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Kulturwandel? Blödsinn!

Die Weltmeisterschaft wird zur Wachablösung unter den Stars, aber nicht der Spielsysteme

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.

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Vollzieht sich bei dieser Weltmeisterschaft gerade ein großer Wechsel? Ja. Es wird einen neuen Titelträger geben. Die beiden bestimmenden Mannschaften der vergangenen zehn Jahre, Spanien und Deutschland, sind längst im Urlaub. Und auch die prägendsten Protagonisten des Weltfußballs haben ihr vielleicht letztes Turnier gespielt, abreisen mussten der 33-jährige Portugiese Cristiano Ronaldo und der zwei Jahre jüngere argentinische Fußballgott Lionel Messi wieder einmal ohne den bedeutendsten Pokal der Welt. Und so wird es nach zehn Jahren, in denen beide den Titel des Weltfußballers nur unter sich ausgespielt haben, womöglich einen neuen Star geben.

In Russland haben sich dafür bislang einige Kandidaten empfohlen. Natürlich der erst 19-jährige Franzose Kylian Mbappe - mit seiner Schnelligkeit und Eleganz, starken Dribblings, dem Blick für den Nebenmann und schon drei Toren. Auch der kroatische Spielmacher Luka Modric, Belgiens Kapitän Eden Harzard oder der mit sechs Toren bislang treffsicherste Spieler der WM, der Engländer Harry Kane, kommen infrage.

Die logischste Wahl fiele auf den Brasilianer Neymar - zumindest dann, wenn man der Logik der Fußballverwalter vom Weltverband folgt. Deren Grundlage ist Gewinnmaximierung. Und da braucht es eben immer schillernde Stars mit weltweiter Wirkung. Und so wurden trotz berechtigter Kritik in manchem Jahr dann doch immer wieder Messi oder Ronaldo auf der FIFA-Gala gefeiert. Neymar ist natürlich auch zu Außergewöhnlichem imstande. Dass der schrille 26-Jährige sogar auf dem Platz auch Peinlichstes zu bieten hat, stört nicht: Trotz Schwalben und Schauspielerei wurde er zum Spieler des Spiels im Achtelfinale gegen Mexiko gewählt.

Noch aber ist es nicht so weit. Auf der offiziellen Seite der Fußballweltmeisterschaft 2018 bietet die FIFA unter der Rubrik »Spieler im Fokus« immer noch Ronaldo und Messi zuerst an. Erst dahinter folgen mit Luka Modric und Harry Kane zwei, die noch im Turnier sind.

Legenden zu Lebzeiten sind Ronaldo und Messi schon jetzt, und werden es wohl auch darüber hinaus bleiben. Auf deren langsamen Abschied hofft vor allem Neymar. Dafür spricht schon seine Flucht vom FC Barcelona nach Paris, raus aus dem Schatten des kleinen, genialen Argentiniers. Auch der skurrile Streit mit dem Uruguayer Edinson Cavani bei PSG um die Ausführung der Elfmeter ist ein Zeichen dafür.

Weil die FIFA für ihre große Vermarktungsmaschine aktive Vorbilder braucht, ist sie gut vorbereitet auf den Generationenwechsel. Dieser wiederum ist, wie das Wort schon sagt, ein ganz normaler Prozess. Das Alter zwingt auch die Hochbegabtesten in die Knie. Das erklärt teilweise das unerwartet frühe Ausscheiden von vermeintlichen Favoriten. Argentinien stellte mit einem Altersdurchschnitt von 29,3 Jahren das zweitälteste Team der WM, die Spanier waren mit 28,5 Jahren auch nicht sehr viel jünger.

Überraschend ist auch der Titelverteidiger ausgeschieden: zu viele Weltmeister, zu wenig Gier im Team - und im Herzen des Spiels, der Mittelfeldzentrale, mit Sami Khedira ebenfalls ein Spieler, dem mit 31 Jahren Tempo und Intensität des modernen Fußballs zu hoch sind. Sicher, gerade bei der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes gab es noch andere Gründe für das Debakel in Russland. In einem ganz speziellen, zu dem auch die ebenfalls enttäuschenden Vorstellungen der Spanier gezählt werden, sehen viele Experten einen nun gar schon vollzogenen Kulturwandel im Weltfußball. Dazu zwei derzeit oft zitierte Sätze: »Das Ende des Tiki-Taka« und »Wer den Ball hat, verliert.« Ballbesitzfußball geht also gar nicht mehr, zumindest dann nicht, wenn man erfolgreich spielen will. Blödsinn!

Vergessen ist längst der vorschnelle Jubel über Spaniens großartiges Spiel beim 3:3 gegen Portugal. Dass die DFB-Auswahl unter Joachim Löw nie Tika-Taka gespielt hat, sondern mit einem an vielen Stellen modifizierten System erfolgreich war, spielt in der Analyse auch keine Rolle. Aber so ist es nun mal, wenn sich jeder auf dieser großen WM-Bühne behaupten und beweisen will. Was wurde nicht alles schon zum Trend dieser WM erklärt. Das 1:0! Ja, es ist das bislang häufigste Ergebnis. Aber zwölf Mal, und damit nur zwei Mal weniger, ging ein Spiel 2:1 aus.

Jetzt, da das Turnier ab Freitag mit den Viertelfinals in die ganz heiße Phase geht, wollen auch alle Randfiguren zum ganz großen Wurf ausholen. Einen ganz Großen des Weltfußballs vergessen sie dabei. »Wenn wir den Ball haben, können die anderen kein Tor schießen«, sagte einst der Niederländer Johan Cruyff. So einfach, so richtig. Immer noch. Und auch schon immer gilt: Verteidigen ist einfacher als mit dem Ball zu spielen. Aber allein der Blick auf die im Turnier verbliebenen Favoriten zeigt: Wer den Ball hat, gewinnt. Belgien, Brasilien, Frankreich, Kroatien und England hatten in 15 ihrer bislang 20 Spiele mehr Ballbesitz als der Gegner, nicht selten mehr als 60 Prozent oder knapp darunter.

Erhellend wirkt auch ein Rückblick - auf die vergangene Saison in den besten europäischen Ligen. Dort, wo in der alltäglichen Arbeit neue Entwicklungen im Fußball entstehen. Die jeweiligen nationalen Meister in England, Deutschland, Frankreich und Spanien kommen allesamt auf Ballbesitzwerte über 60 Prozent. Angeführt wird die Rangliste von Manchester City, mit 71,6 Prozent, und das in der ausgeglichensten, schwersten und wohl stärksten Liga der Welt.

56 Spiele liegen bei dieser Weltmeisterschaft schon hinter uns, nur noch acht vor uns. Zeit genug für den einen oder anderen, irgendwas Neues, Fußballweltbewegendes zu erspähen. Und wenn am Ende Russland Weltmeister wird? Ist die FIFA schuld!

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