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Blinder Mut und sehende Angst

Wer Angst hat, sollte bedenken, dass das Gegenüber meist genauso ängstlich ist

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Lange Zeit habe ich mich vor Hunden gefürchtet. Ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hat, jedenfalls erinnere ich mich schon früh daran, dass ich lieber die Straßenseite wechselte als einem Hund zu begegnen, dass ich Hunde nur mit großer Vorsicht und nach mehrfacher Aufforderung (»der ist ganz lieb«) streichelte, obwohl mich nie einer gebissen hatte. Vielleicht war es das Gebell, das Hervorstürzen der Kettenhunde in dem niederbayerischen Dorf, in dem ich die Nachkriegsjahre verbrachte.

Wie das Phobien so an sich haben, begleitete mich diese Angst, ich konnte gut mit ihr leben, ging Hunden aus dem Weg, kontrollierte meine Impulse davonzulaufen (»dann beißt er dich erst recht«), ärgerte mich gebührend über die Rufe »Er will nur spielen« der Hundebesitzer im Park und über die Besserwisser, die behaupteten, der Hund könne Angst riechen und beiße bevorzugt die Phobischen. Inzwischen ist meine Hundephobie verschwunden. Meine Tochter befreundete sich mit einer Pädagogin, die seit Kindesbeinen immer Hunde hatte. So wurde eine große, würdevolle Labrador-Hündin in den Familienkreis aufgenommen, eine unglaublich gutmütige Blondine. Sie war schon sehr alt und wurde betrauert, als sie starb. Ihr Nachfolger war ein junger, lebhafter, haselnussfarbiger Labrador, dessen Heranwachsen unter der kundigen Aufsicht seiner beiden Herrinnen ich verfolgen konnte. Und da sie mein Interesse bemerkte, klärte mich die hundekundige Freundin während mancher Spaziergänge im Englischen Garten über die Affekte der Vierbeiner auf und lehrte mich ein wenig, sie an Körperhaltung, Stimme und anderen Signalen zu erkennen.

Was nun höchst lehrreich für mich wurde und dazu führte, dass meine Hundephobie allmählich verschwand, war die Information, dass Hunde mindestens so ängstlich sind wie Menschen. Sie fürchten sich vor Menschen, sie fürchten sich vor ihresgleichen, was ich bisher als höchst aggressives und bedrohliches Gebell gedeutet hatte, entpuppte sich als Notschrei einer ängstlichen Tierseele, den starken Menschen herbeizurufen und ihm gleichzeitig die eigene Wachsamkeit zu bekunden. Ich erfuhr, dass Hunde - wie auch Menschen - das risikoarme Drohverhalten dem gefährlichen, direkten Kampf in den meisten Fällen vorziehen und erst dann gefährlich werden, wenn jemand ihre Drohungen nicht respektiert.

Dass die Hunde, die ich fürchtete, auch mich fürchteten, leuchtete mir ein. Es war ja eigentlich logisch, denn ich war größer, schwerer, womöglich besser bewaffnet als sie. Sie hatten sicher schon als Welpen erfahren, dass Menschen mächtiger sind und auf ihr Wohl und Wehe Einfluss nehmen können. Und indem ich mich nun bemühte, den Hunden möglichst wenig Angst zu machen, nahmen auch zusammen mit meinem besseren Verständnis für ihre Menschenängste meine Hundeängste sichtlich ab.

Sicherlich hätte ich die meisten dieser Informationen auch einem verhaltenspsychologischen Lehrbuch entnehmen können. Aber selbst eine kleine Phobie wie die meine färbt den Umweltbezug. Ich hatte nie die geringste Lust verspürt, mich in die Hundekunde einzuarbeiten, ich wolle nichts von diesen Tieren wissen. Wozu Hundebücher in meine Wohnung lassen, wenn ich schon Hunde im Park eine Zumutung fand? Meine Tochter und ihre Freundin hingegen liegen mir am Herzen, ihre Hundeleidenschaft färbte ein wenig ab, und so fand ich aus meinem eigenen, ängstlichen Vermeiden heraus.

Ich erzähle diese Geschichte gelegentlich in Paartherapien. Paare streiten oft aus Ängsten heraus. In der Tat ist es für jemanden, der sich selbst fürchtet, fast unmöglich wahrzunehmen, dass das Geschöpf, vor dem er sich fürchtet, seinerseits Angst hat. Nein, der vorwurfsvolle Partner ist ein Drache, ein Monster, nicht ein ängstliches Wesen, das sich unverstanden fühlt. So bleibt nichts übrig, als sich selbst in einen Drachen zu verwandeln, der noch mehr Feuer speit.

Wie viele Menschen gebe auch ich mir Mühe, weniger ängstlich zu scheinen als ich bin. Und weil ich mich vor mir selbst nicht fürchte, kann ich mir auch nur mit Mühe vorstellen, dass sich andere vor mir fürchten - ich habe doch selbst viel zu viel Angst! Aus diesem Grund ist es auch so schwierig, die Angst unserer Lieben wahrzunehmen: weil wir sie stärker und bedrohlicher erleben, als sie ist. Eine in die Ecke gejagte Maus beißt, was sie für die Katze hält; sie erkennt nicht, dass sie eine nicht weniger ängstliche Maus vor sich hat.

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