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Heavy Metal und Jesus

Kirche in Rio buhlt mit Rockmusik um Gläubige

  • Von Isaac Risco und Denis Düttmann, Rio de Janeiro
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein brachiales Gitarrenriff lässt die Wände erzittern. Laute Rockmusik schallt durch den Raum im ersten Stock eines verwahrlosten Gebäudes in der Favela Maré im armen Norden von Rio de Janeiro. Die Noten Heavy Metal, die Texte tiefreligiös. Rogério Santos holt eine Bibel hervor und beginnt zu beten. Während um ihn herum musikalisch die Hölle losbricht, richtet der Kuttenträger seine Worte gen Himmel.

»In Maré gibt es ein großes Bedürfnis nach Spiritualität«, sagt der 47-Jährige. In der evangelikalen Kirche Metanoia (griechisch für Umkehr) findet er die beiden wichtigsten Dinge in seinem Leben: »Musik und Religion«.

Auf den ersten Blick erinnert das Gotteshaus eher an einen Kellerclub: Graffiti und historische Plattencover von den Ramones, Motörhead und Deep Purple zieren die Wände, in einer Ecke stehen leistungsstarke Lautsprecher, ein Schlagzeug und Mikrofone. An der Decke aber hängen Kreuze. Jemand hat »Jesus ist der Herr des Underground« in weißer Farbe an die Mauer gesprüht. »Jesus hat gesiegt«, steht in einem an die Wand gelehnten Sarg.

»Gott hat die Kunst und die Musik geschaffen. Der Teufel erschafft nichts«, sagt der Pastor der Kirche, Enok Galvão de Lima. Der Fan von Metallica und Rage Against The Machine hat die Kirche vor fast 30 Jahren gegründet. »Der Rock ist nur ein Stil. Man kann sich dieser Kultur bemächtigen.«

Die Hard-Rock-Kirche von Rio zeigt, welche Kreativität die evangelikalen Kirchen an den Tag legen, um neue Anhänger zu gewinnen. »Mir hat vor allem das kulturelle Angebot gefallen«, sagt die Lehrerin Tainá Domingues, die schon seit 13 Jahren zu den Gottesdiensten kommt. »Hier fühle ich mich wohl.«

Die katholische Kirche ist in ihrer Hochburg Lateinamerika zuletzt unter erheblichen Druck geraten und verliert immer mehr Anhänger an die evangelikalen Bewegungen. Während sich laut Umfragen des Latinobarometro 1995 noch 80 Prozent der Latinos zu Rom bekannten, waren es im vergangenen Jahr nur noch 59 Prozent. Die evangelikalen Christen kommen in der einstigen katholischen Bastion bereits auf 19 Prozent.

Missbrauchsskandale wie nun in Chile haben das Vertrauen in die Amtskirche schwer erschüttert. Zudem wird die katholische Kirche von vielen Gläubigen als distanziert und dogmatisch wahrgenommen, während die charismatischen Evangelikalen mit ihren flammenden Predigten, professionellen Musikshows und aufwendig choreografierten Gottesdiensten ein emotionales religiöses Erlebnis bieten.

»Die Prediger der Pfingst-Kirchen verstehen es, zu den Gläubigen zu sprechen, wie die Menschen in Lateinamerika auch miteinander sprechen. Und sie gleichen ihren Gemeinden. In Guatemala beispielsweise sind viele Prediger Mayas, in Brasilien Afro-Brasilianer. Im Gegensatz dazu werden die Priester der katholischen Kirche als Teil der Elite wahrgenommen«, sagt Andrew Chesnut, Professor für religiöse Studien an der Virginia Commonwealth University.

Die häufig erzkonservativen evangelikalen Kirchen versuchen zudem immer stärker, Einfluss auf die Politik zu nehmen. »Ihre Agenda ist auf die Verteidigung von Familien-Werten ausgerichtet. Sie sind gegen Abtreibung, gleichgeschlechtliche Ehe, Scheidung, Sterbehilfe und alles, was sie als Gender-Ideologie bezeichnen«, sagt Carlos Malamud vom spanischen Forschungsinstitut Elcano.

Guatemalas Präsident Jimmy Morales ist evangelikaler Christ, Chiles Staatschef Sebastián Piñera wurde mit Hilfe der einflussreichen evangelikalen Kirchen gewählt. Rio de Janeiros strenggläubiger Bürgermeister Marcelo Crivella war Bischof einer Pfingstkirche und fiel durch abschätzige Bemerkungen über Schwarze und Homosexuelle auf.

Der kräftige Mitgliederzuwachs der evangelikalen Kirchen macht sie für Politiker immer interessanter. »Die Stimmen der Evangelikalen sind bei allen Kandidaten heiß begehrt und beeinflussen zumindest indirekt ihre Kampagnen«, sagt Analyst Malamud.

Nicht alle evangelikalen Bewegungen verfolgen eine konservative Agenda. Die Rock-Kirche von Rio de Janeiro beispielsweise versteht sich als Anwalt der Unterdrückten und Vergessenen. »Wir öffnen einen Raum für Menschen, die woanders abgewiesen werden«, sagt der Gottesdienstbesucher Everton Rodrigues. Allein in den Straßen rund um die Metanoia gibt es sechs weitere evangelikale Kirche.

Für Pastor Enok Galvão de Lima ist die Musik einfach ein Werkzeug, um das Evangelium zu lehren und die Frohe Botschaft zu verkünden. »Mit der Sprache des Rock kann ich viele Menschen erreichen«, sagt der gläubige Schwermetaller. dpa/nd

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