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Der Fresh Prince of Leningrad

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

  • Von Lee Wiegand
  • Lesedauer: 3 Min.

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Was ist eigentlich der offizielle Song der Fußballweltmeisterschaft in Russland? Als vor zwölf Jahren Deutschland sein Blut und Boden für Freunde hergab, verging kaum eine Woche ohne einen Bericht über das einfallslose Trällerliedchen vom Pottschnulzenonkel Herbert Grönemeyer. »Zeit, dass sich was dreht«. Und Deutschlands bekanntester Wahnwichtel und Reichsbürgerbruder Xavier Naidoo wusste zu antworten, wenn schon etwas gehen muss, muss auch irgendjemand die Wahrheit aussprechen, dass der Weg für die Deutschen ja noch nie einfach gewesen sei. Egal, ob man nun Weltmeister der Herzen oder Herrenrasse werden wollte, der Weg zum Finale, durch Stalingrad und zum Endsieg führte, am Ende waren die Deutschen immer die Opfer. Belogen, betrogen (von Italien und Japan), verraten, verkauft und besetzt. Zumindest redet man sich das dann gerne ein, waka waka, eh eh.

Nun ja, dieses Jahr habe ich bis eben gar nichts vom WM-Song mitbekommen, aber eine kurze Recherche ergab: Will Smith ist verantwortlich. Großartig! Aber als Will Smith und nicht als Fresh Prince of Leningrad. Schwach! Sein musikalisches Gastgeschenk an Putin heißt »Live It Up«, streng genommen ist es auch gar nicht sein Song, er ist nur das Feature für Nicky Jam und Era Istrefi. Keine Ahnung, wer die sind, aber ich bin ja auch nicht zwölf Jahre alt und interessiere mich für diese Art generischen Popmülls. Der Song ist kein Kracher und kein Wunder, sodass niemand außer der »Bild«-Zeitung wirklich darüber geschrieben hat.

Vielleicht liegt es auch an mir, ich kann Musik nicht mehr ausstehen. Ich höre keine Musik mehr, und das liegt nicht nur daran, dass mein Premium-Streaming-Abo ausgelaufen ist und meine Kopfhörer seit anderthalb Jahren Schrott sind, sondern dass Musik mich einfach nicht mehr begeistert. Da ist es auch kein Wunder, dass mich der WM-Song nicht »abholt«, obwohl das quasi seine Existenzberechtigung ist, »Leute abholen«. Da kann man aber froh sein, dass die Linkspartei keinen Song hat.

The Who ist übrigens auch scheiße, ist mir heute morgen aufgefallen, als die im Radio gespielt wurden. Man denkt immer, die seien so gut, immerhin kennt die ja auch jeder, oder die Beatles zum Beispiel. Und alte Leute erzählen ja auch immer, wie toll die waren, selbst Genosse Walter Ulbricht schwärmte von der Je-Je-Je-Musik aus dem Westen (auf eine ganz heimliche, versteckte Art, versteht sich). Aber ich glaube, die fanden damals alle nur so gut, weil sie so neu war im Vergleich zu den Wagner-Platten, die die Väter immer gehört haben, wenn sie zu den Bildern in den Wehrmachtskatalogen masturbierten. Die Leute damals wussten einfach nicht, wie es ist, wenn alles gleich klingt, und jetzt werden sie durch The Who oder die Beatles oder die Stones an die Zeiten ihrer Jugend erinnert, in denen Popmusik noch irgendwie neu, besonders und angeblich einfallsreich gewesen ist. Aber eigentlich, wenn man es sich genau anhört, klang damals schon alles gleich. Es gab Musik mit Drogen, ohne Drogen und Musik für Leute, die Drogen nehmen; bisschen Gitarrengeschrammel, ein Solo, Schlagzeug, schnulzige Stimme, und fertig war der Hit. Und wenn man sich die Platten mal anschaut heute: Von zwölf Liedern war ja nur eines ein Hit, der Rest war sowieso Schwachsinn.

Und deshalb sollte England die WM nicht gewinnen, finde ich. Weil ich The Who nicht mag und die Beatles nicht und die Stones sowieso nicht; und ich kenne halt keine kroatische Band, die ich nicht mag, weil ich gar keine kroatischen Bands kenne, nur eine serbische, aber mein Freund sagt immer, ich soll nicht alles Jugoslawien nennen, also meine Güte, dann soll Kroatien halt gewinnen. Auf der anderen Seite haben die Kroaten unser schönes Jugoslawien ja kaputtgemacht mit ihren Faschisten, und deshalb sollte England gewinnen. Am Ende wird sowieso Frankreich Weltmeister.

Alle Kolumnen unter: dasND.de/abseits

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