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Hochkultur als Sieger

Das Kulturforum zeigt die 100 besten Plakate aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

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Beim Wettbewerb »100 beste Plakate in Deutschland, Österreich und der Schweiz« setzen sich Plakate für Theater und Museen durch. Gestaltungserzeugnisse kommerzieller Anbieter oder politischer Plattformen schafften es nicht oder nur in ganz geringem Maß in die Auswahl. Das interessanteste Objekt ist allerdings kein werbendes Plakat, sondern ein Druck, der für einen künstlerischen Wettbewerb konzipiert war: Henning Wagenbreths neunteiliges Großplakat für das Projekt »The Art of Utopia« des Goethe-Instituts Tel Aviv. Die preisgekrönten Arbeiten sind bis 8. Juli in der Sonderausstellungshalle des Kulturforums am Potsdamer Platz zu sehen.

Einen schwarzen deutschen Bundeskanzler mit den Merkel-typischen verschränkten Händen setzte der Zeichner Henning Wagenbreth oben links auf sein Siegerplakat. Rechts daneben eine Frau mit indigenen Accessoires aus Lateinamerika als Päpstin, daneben ein Mann mit Bart, der als palästinensischer Premierminister Israels bezeichnet wird - Henning Wagenbreth, Zeichner und Illustrator der legendären »PGH Glühende Zukunft«, mittlerweile Professor an der Universität der Künste, nahm den Aufruf zum utopischen Denken, der vom Goethe Institut Tel Aviv ausging, erfrischend wörtlich, erfrischend direkt. Eine Frau als Königin von »Saudi-Arabien«, ein in Freiheit lebender kritischer Journalist aus der Türkei und ein Friedensnobelpreisträger aus Nordkorea runden die Parade der unmöglichen, weil utopischen Gestalten ab, die Wagenbreth mit kühnem Stift aufs Papier bannte. Seine Arbeit, Nummer 97 von 100, ist sicherlich der politische Höhepunkt dieses grafischen Wettbewerbs.

Seit 1966 wird er ausgerichtet, damals noch auf den Boden der DDR beschränkt. Seit Wendezeiten auf das gesamte bundesdeutsche Staatsgebiet ausgedehnt (erste Plakatwettbewerbe in der Bundesrepublik gab es bereits 1949) schloss der Wettbewerb seit 2002 auch Gestalter aus Österreich und der Schweiz ein. Er nahm seitdem eine paradoxe Entwicklung. Obwohl seinem Trägermaterial, dem Papier, in Zeiten digitaler Kommunikation immer wieder neu der Untergang prophezeit wurde, nahmen die Plakateinsendungen Jahr für Jahr zu und stabilisierten sich um die Zahl 1000.

Die 100 ausgewählten Arbeiten repräsentieren dabei das bekannte grafische Spektrum. Reine Schriftplakate sind dabei wie etwa die für die Kampagne des ORF-Radios FM4. Wird dabei, die exakte Zeilenstruktur noch eingehalten, so setzt der Schweizer Gestalter Nolan Paparelli den Ankündigungstext für das Münchner Puch-Festival in die geschwungene Form einer Weißwurst - und nimmt so die Verbindung von Open-Air-Konzert und lukullischer Versorgung grafisch vorweg.

Bei den Plakaten, die mit Fotos operieren, ragt die Diplomausstellung der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW in Basel heraus. Einzelne Studiengänge werden mit Studenten, die mit ihren Arbeitsgeräten an ungewöhnliche Orte versetzt werden, illustriert.

Beim Umgang mit rein grafischen Elementen brillieren die Berliner Gestalter Daniela Haufe und Detlef Fiedler bei ihrer Arbeit für das Sonification Festival in der Villa Elisabeth. Kongenial sind auch die zwei Hände, die über eine Fläche aus »A«-Lettern greifen und so auf die erste Streichquartett-Biennale in Amsterdam hinweisen (Studio Markus Lange).

Als Konzession an die Digitalisierung der Welt ist die aufs Smartphone verlagerte Sonderschau des bewegten Plakats zu werten. Wer die App »Artivive« herunterlädt und die Handykamera auf die entsprechenden Objekte richtet, sieht, wie sich auf einzelnen Plakaten mal nur die Buchstaben bewegen, mal aber auch ganze Objekte in Bewegung versetzt werden. Ein elegantes Beispiel dafür sind die wellenreitenden Schwäne, die auf das Luzerner Fest hinweisen. Interessant auch ein für die Jusos Luzern entwickeltes bewegtes Plakat, auf dem eine Phalanx von Touristenbussen nur hin und wieder den Blick freigibt auf Wahrzeichen der Stadt - und so die Probleme, die durch ausufernden Tourismus und gestauten Verkehr entstehen, geschickt ins Bild setzt.

Inwieweit sich diese bewegten Plakate in Zukunft durchsetzen, ist unklar. Möglich ist auch ein Retrotrend, weg von allen Bewegungs- und Überlagerungsspielereien hin zum traditionellen statischen Plakat. Die Ausstellung »100 Plakate« bietet so einen Resonanzraum für das beruhigte Auge. Schade ist bei diesem 2017er Jahrgang aber doch, dass Theaterplakate wie für das Berliner HAU und das RambaZamba, die Oper Lausanne oder den RIAS Kammerchor Berlin so stark die Oberhand hatten gegenüber Werbeplakaten aus Wirtschaft und Politik. Frühere Jahrgänge waren heterogener und erlaubten Rückschlüsse auf formal anders ausgerichtete visuelle Strategien. Dass es Coca Cola und Daimler-Benz, SPD und Grüne nicht in die Auswahl schafften, mag aber auch an der zunehmenden Einfallslosigkeit der von ihnen engagierten Gestalter oder an der steigenden Unattraktivität der Objekte selbst liegen. Auch Lücken können sprechen.

»100 Plakate«, bis zum 8. Juli im Kulturforum, Matthäikirchplatz, Mitte

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