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Als Kafka endlich auf Tschechisch erschien

Wie die Literatur den Prager Frühling vorbereitete - und für ihn büßte

  • Von Jonas Engelmann
  • Lesedauer: 6 Min.

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Hrabal verstand es, in den endlosen Wirtshausschwaflereien, die für mich, einen gewöhnlichen Sterblichen, bloße Wortschwaden waren, Perlen voll Weisheit und Erkenntnis zu finden.« Das hat der Regisseur Jiří Menzel einmal über seinen langjährigen Freund angemerkt. »Perlen auf dem Grund« hieß dann auch der erste Erzählungsband des 1914 in Brünn geborenen Bohumil Hrabal. Veröffentlichen konnte er ihn erst 1963, im Alter von 49 Jahren, zuvor hatte es in der Nachkriegs-Tschechoslowakei keine Publikationsmöglichkeiten für Autoren wie Hrabal oder auch den 1913 geborenen Dominik Tatarka gegeben, die an Franz Kafka, dem Surrealismus und anderen Avantgardetraditionen geschult waren.

Die seit 1948 auch in der CSSR wirksame politische Agenda sah aber keine Kunst jenseits des Sozialistischen Realismus vor. Erst einige Jahre nach Stalins Tod kam es zu einer politischen wie auch kulturellen Liberalisierung, für die paradigmatisch die Kafka-Konferenz des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes im Jahr 1963 steht. Anlässlich seines 80. Geburtstages hatte der Verband zahlreiche Wissenschaftler und Autoren, unter ihnen auch Anna Seghers, auf das Schloss Liblice geladen, um über Bilder der Entfremdung bei Kafka zu diskutieren.

Bis zu diesen Umbruchsjahren in den frühen Sechzigern hatten Bezugnahmen auf Avantgardetraditionen nur in Samisdat-Zeitschriften - handgetippte oder fotokopierte selbstverlegte Hefte - oder anderen illegalen Publikationen stattfinden können. Etwa in den Editionen von Půlnoc, einer Künstlergruppe der Fünfziger, an der auch Egon Bondy und Vladimir Boudník, Freunde von Bohumil Hrabal beteiligt waren.

Nun aber konnte Kafka endlich auf Tschechisch erscheinen, ebenso wie Texte der amerikanischen Beat Generation oder des 1942 in Haft verstorbenen und in der Sowjetunion verbotenen Avantgardeautoren Daniil Charms. Über die Literatur etablierte sich eine tschechoslowakische Gegenkultur, die auch in andere Kunstsparten strahlte, Theater, Film, Literatur und bildende Kunst befruchteten sich gegenseitig.

Eine Schnittstelle der verschiedenen Disziplinen wurde Bohumil Hrabal. Seine Texte pflegten einen sehr eigenen Realismus, erzählten zwar aus dem Alltag der einfachen Leute, fügten der Alltagssprache jedoch lyrische und ihrem Alltag fantastische Elemente hinzu. Schon sein Debüt »Perlen auf dem Grund« ist von dieser Poetik geprägt, darin werden die Außenseiter der tschechoslowakischen Gesellschaft porträtiert, ein Amateurmaler, eine Hochzeitsgesellschaft, ein invalider Rennfahrer und andere »einfache Leute«, deren gewöhnlichen Alltag Hrabal als außergewöhnlich beschreibt.

Ein Alltag im Übrigen, den Hrabal mit ihnen teilte: Er hatte zwar Rechtswissenschaften studiert, arbeitete allerdings während des Krieges als Fahrdienstleiter bei der Bahn, ab 1949 als Hilfsarbeiter in einer Stahlhütte und nach einem schweren Unfall von 1953 bis 1959 als Verpacker in einem Rohstoff-Sammellager.

»Perlen auf dem Grund«, wie auch viele weitere seiner Werke, ist geprägt von diesen Erfahrungen, auf die auch die Filmemacher der sogenannten Neuen Welle der Sechziger Bezug nahmen. Die Verfilmung von »Perlen auf dem Meeresgrund« wurde zum Gründungsmanifest der Filmbewegung, die weltweit den künstlerischen Aufbruch am sichtbarsten verbreitete: Der Episodenfilm unter der Regie von Věra Chytilová, Jan Němec, Jiří Menzel, Evald Schorm und Jaromil Jireš kam 1965 in die Kinos. Zahlreiche weitere filmische Umsetzungen der Bücher Hrabals entstanden, unter anderem der 1968 mit dem Oscar ausgezeichnete »Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht« von Jiří Menzel.

Ebenso wie viele Filme der Regisseure der Neuen Welle ist das Werk Hrabals durchzogen von einem Humor zwischen Tragik und Komik, von einem »Baflertum«, wie er es nannte, womit er die Eigenschaft des Menschen umschrieb, sich in den Zwängen des Alltags Menschlichkeit und das Lachen zu bewahren. Neben dem neuen Blick auf den Alltag rückte in den Sechzigern ein weiteres Thema ins Zentrum der Literatur wie auch der Filme: die jüngste Vergangenheit der nationalsozialistischen Besatzung. Insbesondere Judenverfolgung und Kollaboration waren in den Fünfzigern Tabuthemen gewesen, die nun an die Oberfläche drangen.

