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Stradella konnte nicht kommen

Die Staatsoper zeigt »Ti vedo, ti sento, mi perdo« unter der Regie von Jürgen Flimm

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 3 Min.

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Italien, 17. Jahrhundert. In Venedig erblühte die Oper, andere italienische Städte zogen nach. Nicht so Rom. Immer mal wieder war die Oper dem herrschenden Papst ein Gräuel. Was sich indes innerhalb der reichen Adelspaläste abspielte, war eine private Angelegenheit. Betritt man für »Ti vedo, ti sento, mi perdo« (Dich sehen, dich spüren, mich verlieren) von Salvatore Sciarrino den Zuschauerraum der Staatsoper, gerät man mitten hinein in eine solche Privatsache. Eine Opernbühne wird irgendwo hineingebaut. Inspizienten und Intendanten, mit Begeisterung auch Regisseur Jürgen Flimm, begutachten die Arbeit. Obwohl die Dienerschaft gerade erst beginnt, die Bretter aufzulegen, ist die Opernprobe schon im Gange; Vorspiel auf dem Theater im wörtlichen Sinne. Gegeben wird »Warten auf Stradella«, so der Untertitel der neuesten Sciarrino-Oper.

Verlässt man die Lindenoper gespielte und gefühlte Jahrzehnte später, scheint in Berlin die Abendsonne, aber Alessandro Stradella (1639 - 1682) konnte nicht kommen. Er wurde ermordet. Der Komponist ist die abwesende Hauptperson von »Ti vedo …«. Wie im Falle von Benvenuto Cellini, Caravaggio, Gesualdo, so regte auch Stradellas abenteuerlicher Lebenslauf bis ins 20. Jahrhundert hinein Komponisten und Literaten zu wild bewegten und romantischen Opern und Romanbiografien an. Die hierzulande bekannteste Oper »Stradella« mit Love-Story, venezianischen Gondeln und Happy End stammt von Friedrich von Flotow.

Stradella war wohl wirklich ein Homme à Femmes, skandalumwittert, auf die schönen und reichen Damen aus, fatalerweise meist Ehefrauen, Geliebte, Schwestern seiner Auftraggeber. Auch bot er sich zu Kupplerdiensten an. Er musste mehrfach fliehen und am Ende rächten sich vier Brüder für ihre verführte Schwester. Es kann aber auch eine von ihnen begehrte Sängerin gewesen sein, genau weiß man es nicht. Ein Duckmäuser und untertäniger Musikhandwerker war Alessandro Stradella ganz bestimmt nicht.

Auch die tatsächlich vorhandene musikalische Hauptfigur von Sciarrinos Oper, die Sängerin - auf schwierigstem Terrain großartig: Laura Aikin - ist verliebt in Stradella. Als einzige trauert sie über die Todesnachricht. Alle anderen, sogar die über das Dauerthema »Wort-Ton-Verhältnis in der Oper« ewig parlierenden Dichter und Musiker, sind nach längerem Schläfchen nun froh, dass die unendliche Probe nun doch zu Ende ist. Ursache ihrer ewigen Dauer war die Annahme, dass der »italienische Orpheus« für die Festaufführung einer »Orpheus-Kantate« eine neue Arie beisteuere. Als man hört, dass Stradellas Notennachlass nun kiloweise verkauft werde, stirbt alle Hoffnung. Die Sängerin bekommt jedoch eine letzte Papierrolle überreicht und öffnet sie mit zitternden Händen.

Salvatore Sciarrinos Musik lebt vor allem von der Stille. Leise Geräusche wie Luftströmungen und Klappengeräusche der Bläser, Flageoletts und abwärts laufende Glissandi der Streicher sind konstituierende Tonelemente. Dazwischen viel Raum. Langsame und langsamste Tempi; einen Akkord im Mezzopiano muss man einen dynamischen Höhepunkt nennen. In diese kontemplativen Passagen hinein passen sich neu instrumentierte Teile von Stradellas Originalmusik. Die Verbindung funktioniert derart nahtlos, dass man solche Zitate zwar deutlich, jedoch niemals als Fremdkörper wahrnimmt. Stilzitate vermischen ohnehin beide originalen Musiken. Man hört, dass noch Händel Stradellas Musik rezipiert haben muss, genauso erkennt man frühere, beispielsweise Monteverdis Einflüsse auf Stradella und Sciarrino. Ein musikalisches Kontinuum ist erkennbar.

Das sozusagen wenig aufregende Sujet einer mangels Material nicht stattfindenden Probe behängt Jürgen Flimm mit so viel Lametta, wie er nur auftreiben konnte. Es tritt eine Kinderballettgruppe auf, es rieselt Schnee aus der Kulisse, Butterfly und Suzuki haben sich im Probenraum geirrt und promenieren durch den Saal, ein weiterer Opernheroe mit Flügelhelm, Augenbinde und Speer sucht seinen Platz an der Rampe, Kaffee wird serviert - ein unendliches, jedoch handlungsgerecht müdes Gewusel. Und irgendwann kommt, trotz aller Kunstkunst, der Moment, wo der Nebel der Müdigkeit von der Bühne herabwabert …

Nächste Vorstellungen: 11., 13., 15. Juli

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