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Serbien unter Geiern

Menschen, Natur und Geschichte südlich von Belgrad

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 7 Min.

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Flugpremiere nach Basra«, meldete kürzlich die serbische Tageszeitung Večernje Novosti. Das war nicht auf die Air Serbia gemünzt, die gar keine Irakverbindung im Streckennetz hat. Bei Basra war vielmehr ein in Serbien beringter Gänsegeier gelandet und eingefangen worden. Das Foto dazu zeigte einen höchst imposanten Greifvogel, von dem Laien annehmen dürften, dass er nicht in Südosteuropa zu Hause ist. Doch weit gefehlt, wie sich unweit des serbischen Städtchens Nova Varoš herausstellt.

»Schaut, dort sitzt einer«, raunt uns Ivan Nastić zu, mit dem wir die Uvac flussaufwärts paddeln. Der über weite Strecken angestaute Gebirgsfluss mäandert zwischen bis zu 250 Meter hohen Kalksteinriffen. Auf einem Vorsprung über uns, erst ob seines Mimikrygefieders unsichtbar, dann fast greifbar nahe, thront, majestätisch ruhend - ein Gänsegeier.

Von den grauen Krallen bis zum cremefarbenen Kopf über ein Meter messend und mit etwa zwei Metern Spannweite rangiere er ganz oben im Arten-, Gattungs- und Familienbaum der Geier, erläutert Stefan. Um die 400 Exemplare sind im Uvac-Nationalpark nahe der Grenze zu Bosnien-Herzegowina zu Hause. Immer wieder beäugen sie uns von ihren nestnahen Felsenbalkonen aus oder kreisen, nur noch als Punkte sichtbar, knapp unter den Wolken.

Später, als wir die Kajaks nach ein paar Kilometern festgemacht haben und einen steilen Stieg zu einem Aussichtspunkt auf den Uferfelsen hochklettern, rauschen sie ab und an wie Paraglider über uns hinweg. »Sie sind hier an Menschen inzwischen gut gewöhnt«, versichert unser Guide, »und wir tun alles, damit sie sich nicht gestört fühlen.« Ob ihn so viele Geier wegen ihres schlechten Rufes nicht abergläubisch machen? Ivan winkt ab. »Aberglaube hat den ganzen Balkan seit je her verrückt gemacht«, sagt er und lacht. »Wir müssen an uns glauben, und da gehören auch unsere Geier dazu.«

Schon in den 1980er Jahren hatte man der letzten der damals aus Südosteuropa fast verschwundenen Geierart die Chance gegeben, im Naturreservat eine Kolonie zu bilden. »Es hat lange gedauert, bis sie die fest angenommen haben«, sagt Ivan Nastić. »Aber jetzt sind sie geradezu ein Naturwunder, oder?«

Allerdings, sie sind geradezu ein Solitär - selbst hier, in dieser an Naturereignissen ohnehin reichen serbischen Gegend. Zu ihr gehören die Šumadija sowie West- und Ostserbien. In einem sehr weiten, ganz sanften Bogen sind sie der Landeshauptstadt Belgrad etwa 200 Kilometer südlich vorgelagert. Noch gelten so manche der hiesigen grandiosen Flussläufe und Wasserfälle, Höhlen oder Berggipfel nebst der Wander-, Kletter-, Rad- oder Kajakrouten in Westeuropa als Geheimtipp.

»Doch ganz sicher nicht mehr lange«, erwarten Skylar und Geert Vermeulen aus Holland, die auf dem Campingplatz von Zlatibor mit ihren zwei Kindern im Caravan Station machen: »Wegen der tollen Natur und der interessanten Menschen, die man hier trifft. Und auch wegen der Preise.« Der junge Platzwart Momčil Michailov nickt. Ein Stellplatz kostet pro Tag 18 Euro für zwei Erwachsene, Kinder sind bis zwölf Jahre frei, Waschsalon wie alle anderen Sanitäreinrichtungen inklusive. »Wir erwarten dieses Jahr bei Campern wieder ein Plus um die zehn Prozent«, sagt er.

Auf dem nahen Hochplateau Šumatno Brdo herrscht buntes Touristen- und Ausflugstreiben. Anziehungspunkte sind ein rustikales Café und eine große Gedenkstele. Erinnert wird hier - wie an vielen ähnlichen Plätzen in Ex-Jugoslawien - an den Kampf der Tito-Partisanen gegen die einstigen Nazibesatzer und deren einheimische Vasallen. »Wir sind mit den Motorrädern gerade aus Čačak gekommen und hier gleich zum Parkplatz gefahren, weil man die Stele ja schon von weiten sieht«, erzählen Lutz Wessel und Reiner Steglich aus Ludwigshafen. »Unterwegs sind uns auf unserer Serbientour schon einige solcher Denkmäler begegnet. Entsetzlich und kaum vorstellbar, was damals geschah.«

In den nahe gelegenen Städten Kraljevo und Kragujevac hatten im Oktober 1941 Wehrmachtssoldaten 6000 zivile Einwohner erschossen. Darunter waren mehr als 200 Gymnasiasten und ihre Lehrer. Für jeden toten Deutschen im Antipartisanenkampf 100 tote serbische Geiseln, lautete der damalige Befehl aus Berlin. Zuvor hatten im 20. Jahrhundert bereits die beiden Balkankriege und der Erste Weltkrieg tiefe blutige Spuren in dieser Region hinterlassen.

