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Ich bin arm, weil du reich bist

Der US-Soziologe Matthew Desmond hat untersucht, wie Armut und Reichtum in einer Gesellschaft zusammenhängen

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 7 Min.

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Zwei Jungs werfen auf der Straße mit Schneebällen auf vorbeifahrende Autos. Bis ein Fahrer ganz plötzlich anhält und aus dem Wagen springt. Die Jungs rennen so schnell sie können ins Haus und werfen die Wohnungstür zu. Der Mann rennt ihnen hinterher, tritt die Wohnungstür ein, verschwindet dann aber wieder. Als die Vermieterin davon erfährt, wirft sie die alleinerziehende Mutter und ihre Jungs aus der Wohnung.

Es ist die Eingangsszene aus dem kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch »Zwangsgeräumt« des Harvard-Professors Matthew Desmond. Der Soziologe erzählt in dem 2017 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werk vom Alltag armer Menschen in Milwaukee, Wisconsin. Er schildert das Leben von Arleen, Larraine und Lamar nicht nur als eines voller Entbehrungen, sondern voller Entscheidungen darüber, welche Entbehrung dieses Mal dran ist. Zahle ich diesen Monat Miete oder die Gasrechnung? Zahle ich Miete oder löse ich meine Möbel aus dem Lager der Umzugsfirma aus? Zahle ich Miete oder beteilige ich mich an den Beerdigungskosten für meinen Schwager? Zahle ich Miete oder behalte ich das Geld, um meinen Kindern am Ende des Monats noch etwas zu essen kaufen zu können?

Desmond, der selbst einer armen Familie entstammt, wollte Armut verstehen lernen, schreibt er im Nachwort zu seinem Buch. Dafür reiche es nicht aus, sich nur mit sozial deklassierten Menschen zu befassen. »Armut beschreibt die Beziehung zwischen armen und reichen Menschen.« Also zog er 2008 für mehr als ein Jahr nacheinander in zwei arme Wohngegenden in Milwaukee, eine Stadt im Mittleren Westen der USA, um sich dort mit der Beziehung zwischen Mietern und Vermietern zu befassen - und damit auch mit Zwangsräumungen.

Es ist ein Thema, das etwa ein Achtel aller Mieter in den USA betrifft, bisher aber kaum beleuchtet wurde. Desmond stellt fest, dass, wer sich in der Vergangenheit mit Armut befasst hatte, sich auf die Themen Arbeit, finanzielle staatliche Unterstützung und Bildung fokussierte. »Dringliche Angelegenheiten« - aber der »folgenschwere Einfluss der Wohnumstände auf das Entstehen von Armut« sei vernachlässigt worden. »Nicht alle Menschen, die in einem Problemviertel wohnen, haben mit Gangmitgliedern, Bewährungsbeamten, Arbeitgebern, Sozialarbeitern oder Pastoren zu tun. Aber fast alle haben einen Vermieter.«

20 Prozent aller Mieterfamilien in den USA geben heute laut Desmond 50 Prozent ihres Haushaltseinkommens für Miete aus. Bei den einkommensschwachen Familien sind es mehr als die Hälfte. Ein Viertel dieser Familien zahlt 70 Prozent für Miete und Strom. Manche müssen sogar 80 oder 90 Prozent dafür ausgeben.

Mit dem restlichen Geld - zum Teil Einkünfte aus prekären Arbeitsverhältnissen, ansonsten staatliche Finanzhilfen - haushalten die Menschen auf ihre Weise: Im Winter, wenn die Unternehmen im frostigen Milwaukee das Gas nicht abdrehen dürfen, zahlen sie ihre Heizkosten nicht, dafür aber die Miete. Im Sommer zahlen sie ihre Schulden an die Gasbetriebe ab, können so aber keine Miete zahlen.

Die Vermieter ihrerseits lassen es meist zu, dass die Miete nur langsam abgestottert wird. Es nutzt ihnen. »Wenn Mieter ständig im Rückstand waren, war es möglich, Reparaturen zu umgehen. Und viele Mieter würden immer mit der Miete im Rückstand sein, weil die Miete schlicht zu hoch war.« Wer dauerhaft im Rückstand ist, kann darüber hinaus ohne große Schwierigkeiten aus der Wohnung geworfen werden.

16 000 Menschen setzen Milwaukees Vermieter pro Jahr auf die Straße: 16 Familien pro Tag. Betroffen sind damit etwa drei Prozent der 600 000 Einwohner - mehrheitlich Schwarze und Frauen. Ähnlich sieht es in anderen US-amerikanischen Städten aus. »Es ist schon lange bekannt, dass einkommensschwache Familien oft umziehen«, schreibt Desmond. »Warum sie das tun, war für Forscher und Politiker bislang ein Rätsel.« Repräsentative Studien, die Desmond im Anschluss an seine Feldforschung in Auftrag gab, ergaben: Rund ein Viertel der Umzüge finden unfreiwillig statt. Ziehe man diese von der Gesamtzahl ab, so Desmond, »kommt man zu dem Ergebnis, dass Geringverdiener nicht häufiger umziehen als andere Leute.«

