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Der Fluch der Hochbegabung

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

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Die Viertelfinals stehen fest, und ich bin doch ein wenig stolz, dass ich sämtliche Begegnungen ganz genau so vorausgesehen habe, wie sie jetzt im Spielplan stehen. Uruguay gegen Frankreich, Russland gegen Kroatien, Brasilien gegen Belgien und so weiter, und so weiter.

Leider habe ich mich nicht getraut, bei einem offiziellen Anbieter zu wetten, sonst wäre ich jetzt aus dem Gröbsten raus und wie nebenbei ein gemachter Mann. Also jedenfalls wenn ich eine gehörige Summe investiert hätte, 8000 Mark oder so. Auf Begegnung und Ergebnis, denn ich habe nicht nur alle Sieger und Verlierer richtig getippt, sondern auch die Resultate. Und die Torschützen. Und die Minuten, in welchen die Tore gefallen sind. Und, ob ihr es mir glaubt oder nicht, auch die Minuten, in denen es während der Paarungen angefangen hat zu regnen.

Das macht mir fast ein wenig Angst. Zufall? Oder besitze ich etwa Fähigkeiten, von denen ich bisher noch gar nichts ahnte? Kann ich die Zukunft voraussagen? Das sollte ich mal lieber nicht so laut hier hinschreiben, sonst klingelt es gleich an der Tür und die Menschen stehen Schlange. »Wie wird das Wetter morgen?« - »Wann kommt der Bus?« - »Gelingt es Horst Seehofer, Deutschland einzumauern?« Nein, nein, nein. Dann hätte ich keine ruhige Minute mehr. Dann stünde ich fortan im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Und, falls ich nach bestem Wissen und Gewissen antwortete, trüge ich Schuld daran, dass das Leben der Menschen langweilig wird.

Wenn eine jede wüsste, was wie wann wo passiert? Gäbe es dann noch einen Grund, am Morgen die Äuglein zu öffnen? Zu Beginn sicher schon, weil man ja nicht damit rechnet, dass meine Aussagen immer und überall zutreffen. Doch dann? Später? Die Suizidrate stiege rasant. Die Intelligenteren, welche weiterleben wollen, würden sich von mir abwenden, und mit den Doofen hätte ich auf Dauer keinen Bock zusammen zu sein, das ist so sicher wie der Samen in der Kirsche. Ich wäre ein einsamer Mensch. Tränennass tröffe mein Kissen, in jeder traurigen Nacht. Und deshalb verordne ich mir ab sofort einen Maulkorb. Einen Maulkorb, was sämtliche Aussagen zur Zukunft betrifft, und wenn ich sämtliche schreibe, dann meine ich auch sämtliche.

Nein, ich werde nicht verraten, wer Weltmeister wird. Nein, ich gebe nicht einmal die Schnürsenkelfarbe der Töppen des Siegtorschützen der Fußballweltmeisterschaft der Herren preis. Und klar, selbstverständlich weiß ich, dass es möglich ist, sich kurzfristig neue Schnürsenkel im Schnürsenkelladen zu kaufen, und falls man kein Bargeld dabei hat, kann man mit Karte zahlen, und man muss nicht einmal mehr selber zum Laden latschen, man kann bequem von zu Hause aus bestellen, in volltrunkenem Zustand, nackt, in der Badewanne, danke, Bill Gates, und bekommt die gewünschten Schnürsenkel frei Haus geliefert.

Trotzdem. Gar nicht erst schlafende Hunde wecken. Na gut. Rot. Aber ich sage gleich dazu, dass ich mich womöglich entschieden habe, mit Absicht die Unwahrheit zu verkünden, nur um weiterhin ein normales Leben führen zu können. Okay, was heißt schon normal? Ihr seid euch sicher bewusst, es ist nicht gerade angenehm, wenn man selbst über seine außergewöhnliche Begabung informiert ist. Ich meine, ich bin ja ebenfalls ein Mensch. Überrascht euch vielleicht, ist aber so. Auch ich möchte morgens meine Äuglein öffnen und gespannt sein können, was dieser Tag zu bieten hat. Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wie schwer es ist, sich selbst zu belügen?

Alle Kolumnen unter: dasND.de/abseits

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