenen und derer, die erschlugen. Scheinwerferlicht fällt jetzt schräg auf Rainer Trutz’ Leiche im Tundra-Frost. Aber selbst das probate Mittel des Kunstschnees wirkt hier nicht abgestanden, sondern sehr, sehr traurig. Dieser Schnee fällt auf eine karge Bühne. Heller Spielgrund, der leicht ins Publikum ragt. Dahinter zwei Wände - Projektionsflächen für russische Zeitungsseiten und Fotos der Jahrhundertgeschichte, bis hin zu Mauerbau und Christoph Hein als Redner am legendären 4. November 1989.

Dieser Autor umkreist Kräfteverhältnisse sorgsam, umsichtig kühl, er erzählt mit intelligenter Vorsicht und Besonnenheit von zerbrechenden Schutzräumen. Parizek übertrug das ins Spiel eines überzeugenden Kammerensembles: sensibel im Übermut, mutig im Feingefühl - als sei die Welt, die im Kampf mit dem Schrecken untergeht, manchmal auch ein Witz, der erst im Schrecken erblüht. Die vier Schauspieler sind mit einer komödiantischen Lust am Werke, die aber die dringliche Wachheit für Umschlagpunkte ins Tragische nie vergisst. Als stünde Hölderlins Wort Pate: Spielen, scherzen - ein Zwang? Ja, aber »dies müssen Verzweifelte nur«. So hat der Gaukelsprung des Theaters seinen Grund: Das Verzweifeln geht nie aus.

Beim Prozess, der Rainer Trutz nach Sibirien bringt, sitzt Henning Hartmann auf einem Stuhl, der waagerecht in die Wand geschraubt ist. An die Wand gesetzt wie schon an die Wand gestellt. Hoch oben der Vernehmer. Der Untergrund: die Projektion einer »Prawda«-Seite: Das Recht steht auf dem Kopf, also einzig auf dem Boden der Propaganda. Und der erzwungene Blick des Verhörten nach oben: Als sei er dazu verurteilt, die Erde zu erklären, aber die Sonne zu leugnen.

Operettenschluss, Gesang: »Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.« Und wieder das Alphorn. Ein böses Zwinkern, das es besser weiß: Trutz, das ist ein Schicksal, weitergegeben vom Vater auf den Sohn, aber es ist doch auch Trost durch - Trotz: seine Ohnmacht zu erkennen und dennoch lichtsuchend am Leben zu bleiben.

Ab Oktober im Schauspiel Hannover

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