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Kein totes Heiligtum mehr

»Tuet auf die Pforten ...« Die Neue Synagoge - Centrum Judaicum präsentiert eine neue Dauerausstellung

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 7 Min.

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Modell der Neuen Synagoge, das ihre ursprünglich beeindruckende Größe demonstriert
Modell der Neuen Synagoge, das ihre ursprünglich beeindruckende Größe demonstriert

Schier unglaublich, aber wahr. »Es war das erste Mal, dass ich das größte Gotteshaus der Jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße im Herzen Berlins wieder betrat«, notierte Rabbiner Max Nussbaum im April 1939. »Ich war allein mit Heinrich Stahl, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, als er ernst und zitternd das Siegel brach, das die Nazis am 10. November an der Tür der Synagoge angebracht hatten, und die schwere Tür öffnete. Abgestandene Luft und Halbdunkel umgaben uns. Wir fanden die Bänke angesengt, die Wände geschwärzt von Feuer und Ruß, ein totes Heiligtum. Über dem Schrein gewahrten wir unser eigenes Wunder des zwanzigsten Jahrhunderts: Das Ewige Licht brannte. Es hatte während der ganzen Zeit seit dem 9. November gebrannt, all die Monate hindurch.«

Die Ewige Lampe brannte noch Monate nach der Pogromnacht von 1938. Fotos: Centrum Judaicum/Henry Lucke
Die Ewige Lampe brannte noch Monate nach der Pogromnacht von 1938. Fotos: Centrum Judaicum/Henry Lucke

Während der Pogromnacht 1938, von der Goebbels-Propaganda euphemistisch »Reichskristallnacht« genannt, stürmte eine wild gewordene Nazihorde auch die Neue Synagoge in Berlin, zerschlug das Inventar und legte Feuer. Lediglich dank des couragierten Eingreifens von Polizeioberleutnant Wilhelm Krützfeld, Reviervorsteher am Hackeschen Markt, war ein das Gotteshaus gänzlich vernichtender Brand abgewehrt worden. Wie dem Schreiben des Rabbis Nussbaum zu entnehmen ist, konnten dort im darauffolgenden Jahr die Berliner Juden noch Pessach feiern. Die Pforten der Synagoge schlossen sich dann für lange düstere Jahre am 30. März 1940. Die Nazis missbrauchten die geweihte Stätte als Lagerhalle. Ende November 1943 von einem britischen Luftangriff auf die faschistische »Reichshauptstadt« getroffen, blieb der stolze Prachtbau über Jahrzehnte eine Ruine, »eine schmerzliche Wunde«, wie Anja Siegemund, Direktorin der Stiftung Neue Synagoge - Centrum Judaicum betont.

»Tuet auf die Pforten« war die alte und ist auch die neue Dauerausstellung der Stiftung überschrieben. Es handelt sich hierbei um ein Zitat aus der Bibel, nach der alttestamentarischen Überlieferung eine Aufforderung des Propheten Jesaja, die er mit dem Wunsch vollendete: »... dass einziehe ein gerechtes Volk, das bewahret die Treue«. In hebräischen Lettern gegossen, prangten die Worte dereinst über dem Hauptportal der Neuen Synagoge, »das Selbstverständnis einer selbstbewussten Gemeinde zur Öffnung und Offenheit gegenüber der deutschen Gesellschaft bekundend«, so Chana Schütz, Kuratorin und stellvertretende Direktorin. Der stattliche Schriftzug ist im Eingangsbereich der Exposition zu bewundern, umrahmt von Übersetzungen in diverse Sprachen, von Spanisch bis Sanskrit.

Schwerpunkt der neuen Dauerausstellung ist die Geschichte der Synagoge, die am 5. September 1866 feierlich in Anwesenheit des preußischen Ministerpräsidenten und späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck eröffnet wurde. Sie war nicht nur das größte, sondern galt auch als das schönste Gotteshaus der Juden in ganz Deutschland. Zeitgenossen schwärmten von dem nach Entwürfen von Eduard Knoblauch im maurischen Stil errichteten Sakralbau mit seiner mächtigen, weithin sichtbaren goldenen Kuppel. Den Raum für den Gottesdienst hatte der Architekt als dreischiffige Basilika mit umlaufender Empore gestaltet. 3200 Menschen fanden in der Synagoge Platz. Die »Vossische Zeitung« berichtete begeistert: »Das Licht strömt durch die bunten Scheiben magisch gedämpft und verklärt. Decke, Wände, Säulen, Bögen und Fenster sind mit verschwenderischer Pracht ausgestattet und bilden mit ihren Vergoldungen und Verzierungen einen wunderbaren, zu einem harmonischem Ganzen sich verschlingenden Arabeskenkranz von feenhafter, überirdischer Wirkung.«

