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Wirtschaftsfaktor Sport

Mit Fitness und Bewegung wird hierzulande mehr umgesetzt als im Geschäft mit Chemieprodukten

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Schaufensterpuppen präsentieren Sportbekleidung auf der Messe Outdoor in Friedrichshafen (Baden-Württemberg).
Schaufensterpuppen präsentieren Sportbekleidung auf der Messe Outdoor in Friedrichshafen (Baden-Württemberg).

König Fußball ist in Wahrheit eher ein Bettelmann. In der Gunst der sportlich aktiven Bundesbürger liegt er abgeschlagen auf Platz neun. Kaum acht Millionen Jugendliche und Erwachsene stehen mehr oder weniger regelmäßig auf dem Platz, um zu bolzen. Locker getoppt werden die Kicker von den 21 Millionen Radlern oder 23 Millionen Schwimmfreunden. Zu diesem Ergebnis gelangt das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) in Bonn. Entsprechend mau ist auch die Bereitschaft, fürs Fußballspielen Geld auszugeben. Hier rangiert die angeblich schönste Nebensache der Welt nicht einmal mehr unter den Top Zehn.

Rund 56 Milliarden Euro pro Jahr zahlen Verbraucher für das aktive Sporttreiben - zur Freude von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. »Sport ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für unser Land«, sagt der sonst eher als unsportlich wahrgenommene CDU-Politiker. Sport trage nicht allein zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, zur Integration und zur Gesundheit bei, sondern sorge gleichzeitig für Wertschöpfung, Beschäftigung und Konsum in Deutschland. Und wie: Insgesamt steht die Sportwirtschaft für immerhin rund 2,2 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung. Das ist mehr, als etwa die Chemische Industrie beiträgt, und fast so viel, wie Banken und Versicherungen leisten.

Ein Viertel aller sportbezogenen Konsumausgaben entfällt dabei auf den sogenannten Outdoorsport. Draußen Sport zu treiben, wird immer populärer, haben die BISp-Forscher herausgefunden. Das Freiluftvergnügen umfasst neben Alltagssportarten wie Laufen auch Kanufahren, Klettern und Bergsteigen. Die höchsten Umsätze werden aber durch Radsport und Wandern erzielt, zusammen kommen beide auf einen Jahresumsatz von rund 10 Milliarden Euro.

Mit 13 Milliarden Euro sind Sportgeräte und -ausrüstung der größte Ausgabenposten der Aktiven. Doch schon auf Platz zwei schlagen die Fahrtkosten etwa zum Training mit 12 Milliarden Euro zu Buche. Dafür steht - ganz unsportlich - das Auto ganz hoch im Kurs. Für Umsatz in der Sportwirtschaft sorgen übrigens keineswegs nur die Jungen. Sport wird heute bis ins hohe Alter betrieben - von einem Großteil der Bevölkerung bis mindestens zum 70. Lebensjahr, zeigt eine BISp-Studie.

Im europäischen Vergleich hat die körperliche Ertüchtigung in Deutschland dabei lediglich eine durchschnittliche wirtschaftliche Bedeutung. Sie ist ähnlich wie in Großbritannien (2,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes) und Polen (2,0 Prozent), aber deutlich niedriger als in Österreich (5,9 Prozent), das vom teuren Skisport profitiert. Besonders unsportlich scheinen dagegen die Holländer zu sein (1,0 Prozent).

Gemessen an den 56 Milliarden Euro, die sich Aktive ihren Sport kosten lassen, spielt der passive Konsum in Deutschland geradezu unterklassig: Lediglich 9 Milliarden Euro geben Sportfans für Stadionbesuche, Wetten und TV-Abos aus. Bei den Sofasportlern hat der Fußball dann doch die Nase vorn: Gut 5 Milliarden Euro lassen die Fans für ihre passiven Sportinteressen springen - weit, weit abgeschlagen auf den Plätzen folgen Basketball und Eishockey (jeweils nur rund 250 Millionen Euro).

Indes wuchs die Sportwirtschaft zuletzt langsamer als die Wirtschaft insgesamt. Gut 1,2 Millionen Erwerbstätige verdienten im Jahr 2015 ihr Geld direkt oder indirekt mit dem Sport - fast jeder Zweite davon als Dienstleister: als Trainer, Platzwart oder Skilehrer, Geschäftsführer im Verein oder Sachbearbeiter im Bezirksamt. Oder als Programmierer von Fitness-Apps, kleinen Programmen für Handys, die dicke Muskeln und einen dünnen Bauch verheißen.

Gegenüber dem Jahr 2010 hat die Beschäftigtenzahl allerdings um fast zehn Prozent abgenommen. Damit spurtet die Sportwirtschaft in eine andere Richtung als die Gesamtwirtschaft mit einem Beschäftigungsplus von fünf Prozent. Das unternehmensnahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln sieht hier den scharfen Wettbewerb wirken: »Zurückzuführen ist der Rückgang beim Sport in erster Linie auf den umkämpften Markt, der Kostendruck erzeugt und Produktivitätsfortschritte erzwingt.«

Druck gibt’s besonders für die Industrie. Adidas, Puma und Co. gelten aufgrund der kostengünstigen Produktion in Billigstlohnländern wie Bangladesch, Thailand oder Pakistan, wo etwa zwei von drei Bällen produziert werden, zwar als hochprofitabel. Aber der Kampf um weltweite Marktanteile und »Markenbotschafter« wie den brasilianischen Fußballspieler Neymar (Nike) oder den jamaikanischen Sprinter Usain Bolt (Puma) wird mit härtesten Bandagen ausgefochten.

Die Sportartikelindustrie beschäftigt in Deutschland nur etwa 60 000 Menschen, doch die Umsätze sind gewaltig. Allein Adidas - nach Nike aus den USA die Nummer zwei - setzt weltweit Schuhe, Trikots und Freizeitkleidung für rund 20 Milliarden Euro um. Der Fußball trägt dazu nur 2,5 Milliarden bei.

Zum Schluss noch eine gute Nachricht: Obwohl die Industrie immer stärker auf den Eigenvertrieb vor allem via Internet setzt, kann von einer Niederlage der Sportgeschäfte keine Rede sein. Der Verband deutscher Sportfachhandel zählt rund 2500 Mitglieder. Trotz vieler Schließungen nimmt die Zahl der Fachhändler unterm Strich sogar leicht zu - und das schon seit der Fußball-WM 1970 in Mexiko.

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