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Vom Sichfinden und Sichschützen

Galerie Kai Dikhas für zeitgenössische Kunst der Sinti und Roma gratuliert zwei Jubilaren zum 70. Geburtstag

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Zwei namhafte Künstler der Sinti und Roma werden dieser Tage 70. Kai Dikhas, Berlins einziger Galerie für Kunst dieser verfolgten Minderheit, ist das eine Doppelausstellung wert. »Arakhelpe« heißt sie, was auf Romanes Begegnung, aber auch Sichfinden und Sichschützen bedeutet. Schutzraum ist Kai Dikhas seit der Eröffnung 2011 für die oft beklemmenden Klagen, die aus den Exponaten ganz verschiedener Temperamente, unterschiedlichster Auffassungen und Formate sprechen. Auch Imrich Tomáš und Alfred Ullrich waren bereits mehrfach in der Galerie zu sehen. Nun also, verteilt auf die beiden Ausstellungsräume, eine Werkschau zum Lebensjubiläum.

Von versonnener Poesie sind die neun hängenden Reliefarbeiten des im slowakischen Dobrá geborenen Imrich Tomáš. Seit 1969 lebt er in Berlin, finanzierte mit Hilfsarbeiten sein Studium, das er 1980 an der Hochschule der Künste als Meisterschüler abschloss. Hanffasern, Pigment und Kunstharze sind seither die bevorzugten Materialien, aus denen er seine fast träumerischen Objekte schafft. Die Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit strahlen sie aus und veranlassen den Betrachter, sich dahinein zu versenken. Aus dem Jahr 2018 stammen zwei titellose Reliefs, die sich konkav krümmen und zum symbolischen Hineinlegen anregen. Auf je einem Rahmen biegt sich ein Untergrund aus flauschigem Hanf, in den sich Farbnester betten. Fröhliche, teils pastellzarte Tönungen sind das, rot, grün, gelb, blau. Dicht bei dicht stoßen sie aufeinander, als würden hier bald Fantasievögel ihre Eier ausbrüten wollen. Ähnliche Strukturen bringt der Künstler auf Pappe: »Helle Filmkomposition« fügt indes als transparentes Material Plastikfolie als kuscheligen Untergrund hinzu.

Doch Tomáš kann auch andere, weniger fröhliche Stimmungen kreieren. »Grau« etwa aus dem Jahr 1997, sein ältestes Exponat, schaut aus wie hängendes Wellblech, ist jedoch aus Holzlamellen gefügt, die wie Birkenstämme wirken und über die sich als Spinnengewebe Hanffasern spannen. Das weiß-grau-schwarz gefärbte Relief ließe sich auch mahnend als Zaun deuten, zieht man das Ausgegrenztsein seiner Ethnie in Betracht. Im Einklang mit der Welt gibt sich hingegen eine wieder titellose Arbeit, die 1999 entstanden ist. Holz bringen Hanffasern ein kleinteiliges Gitter von 170 mal 137 Zentimetern auf, das in Mischtechnik mit erdverbunden warmtönigen Farben überzogen ist, ocker, gelb und braun, ein Stück Natur beinah, dessen Betrachtung wohltut. Zwei weitere Objekte, Bällchen wie sporadisch gefärbte Eischalen das eine, vertikal weiße Fäden auf leuchtendem Blau das andere, bereichern und ergänzen den stillen Bild- und Farbkosmos des Imrich Tomáš, dem 1988 der Grand Prix d‘Art in Monaco zuerkannt wurde.

Ein anderes Schicksal hatte der deutsche Sinto Alfred Ullrich. Im Allgäu geboren, in Wien aufgewachsen, gelernter Kunstgießer und jahrelang Bühnenarbeiter in München, wo er dann in einer Werkstatt für Druckverfahren lernte. Auch er kann auf viele Einzelausstellungen verweisen. Er lebt auf einem Bauernhof nah dem einstigen KZ Dachau. Viele seiner Verwandten fielen dem Holocaust zum Opfer, was ihn als Künstler geprägt hat. Sein Werk huldigt der Abstraktion, so die in Druckgrafik ausgeführten drei »Metamorphosen«. Ihr Gewirr kurzer Striche und Kringel, blau-, grau- und ockertönig, bildet einen Wirbel, bei dem man meint, er könne sich jeden Moment zu einer konkreten Figur verfestigen. Die ebenfalls drei »Multicolorpellet« genannten Drucke von 1999, jeweils 50 mal 70 Zentimeter im Format, gehen als das gesamte Blatt ausfüllender, farbschlierig gestalteter aufgeklappter Globus durch, wenn solch gegenständliche Deutung überhaupt erlaubt ist. Gegenständlich aber sind mehrere kleine Gardinen- oder Vorhangquadrate, denen Blumenmuster eingewebt sind und die Ullrich mit Tusche verfremdet hat. Einigen ist das Wort SINTI aufgebracht. Sie erinnern an eine handwerkliche Familientradition und haben sich offenbar in sein Gedächtnis eingebrannt. Denn eine 2018 entstandene Serie als »Patterns« oder »WindowPain« bezeichneter Farbradierungen greifen dieses Tapeten- oder Stoffmuster auf und variieren es auf vielfältige Weise.

Eine quadratische Farbradierung ohne Titel von 1993 verblüfft durch optische Täuschung: Schaut sie von Nahem lediglich wie ein blau-ocker-rotes Gewebe aus gewundenen, sich überlagernden Langstrichen aus, so fließt sie aus dem Abstand zu einem sich um eine Raute als Zentrum ballenden Formgebilde zusammen. Ganz konkret wird Ullrich als Illustrator von Matéo Maximoffs 1946 erschienenem Roman »Les Ursitory«. In rotfarbigen Monotypien auf Büttenpapier von 40 mal 30 Zentimetern aus dem Jahr 2008 gibt er dem Märchen vom Roma-Jungen Arniko, dem die drei Ursitory, den Parzen ähnliche Schicksalsengel, seine Zukunft prophezeien, bildhaften Ausdruck. Das Triptychon »Pieces of Wonderwall« von raufaserartig dick geweißter, unbeschnittener Netzstruktur kehrt dann flugs zum Ungegenständlichen zurück.

Bis 31.August, Mittwoch bis Samstag 14 bis 18 Uhr, Kai Dikhas, Prinzenstr. 85 D, Kreuzberg

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