Arnošt Lustig etwa, dessen Bücher ebenso häufig wie Bücher Hrabals zur Vorlage von Filmen der Neuen Welle geworden sind, hat die autobiografische Erfahrung der Shoah zu seinem Lebensthema gemacht. Der 1926 in Prag geborene Autor wurde als Jugendlicher 1942 nach Theresienstadt und 1944 in die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald deportiert, und konnte während des Todesmarsches nach Dachau fliehen. Als gelungenste Filmadaption eines seiner Bücher nannte Lustig »Diamanten der Nacht« aus dem Jahr 1964 von Jan Němec. Er hatte selbst am Drehbuch mitgearbeitet.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte Zbyněk Brynych seine Sammlung von Erzählungen »Transport aus dem Paradies« verfilmt, 1967 folgte die Adaption des Romans »Dita Saxova« durch Antonín Moskalyk.

Während die Entfremdung von der Gesellschaft in den Texten Hrabals sich aus dem Widerspruch des Freiheitsversprechens des Kommunismus und der Realität poststalinistischer Überwachung und Repression ergab, ist die Entfremdung der Protagonisten in den Texten Lustigs, die in der Nachkriegszeit angesiedelt sind, sehr konkret: Sie können sich in keine Gesellschaft einfügen, die sie kurz zuvor noch der Ausgrenzung und Verfolgung preisgegeben hat.

Auch viele Bücher von Ladislav Grosman hatten die Nazizeit zum Thema. Der 1921 geborene Slowake war zunächst in einem Arbeitslager in Banskä Bystrica interniert gewesen, bevor er nach der Niederschlagung des slowakischen Aufstands gegen die Deutschen im August 1944 in den Untergrund ging. Sein Roman »Der Laden auf dem Korso« und insbesondere die ebenfalls mit dem Oscar prämierte Verfilmung durch Ján Kadár und Elmar Klos, konfrontiert die Entrechtung, Verfolgung und Deportation von Juden mit einem Humor und surrealen Elementen.

Solche finden sich in noch erheblich zugespitzter Form auch im Werk von Ladislav Fuks, dessen literarische Grotesken wie jene über den Juden Herrn Mundstock, der sich auf das Prager Getto vorbereiten will, indem er alle möglichen Qualen der Deutschen an sich selbst erprobt, nach 1968 nicht mehr hätten erscheinen können. Auch der von Juraj Herz nach Fuks Roman »Der Leichenverbrenner« realisierte Film über den Aufstieg von Karel Kopfrkingl zum Leiter eines Krematoriums, der zum Nazi bekehrt wird und seine eigene Familie aufgrund deren »jüdischen Blutes« ermordet, bevor er sich den Deutschen als Verbrennungsexperte andient, wurde wenige Wochen nach seiner Premiere wieder verboten. Fuks, nach dem heute ein wichtiger Literaturpreis Tschechiens benannt ist, wählte 1968 den Weg der Anpassung an die Realitäten der Normalisierung und schrieb fortan zu weniger kontroversen Themen.

»Die ganze Geschichte dieser Nation zwischen Demokratie, faschistischer Unterjochung, Stalinismus beinhaltet alles Wesentliche, was das 20. Jahrhundert zum 20. Jahrhundert macht. Dies versetzte uns womöglich in die Lage, wesentlichere Fragen zu stellen, vielleicht sinnvollere Mythen zu schaffen als jene, die keine solche Anabasis durchgemacht haben«, stellte Milan Kundera, der international wohl bekannteste Autor des Landes, in seiner Eröffnungsrede des tschechoslowakischen Schriftstellerkongresses 1967 fest. Der Autor hatte gerade mit »Der Scherz« seinen ersten Roman veröffentlicht, eine Satire über die repressiven Tendenzen des Kommunismus unter Stalin in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

Der künstlerische Aufbruch, für den Kundera und seine Kollegen standen, nahm jedoch nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts und der Niederschlagung des Prager Frühlings im August 1968 ein jähes Ende. Die Zeit der sogenannten Normalisierung bedeutete für viele Autoren das Ende ihrer Karriere, Hrabal beispielsweise erhielt ein fünfjähriges Schreibverbot, Bibliotheken, Archive und Buchhandlungen wurden von unliebsamen Autoren gesäubert. Das gleiche Schicksal ereilte die Regisseure der Neuen Welle, zahlreiche Filme wurden verboten und die Regisseure außer Landes getrieben. Auch viele Autoren verließen die Tschechoslowakei, Kundera emigrierte 1975 nach Frankreich, Grosman wanderte 1968 nach Israel aus, ebenso wie Lustig.

Die wesentlicheren Fragen, von denen Kundera in seiner Rede gesprochen hatte, mussten für eine lange Zeit unbeantwortet bleiben.

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