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Irgendwastun

Leo Fischer über Leer- und Formelaktivisten, deren Projekte unverhofft auftauchen und schnell wieder verschwinden

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Man versteht ja, dass die Leute durcheinander sind. Der Sommer drückt schwer und heiß auf uns herab, ebenso der Seehofer. Aus der SPD winkt der lustige Kevin Kühnert und freut sich, dass im Asylstreit »das Schlimmste verhindert worden« sei, weil seine SPD nämlich durchgesetzt hat, dass die außergesetzlichen Räume, die seine Partei für geflüchtete Menschen geschaffen hat, wenigstens einen wohlklingenden Namen tragen. »Transitzentren« klang zu sehr nach Knast, »Kontrollierte Zentren« waren zu abkürzungsträchtig, und die Tatsache, dass sich auch dieser sympathische Juso-Aufrührer innerhalb Jahresfrist so tragisch wie zwangsläufig in einen Schönredner seiner Partei verwandelt hat, mag empfindlichen Naturen besonders aufs Gemüt schlagen.

Irgendwas muss man doch tun, hört man immer wieder. Die Betonung liegt auf irgendwas. Überall gärt der Heimwerkeraktivismus. Ein Kollege berichtet, dieses Jahr schon zum dritten Mal in eine Chatgruppe eingeladen worden zu sein, in der Medienschaffende und Prominente sich gegenseitig versicherten, irgendwas tun zu wollen. Meist bleibt es bei diesem Irgendwas. Sehr schnell wird immer über Organisationsformen, medialen Auftritt und »Strukturen« gesprochen, ohne dass dieses Irgendwas je durch Etwas ersetzt würde. Man ist sich lediglich einig, dass man sich einig ist. Ohne dieses Irgendwas je aufgelöst, ohne auch nur einen politischen Begriff benutzt zu haben, glaubt man, schon auf einer Seite zu stehen. Die wenigen Dinge, auf die man sich in diesen Gruppen dann trotzdem immer einigen kann, klingen seltsam vertraut: Außerhalb von links und rechts will man stehen, die Massen ansprechen, eine breite digitale Plattform schaffen. Na sowas.

Medienleute, die sich aus beruflichem Zwang schon komplett abgewöhnt haben, in politischen Kategorien zu denken, wollen plötzlich irgendwas politisch machen. Man will politische Strukturen schaffen und politische Ziele erreichen, nur will man um Himmels willen nicht politisch dabei sein. Man will was gegen Nazis tun, aber auf keinen Fall für links gehalten werden, und über Antifa-Organisationen spricht man nicht mal. Dabei hat man genau zwei schlechte Beispiele für die Konsequenzen dieses Irgendwastuns: die gescheiterte Piratenpartei in Deutschland und die Fünf Sterne in Italien, die in ihrem Streben, irgendwas zu tun, jetzt irgendwas zusammen mit Neofaschisten tun. Man könnte auch der wohlmeinenden »Reconquista Internet« gedenken, die auch irgendwas tun wollte, sich um jede konkrete Positionierung drückte und nach sechs Wochen wieder in das gedankliche Nichts verschwand.

Typisch ist dabei stets die Verachtung gewachsener Strukturen und der Wissenschaft. Es gibt zahllose Initiativen und Organisationen in Deutschland, die man unterstützen, denen man sich anschließen, von denen man lernen könnte. Es gibt eine Anzahl exzellenter WissenschaftlerInnen, die sehr genau sagen könnten, was in diesem Land nicht stimmt und wie man dem wiederaufkeimenden Faschismus begegnen könnte. Es gibt eine gewachsene Theorie des Aktivismus. All dies kommt in den Erwägungen der Irgendwastuer grundsätzlich nicht vor. Sie haben sich die Politikverachtung derer, die sie bekämpfen zu wollen glauben, schon so sehr zu eigen gemacht, dass sie von Hilfsorganisationen, autonomen Strukturen und der Forschung rein gar nichts mehr wissen wollen. Sie wissen zwar nicht, was sie wollen, aber dass sie es besser wissen als alle, das wissen sie. Stattdessen wird quartalsweise eine neue Bewegung, eine neue Kampagne produziert - man kennt schließlich sein Handwerk - , eine inhaltsleerer als die nächste, getragen vom ewig-emsigen Gründergeist jener Autobauer, die serienmäßig das Rad neu erfinden. Wichtig ist allein, dass man strukturell die Kontrolle hat - obwohl es gar keinen inhaltlichen Kern gibt, der vor Abweichlern zu schützen wäre.

Diese Art Leer- und Formelaktivismus wird gegenüber dem Faschismus immer verlieren, der im Zweifel einfach den längeren Atem und die klarere Vision hat. Er wird im Gegenteil die Energie von Zehntausenden in Wischiwaschiprojekten verplempern, die im nächsten Quartal so schnell wieder vergessen sind, wie man sie hatte. Ja, im schlimmsten Fall schafft er überhaupt erst die Strukuren, die Leute, denen es an allem fehlt, nur nicht an eindeutigen politischen Ideen, dann übernehmen und vereinnahmen können. Denn merke: Man darf zwar nicht nichts tun. Aber auch Irgendwas kann man falsch tun.

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