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Keine Zeit zum Trauern

Sophia L. wird vermisst - Angehörige und Freunde versuchen, eine rechte Instrumentalisierung zu verhindern

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

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»Die Stadt gehört allen. Mein Ziel ist es, jeder und jedem zu ermöglichen, sie gemeinsam bunter zu gestalten und Freiräume für junge Ideen und Alternativen zu schaffen.« Die Worte stammen von Sophia L., 28 Jahre, Studentin und angehende Politikerin. Für die SPD Bamberg belegt sie Listenplatz 8, ein breites, ehrliches Lächeln ist neben ihrem Zitat auf dem Bewerbungsfoto zu finden. Ob Sophia ihre Ziele für die Stadtpolitik umsetzen können wird, ist ungewiss. Seit mittlerweile einer Woche gilt sie als vermisst. Ihre Freunde und Angehörigen bangen derzeit jedoch nicht nur um ihr Überleben. Sie müssen neben dem Medienrummel auch rassistische Instrumentalisierungsversuche abwehren, um ihr Andenken zu schützen.

Was war passiert? Sophia wollte am vergangenen Donnerstag von ihrem Studienort Leipzig nach Bayern trampen, wo ihre Familie wohnt. Bei einer Tankstelle in Schkeuditz wurde sie laut Polizei das letzte Mal gesehen. Sie habe dort mit mehreren Menschen gesprochen, ehe sie in den Lastwagen eines Mannes gestiegen sei. Am Abend fuhren beide los, nach rund einer Stunde verschickte sie noch mehrere unverfängliche SMS an Bekannte. Danach verliert sich ihre Spur - zu Hause kam sie nicht an. Am Freitag meldete sie ihre Familie als vermisst. In sozialen Netzwerken begannen Freunde und Angehörige um Unterstützung zu bitten. Sophias Bruder Andreas L., für die Grünen ebenfalls in der Bamberger Stadtpolitik aktiv, veröffentlichte mehrere Suchaufrufe.

Am Dienstag meldete dann die Polizei die Festnahme eines Mannes in Spanien. Er sei dringend verdächtig, die Tramperin getötet zu haben. Einzelheiten wollte man nicht sagen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Die Beamten suchten derweil weiter nach Sophia, bisher ohne Erfolg. Auch am Donnerstag hielten sich Polizei und Staatsanwaltschaft mit Informationen zu den Ermittlungen sehr zurück.

Die »Bild«-Zeitung hatte zu diesem Zeitpunkt schon längst ihre eigene Fahndung der Öffentlichkeit präsentiert. Der Verdächtige sei nach Informationen der Boulevardzeitung ein Marokkaner, man veröffentlichte ein angebliches Alter, einen angeblichen Namen, eine angebliche Zahl von Kindern. Die Polizei bestätigte nichts davon, doch das spielte für »Bild« bekanntlich noch nie eine Rolle.

Es dauerte erwartungsgemäß nicht lange, bis die rechtsradikale Internetgemeinde den Fall für sich entdeckte. Zu verlockend die Möglichkeit, mit verschiedenen Feindbildern abzurechnen, das eigene rassistische Weltbild in einem entsprechenden Narrativ zu verzahnen und sich dennoch als Kämpfer für Frauenrechte zu inszenieren: Junge Frau (1.), linke Politikerin (2.) und Flüchtlingshelferin (3.) fällt Muslim (4.) durch eigene Naivität (5.) zum Opfer (6). »Kein Wunder, wenn sie bei einem Marokkaner ins Auto steigt« und »selber schuld« waren noch die harmlosesten der Kommentare, der Hass steigerte sich bis hin zu Morddrohungen.

»Die Situation ist unerträglich für Freunde und Familie«, sagte Laura B. vom Unterstützerkreis von Sophia gegenüber »nd«. Gerade die Angehörigen seien momentan durch den »Shitstorm« überlastet.

Laura B. ist nach eigener Aussage eine gute Freundin der Vermissten. Für sie sei es wichtig, sich in Sophias Namen gegen eine rassistische Instrumentalisierung der möglichen Tat auszusprechen. »Sophia war ihr Leben lang aktiv gegen Rechts und engagiert sich in der Geflüchtetenhilfe.« So sei sie unter anderem mehrmals auf der griechischen Insel Lesbos gewesen, um sich dort für Schutzsuchende einzusetzen.

Bezogen auf den möglichen Täter erklärte Laura B.: »Egal, was passiert ist - uns ist wichtig, dass nicht die Kultur eines Menschen dafür verantwortlich gemacht wird, was dieser getan hat.« Die Debatte, wie sie in weiten Teilen geführt wird, sei verlogen. »Wenn eine Beziehungstat von einem Deutschen begangen wurde, interessiert das doch niemand.« Und dass Menschen die Verantwortung für das mögliche Verbrechen auch noch der Vermissten anlasten, sei eine Zumutung. »Wenn ich als Frau höre, dass Sophia selbst schuld gewesen sein soll, verletzt mich das tief.«

Laura B. würde gerne trauern, doch die einprasselnden Hasstiraden lassen derzeit dafür keinen Raum. »Da wir uns jetzt auch noch gegen die Instrumentalisierung zur Wehr setzen müssen, haben wir noch keine Zeit gehabt, um zu fühlen, wie es uns eigentlich geht.« Sie wünscht sich am Ende des Gesprächs, dass auf Sophias Willen und auch auf den von Freunden und Angehörigen Rücksicht genommen wird.

Später Donnerstagnachmittag, Interviews und Texte zur »vermissten Tramperin« werden in steigendem Tempo veröffentlicht. Laura B.: »Wir hoffen ebenfalls, dass die Medien reflektieren, was sie mit ihrer Berichterstattung lostreten.«

Rosa - Dietz-Verlag

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