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Klavier und Kreischen

Trauermärsche und andere Begräbnisklänge aus Haiti

  • Von Thomas Blum
  • Lesedauer: 3 Min.

Trööt. Huup. Knatter. Wrumm. Eine Jazzband ist eine Jazzband ist eine Jazzband.

Und wenn sie auf der Straße performt, werden die Geräusche des Straßenverkehrs einfach eingegliedert in die Performance, als weiteres dazukommendes improvisierendes Instrument sozusagen. Wir sind auf der Karibikinsel Haiti, genauer gesagt in Port-au-Prince, einem Ort, an dem man schon sehr lange ans Sterben gewöhnt ist.

Wir hören Trauermärsche - getragene, holprige, rumsende und scheppernde, enthusiastisch geblasene, vielstimmige, immer aber lebendige, so seltsam das im Zusammenhang damit, dass zu dieser Musik gerade jemand zu Grabe getragen wird, auch klingen mag.

Man kennt diese Musik aus den USA des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts, aus New Orleans und seiner Begräbnistradition etwa. Sie gehört zu jener frankophon-kreolischen Welt, die früher von der Karibik bis zum Mississippi reichte.

Man verabschiedet einen geliebten Menschen, indem an seinem Sarg mit der blues-, ragtime- und jazzgetränkten Musik einer Brass Band noch einmal daran erinnert, dass im Leben die Freude, die Liebe und der Genuss nicht zu kurz kommen sollten: Der oder die Dahingeschiedene mag endgültig aus unser aller Leben entschwunden sein, aber ihr, liebe Trauergemeinde, ihr lebt noch, vergesst das nicht, und vergesst bei aller Wehmut bitteschön auch nicht, dass der beziehungsweise die im Sarg Liegende ein Mensch war, der den Vergnügungen des Lebens nicht abgeneigt gewesen ist.

Wir hören schluchzende Kinder, die am Grab »Mama, Mama« kreischen, wir hören Klageschreie, Weinen und andere laute Trauerbekundungen, während nebenher ein melancholisches Pianospiel (Stücktitel: »Piano And Screaming«) oder ein einsames Saxofon zu hören ist, das einen letzten Gruß ins Grab schickt.

Im Hintergrund wird derweil von der aufgewühlten und bewegten Trauergemeinde weiter gejammert und zwischendurch auch mal ekstatisch gebrüllt vor lauter Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen.

Der Sounddesigner und Klangforscher Félix Blume - keinesfalls und unter keinen Umständen zu verwechseln mit dem abstoßenden Deutschrap-Hanswurst Felix »Kollegah« Blume - hat während eines Aufenthalts auf der Insel solche Tonaufnahmen gesammelt, insgesamt sind es 15 Stunden Audiomaterial geworden. Er hat mit seinem Aufnahmegerät an vielen Trauerprozessionen teilgenommen, ging in Kirchen, auf Friedhöfe und hat dort akribisch alles mitgeschnitten: die oft getragene Trauermarschmusik ebenso wie das Wehgeschrei der trauernden Hinterbliebenen. Wie ein Archivar bewahrt er so für uns akustisch Phänomene einer Trauerkultur und -tradition, die es in unseren Gefilden nicht gibt: den »Joker« etwa, der am Grab Scherze macht und Schwänke aus dem Leben des Verstorbenen erzählt etwa. Oder ein von aus Ghettoblastern bollernden Schlagerbeats und vom Konsum von Rum und Marihuana begleitetes Treiben am Grab.

Félix Blume: »Death in Haiti: Funeral Brass Sounds & Sounds of Port-au-Prince« (Discrepant), erhältlich auf Vinyl oder als Download.

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