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Bis heute eine blutende Wunde

Vor 25 Jahren wurden in der türkischen Stadt Sivas 37 Menschen umgebracht. Die meisten waren Aleviten. Eine Aufarbeitung des Pogroms fand bislang nicht statt

  • Von Hülya Gürler
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach und nach erheben sich rund 400 Gäste des Cemevi, des alevitischen Gebetshauses in Berlin, von ihren Stühlen, langsam, bedächtig und sichtlich gerührt - die rot beleuchtete Bühne gibt dem Sprechtheaterstück die angemessene Dramatik. Die rechte Hand an der linken Brust, stehen sie am Freitag Abend beim Schlussakt des Stücks, das ein tragisches Ereignis von vor 25 Jahren nachspielt, einige Minuten so da, bis die Instrumentalmusik verstummt und die Darsteller aufhören zu singen. Das Alevitentum ist eine liberal-muslimische Glaubensrichtung - und die zweitgrößte Religionsgemeinschaft in der Türkei. Das Ereignis, an das die Gäste des Cemevi erinnern, ist das Massaker in der mittelanatolischen Stadt Sivas vom 2. Juli 1993. Für die Aleviten ist es bis heute eine blutende Wunde, weshalb sie jedes Jahr Anfang Juli die Erinnerung daran wachhalten - in Berlin seit 25 Jahren mit Demonstrationen, an denen bis zu 5000 Menschen teilnehmen.

Bis zum frühen Nachmittag kamen hier am Sonntag nach Angaben der Veranstalter vom Cemevi rund 3000 Menschen zusammen. Auch in anderen Bundesländern fanden am Sonntag Gedenkveranstaltungen alevitischer Vereine statt, wie in Köln vor dem Hauptbahnhof. »Eine wirkliche Aufarbeitung gab es bisher nicht. Die Täter laufen teilweise frei herum, einige haben in Deutschland Asyl bekommen, andere sind in der Türkei als Bürgermeister und Minister aktiv«, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Aslan Demir.

37 Menschen kamen vor 25 Jahren ums Leben, darunter zwei der Protestierenden, als ein aufgebrachter fanatisch-religiöser Mob von mehreren Tausend Personen nach dem Freitagsgebet vor dem Madimak-Hotel in Sivas Slogans wie »Nieder mit dem Laizismus« rief, Steine warf und zusah, wie das Hotel brannte. Dort hielten sich zumeist alevitische und auch andere Intellektuelle, Dichter und Musiker auf.

An jenem Tag im Juli fand wie Jahre zuvor ein Kulturfestival zu Ehren des alevitischen Dichters Pir Sultan Abdal statt, unter den Teilnehmenden befand sich der Schriftsteller Aziz Nesin. Der bekennende Atheist war bei den Fanatikern verhasst, weil er Auszüge seiner türkischen Übersetzung der »Satanischen Verse« von Salman Rushdie in einer Zeitung herausgab. Das Buch empfinden religiöse Fanatiker als ketzerisch. Eine lokale Zeitung machte zuvor Stimmung gegen Nesin, der das Pogrom knapp überlebte. Polizei, Feuerwehr und Militär griffen viel zu spät ein, obwohl sie schon vorher alarmiert waren.

Mehrere Täter wurden verurteilt, andere sind wegen Verjährung davongekommen. »Damals hat ein Verbrechen an der Menschlichkeit stattgefunden und einer oder zwei der Täter betreiben in Berlin unbehelligt ein Geschäft. Es tut weh, dass wir dieselbe Luft einatmen«, sagt Yemliha Koc vom Alevitischen Kulturzentrum in Berlin nach der Theatervorstellung. Das Pogrom reiht sich ein in eine Folge mit anderen gegen Aleviten in der Türkei, zum Beispiel 1978 in Maras mit mehr als hundert Toten. Sivas gilt als Wendepunkt für Aleviten hin zu mehr Sichtbarkeit und politischer Mobilisierung.

Die Verfolgung und Diskriminierung der Aleviten bricht bis heute nicht ab. Vergangenen März erst verhaftete die Polizei in der ostanatolischen Stadt Erzincan mehrere Mitglieder eines alevitischen Kulturzentrums. Doch so weit weg muss man gar nicht schauen. »Auch in deutschen Städten kam es zu Provokationen und Bedrohungen vor Cemhäusern, zum Beispiel in Remscheidt und Marl«, meldet die Alevitische Gemeinde Deutschland auf ihrer Webseite. Die Vorfälle sollen sich unmittelbar nach der Verkündung der Wahlergebnisse in der Türkei vor einer Woche ereignet haben. Anhänger der Regierungspartei AKP sollen Andersdenkende bedroht haben.

»Dass die AKP aus den Wahlen gestärkt hervorgegangen ist, verheißt aus Sicht der Aleviten nichts Gutes«, sagt Aslan Demir. Im Wahlkampf versprach Recep Tayyip Erdogan alevitischen Gebetshäusern eine juristische Anerkennung, was der Anerkennung des Alevitentums als eigenständige Religionsgemeinschaft gleichkäme. Demir ist skeptisch: »Mit der AKP-Regierung wird es eine Anerkennung nicht geben.« Die messe mit zweierlei Maß, wenn sie in Deutschland des Brandanschlags in Solingen aus demselben Jahr wie das Sivas-Massaker gedenke und letzteres im eigenen Land ignoriere, meint Demir.

Die Aleviten verlangen nicht mehr als das Selbstverständlichste vom türkischen Staat: Die Leiden der Opfer müssen anerkannt, das Madimak-Hotel in eine nationale Gedenkstätte umgewandelt und die Täter konsequent verfolgt und verurteilt werden, fordert beispielsweise die Alevitische Gemeinde Deutschland.

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