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Der Fluch des Handys

Autofahren mit Telefon in der Hand ist längst Alltag - Verkehrsexperten wollen wenigstens die Kinder sensibilisieren

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Kinder sollten nie unterschätzt werden. Sie nehmen ihre Umgebung sehr viel aufmerksamer wahr, als viele Erwachsene sich das vorstellen können; obwohl sie selbst einmal Kind waren. Und so begibt es sich an diesem Tag, unter dem Dach eines ADAC-Zeltes, dass gleich mehrere Erst- und Zweitklässler Miriam Kirschner erzählen, dass Mama oder Papa erst kürzlich zum Handy gegriffen haben, als sie ein Auto lenkten. Mit Kind an Bord, versteht sich.

»Die große Frage ist«, sagt Miriam Kirschner, die für die ADAC-Stiftung arbeitet, »wie die Kinder das mit dem Handy am Steuer selbst mal machen werden, wenn sie in dem Alter sind, dass sie Auto fahren.«

Handynutzung am Steuer - so verbreitet ist diese Praxis in Deutschland, dass die offiziellen Zahlen dazu, wie viele Fahrer beim Handynutzen von der Polizei erwischt werden, nur einen Bruchteil dieser Delikte abbilden können. Wer mit offenen Augen im Straßenverkehr unterwegs sei, sagt die Geschäftsführerin der Verkehrswacht Thüringen, Dagmar Lemke, sehe doch jeden Tag, »dass das ein riesiges Problem ist«. Kirschner verweist auf eine Studie, nach der mehr als 90 Prozent der Autofahrer in Deutschland wissen, dass sie sich und andere gefährden, wenn sie beim Autofahren das Handy in die Hand nehmen - und dass trotzdem mehr als 60 Prozent der Autofahrer zugeben, solche Geräte nutzen. Wie viele mehr tun es trotzdem und geben es nicht zu?

Um zu vermeiden, dass die Kinder in punkto Handynutzung am Steuer so werden wie ihre Eltern, setzen Kirschner und Lemke zu allererst auf Aufklärung schon bei den Jüngsten. »Ich kann rechts ran fahren und das Gespräch annehmen«, sagt Kirschner den Kindergruppen an diesem Tag auf dem Erfurter Domplatz immer wieder. »Oder ich kann einen Parkplatz suchen und dann sofort zurückrufen.«

In dem ADAC-Zelt, in dem sie steht, sind an der Wand verschiedene Schaubilder und Symbole angebracht, die die Kinder darüber hinaus dafür sensibilisieren sollen, dass Handys auch schon dann ablenken können, wenn man nicht als Autofahrer, sondern als Fußgänger oder Radfahrer im Straßenverkehr unterwegs ist. So, wie sie es auch als Erst- oder Zweitklässler sind.

Freilich darf man angesichts der Realität auf deutschen Straßen daran zweifeln, ob Aufklärung wirklich das eine Mittel ist, das dazu führen wird, die Handynutzung am Steuer zu reduzieren. Den immerhin weiß jeder Autofahrer auch, dass es ihn und andere gefährdet, wenn er mit zu hoher Geschwindigkeit unterwegs ist. Trotzdem wird auf Deutschlands Straßen gerast und gedrängelt. Überhöhe Geschwindigkeit ist nach wie vor die Unfallursache Nummer eins.

Das, was letztlich dazu geführt hat, dass die Zahl der Menschen, die auf deutschen Straßen bei Unfällen sterben, im langjährigen Trend rückläufig ist, ist jedenfalls nicht die Einsicht der Fahrer. Es ist der technische Fortschritt: Autos sind heute deutlich sicherer als noch vor einigen Jahrzehnten. Unter anderem Gurte, Airbags und steife Rahmenkonstruktionen sorgen dafür, dass Menschen heute Autounfälle überleben, bei denen es vor einiger Zeit noch Tote gegeben hätte. Könnte also der technische Fortschritt dafür sorgen, dass in Zukunft weniger mit dem Handy hantiert wird, wenn man am Steuer sitzt? Erste technische Lösungen in dieser Richtung gibt es bereits. In der aktuellen Version des Betriebssystems von iPhones beispielsweise können Nutzer eine Funktion aktivieren, die »Beim Fahren nicht stören« heißt. Ist sie eingeschaltet, klingelt das Handy bei Anrufen im Auto nur dann, wenn das Mobiltelefon mit einer Freisprechanlage verbunden ist. Geht eine Textnachricht über den iPhone-eigenen Nachrichtendienst iMessage ein, kann das Telefon in diesem Modus automatisch eine kurze Botschaft an den Absender der Nachricht verschicken, die zum Beispiel so lauten kann: »Ich fahre gerade Auto. Ich sehe Ihre Nachricht, sobald ich geparkt habe.«

Lemke sagt, tatsächlich seien solche Ansätze vielleicht ein Teil der Lösung - aber nur dann, wenn die Fahrer sie auch nutzen. Und sie hat einen grundsätzlichen Einwand: »Wie technisiert sollen unsere Fahrzeuge denn eigentlich noch werden?«

Klar scheint indes, dass immer härtere Strafen für die Handynutzung am Steuer bislang nicht dazu führten, dass Männer oder Frauen seltener zum Smartphone greifen, während sie fahren. Wohl auch, sagt Lemke, weil es nicht genug Kontrollen gibt, ob dieses Verbot auch eingehalten wird. »Das kann die Polizei gar nicht schaffen.«

Wenn Hermann Fricke aus seinem Berufsalltag erzählt, klingt das im Kern ähnlich. Seit 32 Jahren ist Fricke als Verkehrspolizist auf den Autobahnen im Land unterwegs; auch er ist auf den Erfurter Domplatz gekommen, um den Kindern während dieses Tags der Verkehrssicherheit einen zivilen Videowagen zu zeigen, mit dem Thüringer Polizei auf den Autobahnen im Freistaat im Einsatz ist.

Trotz der Strafen habe die Handynutzung am Steuer seiner Einschätzung nach eher noch zugenommen, sagt Fricke. Und praktisch alle Arten von Fahrern täten »das«: Lkw-Fahrer würden ihre Smartphones ebenso während der Fahrt nutzen wie Außendienstmitarbeiter. Die Fahrer von kleinen Autos würden es ebenso tun wie jene, die teure Autos lenken, in denen ab Werk Freisprechanlagen verbaut sind. Ob Senioren oder jüngere Menschen: »Es wird telefoniert, es werden Nachrichten und E-Mails geschrieben«, sagt Fricke. Das sei ganz selbstverständlich.

Wenn er mit dem Videowagen unterwegs sei, erwische er praktisch bei jedem Einsatz gleich mehreren fahrende Handynutzer, sagt Fricke. »Dabei schauen die Fahrer beim Telefonieren wenigstens noch gerade aus.« Wer tippe, nehme den Blick von der Straße. »Das ist aus meiner Sicht noch gefährlicher.« Bei einer Fahrtgeschwindigkeit von 100 Stundenkilometern lege ein Auto immerhin pro Sekunde 28 Meter zurück - quasi im Blindflug, wenn der Fahrer nebenbei auf sein Handy schaut.

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