Die beiden Industriestädte Kraljevo und Kragujevac waren im Frühjahr 1999 Ziel der 88 Tage dauernden Luftangriffe der NATO-Operation Allied Force - bekanntlich ohne UNO-Mandat sowie mit bundesdeutscher Beteiligung.

Szenenwechsel. Im Stadtpark von Čačak bewirtschaftet Jelena Radović schon lange ein kleines Gartenrestaurant. Davor steht ein von ihrem Mann gezimmerter globaler Wegweiser - von Ho-Chi-Minh-Stadt bis Sansibar, vom Mount Everest bis Berlin. »Natürlich würde ich da auch selbst überall mal gern hin, doch das hier ist mehr als Referenz für unsere Gäste gedacht«, sagt sie. Noch gibt es freie Stühle und Tische, »aber die Saison läuft ja gerade erst an«.

Durch Čačak fließt die Sapadna Morava, und die hat sich unweit des Ortes in Jahrtausenden die Ovčar-Kablar-Schlucht gegraben. Der Kabla-Gebirgskamm erscheint wie eine steinerne Welle, die sich schroff gegen den Ovčar-Bergzug auf der anderen Seite erhebt, der eher sanft und bewaldet dahingleitet. Entlang des Flusses, mal fast gleichauf mit seinem Niveau, mal auch bis zu 150 Meter höher, ziehen sich Rad- und Wanderwege dahin, weitgehend auf der einstigen Trasse einer alten Eisenbahnlinie und auch durch ihre Tunnel. Per Mountainbikes sind wir mit Stefan Lukić unterwegs. »Leichtes Terrain, aber in den Tunneln aufpassen«, kündigt er anfangs knapp an. In der Tat sind manche Tunnel gewöhnungsbedürftig. Bei denen, die nicht geradlinig verlaufen, sondern unterm Fels eine Kurve machen, kommt schnell das Gefühl auf, in einen schwarzen Sack zu rollen. Sie sind unbeleuchtet.

Gut zwei Autostunden weiter östlich beginnt das Serbische Erzgebirge und bei dem Städtchen Despotavac unser Aufstieg zur Beljanica, rund 1350 Meter hoch. Wir quälen uns zusammen mit unserem Wanderguide Marko Nikolić bergan - mit dem Jeep. »Ihr seid einfach zu spät dran gewesen. Für die ganze Tour hätten wir etwa sechs Stunden gebraucht«, meint Marko. Der Transport war deshalb schon organisiert.

Unsere kleine Anfangsenttäuschung wich einer neuen Erfahrung. Ein Jeep des nicht jüngsten Baujahres kann bei um die 30 Prozent Dauersteigung auf ausgefahrenem Kalksteinschotter eine Art Sport-, wenn nicht gar Foltergerät werden. Wegen des eisigen Windes, der uns entgegenschlägt, sind wir oben sogar einen Moment atemlos. Sieben Grad Celsius, gestartet waren wir vor einer guten Stunde bei 27 Grad.

Dann ein Märchenblick. »Im Umkreis von 30 Kilometern außer uns so gut wie keine Menschen, nur Bären und Wölfe«, versichert Marko. Nachdem wir abwärts die Baumgrenze erreicht haben, gehen und rutschen, stolpern und hangeln wir auf einem Wanderpfad durch schier endlosen Buchenwald kilometerweit bergab. Am Ende sind wir alles andere als traurig, dass die Zeit für den Aufstieg nicht gereicht hat. Vielleicht beim nächsten Mal.

Infos

Nationale Tourismusorganisation Serbien (NTOS)
www.serbien.travel
www.facebook.com/SerbienTourismus

Tourismusorganisation Čačak
http://turizamcacak.org.rs

Tourismusorganisation Zlatibor
www.zlatibor.org.rs/sr

Campingverband Serbien
www.camping.rs/de

Campingverband Zlatibor
www.camping.rs/en/c/campsite-zlatibor-serbia

Kajak- und Kanutouren
www.wildserbia.com

Rad- und Mountainbiketouren
https://ca.wikiloc.com/rutes-btt/kablar-bike-trail-3517693

Wandern und Bergsteigen
www.stazeibogaze.info
Mail: itsmarkonicolic@gmail.com

Literatur

Brigitta Gabriela Hannover, Serbien, Reiseführer, Trescher Verlag, Berlin, brosch., 540 S., 19,95 Euro

David Albahari, Kontrollpunkt, Roman, Schöffling & Co., 2013

Erih Koš, Die Akte Hrabak, Volk und Welt, 1991

Vuk Stefanović Karadžić, Serbische Volkslieder, Reclam, 1980

Pisma is Srbije, Bojan Ljubenović, Laguna, 2016 (serbisch)

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