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Flittertag

Die unterschlagene weibliche Seite des Sexuellen: Die Literaturverfilmung »Am Strand«

  • Von Felix Bartels
  • Lesedauer: 3 Min.

Dieser Film erzählt im Grunde nicht mehr als die Geschichte eines Beischlafs.

Florence und Edward befinden sich am Tag ihrer Hochzeit, im englischen Sommer 1962, in einem Hotel, das entlegen auf dem Kies des Chesil Beach steht. Sie versuchen einander näherzukommen, doch in den entscheidenden Momenten blockt Florence immer wieder ab. Rückblenden unterbrechen das Geschehen, machen die Beklemmung etwas verständlicher. Die Handlung steuert auf einen Crash zu; als der passiert, folgt die Erzählung Edwards weiterem Leben, das mit größer werdenden Sprüngen gen Zukunft angerissen wird.

Diese für sich interessante Struktur scheint allerdings unglücklich tariert. Wir werden unvermittelt ins Geschehen geworfen, erleben einen Fall ohne Fallhöhe, sehen die Katastrophe, aber zu wenig das Glück, das ihr vorausging. Der Schluss wieder ist von tragischer Schönheit, doch obgleich er Effekt macht, wirkt er gedehnt.

Die Stärken des Films liegen weniger im Kern (Idee, Story, Dialoge), sondern in den ausführenden Mitteln. Die brillante Saoirse Ronan dominiert den Cast fast schon zu sehr. Die Kamera hat trotz des wenig herausfordernden Szenenbilds intelligente Griffe, etwa wenn sich die Wege des Paares auch visuell trennen, indem der lange Kiesstrand auf den Fluchtpunkt zuläuft, während die beiden den so gezeichneten Weg verlassen.

Leider bleibt der Film, dessen Thema die unterschlagene weibliche Seite des Sexuellen ist, bei Kussszenen schrecklich konventionell, indem wir stets den Mann links mit Hinterkopf und die Frau rechts mit Gesicht sehen. Wir teilen also auch hier die männliche Perspektive, gleich einer Verbildlichung des patriarchalen Leitsatzes von Robert Graves: »Man does, woman is.«

Musik ist ein Leitmotiv der Handlung, wird als Mittel aber temperiert eingesetzt; sie folgt ganz dem Gestus der Violinistin Florence. Kammermusik, ausschließlich Streicher, meist ruhig, viel in Moll. Dass den Spitzenwert der Lebendigkeit Bachs Cellosuite No. 1 markiert, sagt alles. Denn es ist ein trauriger Film, der von einer aussichtslosen Situation sowie der späten (aber zu späten) Gewissheit handelt, dass sie so aussichtslos gar nicht war.

Eine Tragödie in zwei Schichten. Die erste berührt den Umstand, dass Sexualität eine Sache ist, die von Männern und Frauen verschieden wahrgenommen wird. Wo der Mann ein Abenteuer sieht, bei dem er zwar scheitern kann, aber stets die Kontrolle behält, schwingt für die Frau im sexuellen Akt die Angst beständig mit. Sie muss sich einem Partner hingeben, der ihr körperlich überlegen ist und bleibt damit von dessen gutem Willen abhängig. Auch Florence folgt dem eingeübten Rollenverhalten, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen und darauf zu achten, was von ihr erwartet wird. Sobald Sex sich anbahnt, steigt in ihr mächtiger Unwille auf. Die Hand verkrampft sich zur Faust, der Atem geht schwer, die Arme bleiben immer halb in Abwehr. Ein Zusammenhang mit der Prägung durch ihren cholerischen Vater lässt sich leicht herstellen.

Für Florence ist Liebe etwas anderes als Sex, für Edward ist beides untrennbar. Ihr Vorschlag, er soll doch mit anderen Frauen sexuell verkehren und dafür mit ihr das Leben verbringen, verstört ihn tief, sodass er noch am ersten Tag der Flitterwochen den Bund wieder auflöst. Jahrzehnte später wird ihm schmerzlich klar, dass in der Entsagung, die er ausschlug, eine Chance gelegen hatte. Die einst abgelehnte Promiskuität lebt er nun selbst, und Florences späteres Leben beweist, dass er nicht an einer unzugänglichen Frau, sondern an seiner eigenen Ungeduld gescheitert ist.

»Am Strand«, Großbritannien 2017. Regie: Dominic Cooke. Drehbuch: Ian McEwan. Darsteller: Saoirse Ronan, Billy Howle, Anne-Marie Duff. 110 Min.

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