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  • MeToo in Russland

Nicht nur für Russlands Männer da

Einheimische Frauen nutzen die WM trotz Gegenwind zur Selbstbefreiung

  • Von Benedikt von Imhoff, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

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Abends wird die Moskauer Einkaufsstraße Nikolskaja zur brodelnden Partymeile. Tausende Fußballfans aus aller Welt drängen sich während der Weltmeisterschaft an Kneipen und Boutiquen vorbei, trinken meist Bier oder Wodka - mittendrin auch junge Russen und Russinnen, die mit den ausländischen Fans feiern wollen. Doch viele russische Männer mögen diese Bilder nicht, vor allem wenn sich eine Landsfrau mit einem der internationalen Besucher verbrüdert oder gar mit ihm anbandelt.

In den sozialen Netzwerken hetzen wütende Männer gegen »Nutten, die dem Land Schande bereiten« würden. Und das meist nur wegen Fotos, die die Frauen mit ausländischen Fans im Arm zeigen oder beim harmlosen Küsschen auf die Wange. Die Frauen werden im Netz beleidigt und bloßgestellt. Es gibt sogar Videoclips, die zeigen, wie Russinnen in Begleitung ausländischer Fans attackiert werden.

Die Diskussion hat längst auch die Boulevardpresse erreicht: So veröffentlichte »Moskowski Komsomolez« vor wenigen Tagen einen Text des Schriftstellers Platon Bessedin unter der Überschrift: »Zeit der Nutten«. Darunter schimpft der Autor dann weiter, Russland hätte eine Generation von Frauen groß gezogen, »die bereit sind, bei den ersten ausländischen Tönen die Beine breit zu machen«. Er sieht einen allgemeinen Verfall der moralischen Werte im Land seit dem Ende der Sowjetunion.

Dabei ist Russland unter Präsident Wladimir Putin auf einem konservativen Kurs, entsprechende Gesetze wurden vom Parlament schnell abgenickt. Die Strafen für häusliche Gewalt wurden darin sogar gesenkt. Explizit vor dem Hintergrund der Debatte um russische Frauen und ausländische Fans rät nun auch ein hoher Geistlicher davon ab, Ehepartner mit anderem religiösen Hintergrund zu wählen. Dieselbe Religion sei zwar keine Garantie für Eheglück, sagte Metropolit Ilarion von Wolokolamsk. »Aber gemeinsames Kirchenleben, gemeinsames Gebet und Teilnahme am Gottesdienst - das bringt die Menschen einander näher.«

Der Einfluss der orthodoxen Kirche ist mittlerweile groß im Land: Nachdem die Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot 2012 in der wichtigsten Kirche des Landes gegen Putin und Klerus protestiert hatten, wurde die Strafe für »Beleidigung religiöser Gefühle« deutlich verschärft. Zuvor war auch die Zurschaustellung von Homosexualität vor Minderjährigen gesetzlich verboten worden.

Da sorgte es dann auch in Russland kaum für Irritationen, als kurz vor der Weltmeisterschaft die Vorsitzende des Familienausschusses der Staatsduma, Tamara Pletnjowa, russische Frauen vor Sex mit Ausländern warnte und besonders davor, Kinder mit ihnen zu zeugen. »Wir müssen unsere eigenen zur Welt bringen«, sagte sie dem Radiosender Goworit Moskwa. Zwar reagierte Regierungssprecher Dmitri Peskow: »Die russischen Frauen können das wahrscheinlich für sich selbst entscheiden. Sie sind die besten Frauen der Welt.« Trotzdem wurde bemängelt, dass Pletnjowa nicht schärfer zurückgewiesen wurde.

Mittlerweile gibt es aber ein verstärktes Kontra. Wenn schon nicht von oben, dann eben von unten. VKontakte, das größte soziale Netzwerk Russlands, droht derzeit, Gruppen mit frauenfeindlichen und rassistischen Kommentaren zu schließen. Auch selbstbewusste Russinnen melden sich zu Wort. »Sag Nein zu russischen Männern«, rät die Bloggerin Lena Miro ihren Leserinnen in einem Eintrag, denn Russland sei »ein Land mit hässlichen Männern, denen es gut geht, und schönen Frauen, denen es schlecht geht.«

Die russische Ausgabe der »Cosmopolitan« kommt sogar zu dem Schluss, dass Fußball nicht das Wichtigste bei dieser WM sei. Vielmehr hätten diese Wochen gezeigt, »dass Frauen auch Menschen sind. Sie können Sex aus Spaß haben und nicht allein deshalb, um russischen Bürschlein Freude zu bereiten.« Und diese Erkenntnis gefalle den russischen Männern überhaupt nicht. dpa/nd

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