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Die kluge und kämpferische Tussy

»Lady Liberty« - Das Leben der jüngsten Marx-Tochter Eleanor Aveling

  • Von Klaus Gietinger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die kettenrauchende junge Frau - 1871 gerade mal 16 Jahre alt - eilt von London aus zusammen mit ihrer Schwester Laura der ältesten Schwester Jenny zu Hilfe. Die sitzt in Bordeaux, allein, frierend, hungernd und mit einem kranken Kind, denn ihr Mann Paul Longuet hat sich entschlossen, für die Pariser Kommune zu kämpfen. Und hat dafür Frau und Kind erst einmal ihrem Schicksal zu überlassen.

Die Kommune scheitert, die Schwestern fliehen nach Spanien, müssen zurück nach Frankreich, werden verhaftet, dann aber wieder freigelassen. Der Papa in London ist stolz auf seine kämpfenden Töchter. Weniger stolz, ja geradezu erbost ist »Old Nick« - wie sich Karl Marx in Briefen an seine halbwüchsige Tochter bezeichnete -, als sich seine Jüngste, wieder zurück in London, in den Chronisten der Kommune verliebt, in den gut aussehenden Flüchtling aus Paris Prosper-Oliver Lissagaray. Schon seine zwei älteren Töchter sind mit Kommunarden verbandelt. Noch einen Franzosen will der Lobpreiser der Kommune, Karl Marx, nicht. Es entbrennt ein Kampf zwischen der rehäugigen, schwarzhaarigen Lieblingstochter Eleanor, genannt »Tussy«, »Alberich« oder »Miss Liliput«, mit ihrem »Dada«. Tussy setzt alle Mittel ein, bis hin zu Ohnmachtsanfällen und Magersucht. Der Vater nimmt sie mit nach Karlsbad zur Kur, doch sie bleibt hart und ... Und dann?

Was dann geschieht wird nicht verraten, denn das schildert Eva Weissweilers spannendes Buch »Lady Liberty«. Die Musikwissenschaftlerin, Romanautorin, Dokumentarfilmerin und Historikerin hat schon manche starke Frau entdeckt und deren Leben erzählt, beispielsweise das der Komponistinnen Clara Schumann und Fanny Mendelssohn. Auch über Eleanor Marx hat sie schon 2002 ein Buch geschrieben.

Doch »Lady Liberty« ist ganz anders, ganz neu. Es verarbeitet aktuelle Forschungsfunde aus wichtigen Archiven, inklusive denen Moskaus, und stützt sich unter anderem auf die hervorragende Edition der Briefe von Jenny Marx (Limmroth/Hecker, Karl-Dietz-Verlag, Berlin, 2014). Es schildert in kurzen Kapiteln und in einer leicht lesbaren, nie platten Sprache das aufregende und tragische Leben der hochbegabten jüngsten Marx-Tochter, die den meisten Männern, denen sie begegnet, intellektuell überlegen ist und doch gerade deswegen ins Trudeln gerät. Besonders an zweien arbeitete Eleanor sich vergeblich ab - am Übervater Marx und an ihrem letzten Lebensgefährten, einem wirklichen Teufelchen, einer Art »New Nick«: Edward Aveling. Beide liebt sie abgöttisch. Und an beiden scheiterte sie schließlich. Dabei lagen ihr zahlreiche Männer zu Füßen, so der junge Dramatiker George Bernd Shaw, den sie jedoch nur als guten Freund und intellektuellen Partner akzeptiert.

Tussy, geboren 1855 im Elend des Londoner Exils in Soho, avancierte nach dem Tod des achtjährigen Bruders Edgar, genannt »Musch«, des heiß geliebten Sohns von Marx, zum Lieblingskind des Philosophen aus Trier, obwohl nur einem »sex par excellence« entsprungen, wie der Papa despektierlich an Friedrich Engels schrieb. Sie ist schlagfertig, witzig und frühreif. Die Sechsjährige schreibt an Abraham Lincoln, will ihm bei der Befreiung der Sklaven ihre Hilfe anbieten. Sie ist wissbegierig, enorm aufnahmefähig und versucht sich als Schauspielerin, doch selbst Engels, der mehr fürs Acting übrig hat als Marx (trotz aller Shakespeare-Liebe), fördert sie nicht. Tussy ist eine sehr gute Journalistin und Schriftstellerin und eine hervorragende Übersetzerin, unter anderem vom »Kapital« (ins Englische). Doch kein Mann goutiert es, als Übersetzerin gilt sie noch heute nicht.

Tussy ist eine Vorkämpferin für die Frauenemanzipation, für die Iren, fürs Proletariat, begeistert als Rednerin in England und in den USA die Massen, gründet sozialistische Parteien, kämpft gegen den Antisemitismus und fühlt sich als Jüdin. Und doch bleibt ihr in der kapitalistischen Männerwelt die Anerkennung versagt, die sie verdient hätte. Sie kümmert sich um die Kinder ihrer Schwestern, tankt, wie ihr Vater, im Reading Room des Britischen Museums auf, befreundet sich mit dem verstoßenen Halbruder Frederick Lewis-Demuth, erzählt Clara Zetkin, wer jener wirklich ist, und kämpft um den Nachlass ihres Vaters sowie mit dem scheinheiligen Frauenversteher und Vorsitzenden der SPD August Bebel und seiner perfiden Agentin Louise Kautsky. Tussy zieht oft den Kürzeren - nur, weil sie eine Frau ist.

Eva Weissweiler gelingt ein faszinierendes Bild einer faszinierenden Frau. Man fiebert mit Tussy - was damals noch kein Schimpfwort war - mit, leidet mit ihr, will sie davor bewahren, ausgenutzt und missachtet zu werden, und hofft, dass ihr endlich die Anerkennung zuteilwerde, die sie verdient hätte. Wenn es damals nicht geschah, in diesem Buch findet Eleanor Marx-Aveling diese nachträglich.

Eva Weissweiler: Lady Liberty. Das Leben der jüngsten Marx-Tochter Eleanor, Hoffmann und Campe, 416 S., geb., 26 €.

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