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Keine kollektive Massenhysterie

Christoph Ruf über seine nachdenklichen Erfahrungen in den WM-Tagen in Frankreich, Rostock und Baden-Württemberg

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 3 Min.

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Vergangene Woche bin ich nach Strasbourg gefahren. Ich habe mich dort umgeschaut und für ein Online-Portal einen Text geschrieben. Es ging um die WM-Stimmung in Frankreich. Die Leute freuen sich, wenn Frankreich gewinnt, sie treffen sich in Bars und Cafés oder laden sich zum Essen ein - und gucken dabei Fußball. Sie unterlassen es aber, die Rituale nachzuexerzieren, die Ballermänner und Ballerfrauen in den Niederlanden oder Deutschland für den Inbegriff wilder Lebensfreude halten. Autokorsos und wildes Gehupe um vier morgens, Rückspiegel, die mit der Trikolore ummantelt sind, Kunstblumengirlanden im Haar? Macht der Franzose in aller Regel nicht. Es könnte daran liegen, dass es in Frankreich weniger Ein-Euro-Shops gibt als hierzulande.

Vollkommen überraschend war dann allerdings die Reaktion auf mein harmloses, rein deskriptives Textlein, das zudem noch mit Zitaten des in Frankreich lebenden Ex-Bundesligaspielers Karim Matmour abgesichert war. Die empörten deutschen Kommentar- und Leserbriefschreiber hatten zu 80 Prozent einen Abgrund an Nachbarlandverrat ausgemacht, das wirre und ahnungslose Geschreibsel eines deutschtümelnden Revanchisten, der das Ausscheiden der Hashtag-Elf nicht verkraftet hat und nun aus lauter Niedertracht den Franzosen das Heiligste abspricht, das einem Menschen während einer Fußball-Weltmeisterschaft widerfahren kann: kollektive Massenhysterie. Die Beschreibung einer in sich ruhenden Stadt war als Anklage verstanden worden.

Einigermaßen nachdenklich fuhr ich am Freitag nach Rostock, um dort ein paar sehr sympathischen Menschen aus einem Buch vorzulesen. Zwischen zwei WM-Spielen, die um 16 und um 20 Uhr angepfiffen werden, blieb dafür schon noch Zeit.

Vorher und nachher wurde natürlich auch in Rostock Fußball geschaut. Gut 200 Leute waren im angeschlossenen Biergarten, tranken Bier und Melonenlimo und freuten sich über all das, was eine WM ausmacht: schöne Spielzüge, überraschende Ergebnisse und lustige Schwalben, für die es bei diesem Turnier komischerweise nie Gelbe Karten gibt. Herrlich war’s und irgendwann, beim Abendspiel, merkte ich dann, woran das eben auch lag. Die weisen Menschen in Rostock hatten nämlich ein Nationalfarbenverbot für den Biergarten erlassen. Wer beim Schauen unbedingt herumwedeln will oder nicht ohne Verkleidung auskommt, muss in Rostock anderswo Fußball schauen. Geklatscht, gestaunt und mitgefiebert wurde natürlich trotzdem, nur eben nicht in Dezibelzahlen, die man sonst nur an Flughäfen misst.

Aber all das werde ich für mich behalten. Nach den Erfahrungen mit dem Frankreich-Text habe ich nun wirklich Angst, dass mir unterstellt wird, als altes Karlsruher Revanchistenschwein wolle ich Rostock durch heimtückisches Inabredestellen eines gesunden und farbenfrohen Patriotismus nach Baden-Württemberg eingemeinden.

Dort war ich dann wiederum am Samstag auch wieder angekommen. Abends landete ich dann erneut mit ein paar Freunden in einem Biergarten eines von Osteuropäern betriebenen Restaurants. Deutschlandfahnen hingen da noch. Irgendjemand hatte wohl vergessen, sie abzuhängen. Ansonsten waren nur vereinzelt Familien anzutreffen, die zwar ebenfalls badisch sprachen, sich aber Russland- oder Kroatien-Fahnen umgebunden hatten. Ging alles auch halbwegs gesittet ab, selbst der kroatische Autokorso nach dem Schlusspfiff reichte nicht annähernd an den Geräuschpegel einer durchschnittlichen Hochzeit heran.

Am Sonntagmorgen bin ich dann durch infernalischen Krach wach geworden: Kirchenglockengeläute, um acht Uhr morgens, minutenlang und in einer Lautstärke, bei der sich Lemmy von Motorhead die Ohren zugehalten hätte. Es wäre eine gute Idee gewesen, beim Unterschreiben des Mietvertrages genauer die Nachbarschaft zu inspizieren. Schließlich kann eine christliche Kirche das ganze Jahr über so nervig sein wie es eine Fanmeile nur alle zwei Jahre ist.

Mitte August werde ich in den Urlaub fahren, nach Südfrankreich. Eines weiß ich sicher: Wenn mir dann irgendwo eine Geneviève oder ein Pascal unterkommt, der nicht wild hupend am Strand entlangfährt und um Mitternacht den Mittelmeerfischen die Marseillaise vorsingt, um den dann schon vier Wochen zurückliegenden WM-Titel zu feiern - dann werde ich ihm zeigen, wozu ein deutscher Revanchist fähig ist. Pickelhaube und Andrea-Berg-CD habe ich schon eingepackt.

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