Für seine Feldforschung lebte Desmond ab März 2008 für etwa ein halbes Jahr in einem Trailorpark, einer Wohnsiedlung aus sogenannten mobilen Häusern, die so mobil aber gar nicht sind. Dort lernte er Larraine kennen - gerade als sie einen Räumungsbescheid des Sheriffs erhalten hatte. Desmonds Nachbar Scott stellte sich als ehemaliger Krankenpfleger vor, der abhängig von Schmerzmitteln wurde und Arbeit, Auto, Haus verlor. Im Laufe des Buches versucht Scott, wieder clean zu werden. Doch nachdem er sich morgens um 7 Uhr in die Schlange einer Entzugsklinik gestellt hat, heißt es nach nur einer Stunde, es könnten nur fünf Leute aufgenommen werden. Scott gibt auf und betrinkt sich. Später schafft er den Entzug doch noch: mithilfe von Bekannten, in deren inoffiziellem »Reha-Zentrum« er unterkommt.

Im Herbst 2008 zieht Desmond um: In ein Wohnheim für alleinstehende Arbeiter in einem Viertel der Innenstadt, in dem außer ihm fast nur Schwarze wohnen. Die Gegend gilt als Problemviertel: hohe Kriminalitätsrate, geringe Einkommen. Als »Lehrling« seiner Vermieterin Sherrena fährt er von Haus zu Haus, erlebt mit, wie sie Reparaturen veranlasst oder verweigert, wie sie Zwangsräumungsbescheide aushändigt, vor Gericht gegen ihre Mieter aussagt. Und dabei meint, das Richtige zu tun - denn auch sie hat Rechnungen zu bezahlen.

Die 380 Seiten lesen sich spannend wie ein guter Roman. Desmond beschreibt lebhaft Szenen, gibt Dialoge wieder. Solche, die er nicht miterlebt hat, lässt er von allen Parteien bestätigen. Desmond erzählt, wie Arleen die staatliche Unterstützung entgeht, weil die Post noch an ihre alte Adresse gesendet wird, obwohl sie die neue längst mitgeteilt hat. Wie Arleen die Polizei ruft, weil ihre Nachbarin von ihrem Mann verprügelt wird und den Krankenwagen, weil ihr Sohn einen Asthmaanfall hat - und daraufhin von der Vermieterin auf die Straße gesetzt wird. Er schildert, wie Patrice sich entscheidet, arbeiten zu gehen, statt ihren Gerichtstermin für die Zwangsräumung wahrzunehmen, weil sie sonst gefeuert würde. Da sie nicht im Gerichtssaal erscheint, entscheidet der Richter automatisch zugunsten des Vermieters.

Aber Desmond schildert auch, wie Larraine sich von ihren Essensmarken Hummerschwänze und Königskrabben kauft und von ihrer Sozialhilfe einen 62-Zoll-Fernseher anzahlt. Er urteilt nicht darüber, er fragt nach den Beweggründen und ordnet ein. Larraine habe zu dem Zeitpunkt andere Dinge entbehrt: Sie hatte kein Auto, keinen Computer und kein Telefon. Der Kauf teurer Dinge lenke sie von ihrer Armut ab, meint Desmond. Und nimmt an, dass sich viele Arme anders verhalten würden, wenn sie eine echte Chance hätten, aus der Armut auszubrechen.

Armut werde meist auf zwei Arten erklärt, meint Desmond: Als strukturelles Problem oder als ein selbst verschuldetes. Beide Lesarten klammerten die Verantwortung der Reichen aus, kritisiert der Wissenschaftler. Diese wüssten: »Am unteren Ende eines jeden Markts konnte man Geld verdienen.« Sie geben Menschen ohne Kapital Kredite zum Kauf von Häusern, lassen sich in Raten bezahlen und nehmen dafür hohe Zinsen. Ausbeutung trage zum Fortbestand von Armut bei.

Und der Staat? Auch der trägt seine Verantwortung: »Es ist der Staat, der Vermieter dabei unterstützt, so viel zu verlangen, wie sie wollen. Es ist der Staat, der den Bau von Oberklassewohnungen subventioniert, Mieten nach oben treibt und den Handlungsspielraum der Armen immer weiter einschränkt. Es ist der Staat, der eine Familie auf Antrag des Vermieters mit bewaffneten Beamten aus ihrem Zuhause holt. Und es ist der Staat, der Zwangsräumungen als Dienstleistung für Vermieter und Inkassoagenturen dokumentiert und öffentlich einsehbar macht.«

Für Berlin gibt es übrigens keine regulären Statistiken über die Zahl der Zwangsräumungen. In einer Studie mit Daten aus dem Jahr 2013 gab der Sozialwissenschaftler Andrej Holm etwa 22 Zwangsräumungen pro Tag an. Auch in der deutschen Hauptstadt steigt der Anteil des Einkommens, den Menschen für ihre Miete ausgeben müssen. Ein Drittel gilt als üblich, die Hälfte wird immer normaler. Die stete Steigerung der Mietpreise muss beendet werden, will man Verhältnisse wie in den USA verhindern.

Matthew Desmond: Zwangsgeräumt: Armut und Profit in der Stadt. Ullstein, 544 S., geb., 26 €.

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