Knoblauch wie auch nach dessen Tod sein Nachfolger August Stüler ließen sich von der Alhambra in Granada inspirieren. Das bewusste Einbeziehen orientalischer Elemente verwies auf Ursprung und Herkunft der Juden, die jene nicht verleugnen wollten und sollten. Was freilich so manchem ideologisch verbohrten christlichen Mitbürger nicht passte. So forderte der stramme Judenhasser Heinrich v. Treitschke: »Der deutsche Jude muss im deutschen Staate auch im deutschen Style bauen.« Eingangs der neuen Dauerausstellung wird der Mann, der den bösen, von den Nazis aufgegriffenen Satz »Die Juden sind unser Unglück« prägte, mit dem Lamento zitiert, dass »die Juden in Deutschland mächtiger sind als in irgend einem Lande Westeuropas«. Eine überdimensionierte Postkarte mit einem Foto vom Gotteshaus belegt den virulenten, dummdreisten Antisemitismus dereinst: Der Absender fragte den Empfänger gemäß einem tradiertem Klischee: »Riechste Knoblauch?«

Ein Querschnittsmodell verdeutlicht die überwältigenden Dimensionen des Gotteshauses wie auch dessen klug durchdachte, feingliedrige und praktische Innenarchitektur. Zu sehen ist in der Exposition der zweiteilige karminrote Thoravorhang, der vor dem von den Nazis zertrümmerten Thoraschrein hing. Zu den historischen Fundstücken gehören ein Marmorfragment der Kanzel und die Ewige Lampe, die auf wundersame Weise 1998 wieder aufgefunden wurde. Auch altes Gestühl ist in die Ausstellung integriert. Zu hören sind Mitschnitte von Synagogenchören aus dem Jahr 1932. Viele Fotografien vom Gotteshaus stammen von Abraham Pisarek, der als einziger jüdischer Fotograf noch bis 1941 in Berlin arbeiten durfte und eine einzigartige Bilderchronik hinterließ. Seine Tochter Ruth Gross erinnert sich an den Tag nach der Pogromnacht 1938: Auf dem Bürgersteig der Oranienburger Straße lagen verstreut Scherben und Gebetsbücher.

Alle gezeigten Objekte gehören der Stiftung, nur eine Leihgabe stammt aus Tel Aviv: eine Bronzekopie der David-Skulptur von Arnold Zadikow, die im noch am 24. Januar 1933 - sechs Tage vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler - eröffneten Jüdischen Museum stand und seit dessen zwangsweise erfolgter Schließung kurz darauf verschollen ist.

Die Ausstellung legt auch Zeugnis ab über das jüdische Leben in Berlin, vor allem über das geschäftige Treiben einst rund um die Neue Synagoge, wo es nicht nur Geschäfte, auch Buchhandlungen, etliche Vereine und karitative Einrichtungen gab. Zur Zeit der Einweihung des Gotteshauses in der Oranienburger Straße zählte die Jüdische Gemeinde 28 000 Mitglieder. Von den 1933 in der deutschen Hauptstadt lebenden 170 000 Juden, gläubig oder nicht gläubig, wurden 50 000 Opfer des mörderischen Antisemitismus der Nazis, 8000 überlebten im Untergrund; von jenen, die ins Exil fliehen konnten, kehrten die wenigsten nach 1945 zurück.

Ein 1859 beginnender und bis in die Gegenwart reichender Zeitstrahl lädt ein zu visuellen Ausflügen in Perioden der Prosperität und Emanzipation wie auch größter Bedrückung und Unterdrückung. Das Selbstporträt von Max Liebermann, Präsident der Preußischen Akademie der Künste, steht stellvertretend für den gewichtigen Anteil der Berliner Juden an deutscher Kunst und Kultur. Die letzten beiden Lebensjahre vor seinem Tod 1935 verbrachte der Maler in innerer Emigration. Erinnert wird in der Ausstellung ebenso an den Charité-Arzt Albert Salomon, der im Ersten Weltkrieg zerfetzte Leiber wieder zusammenflickte, Hunderten deutschen Soldaten das Leben rettete. 1933 wurde ihm die Lehrerlaubnis entzogen. Und er durfte nur noch am Jüdischen Krankenhaus in Berlin arbeiten, dessen Leitung er drei Jahre wahrnahm, bevor auch ihm, dem Kriegsteilnehmer von 1914/18, die Approbation entzogen wurde. Salomon emigrierte in die Niederlande, wurde nach dem Einmarsch der faschistischen Wehrmacht verhaftet, konnte fliehen und überlebte in einem Versteck. Nach der Befreiung erfuhr er, dass seine Tochter Charlotte in Auschwitz ermordet worden war, weshalb er nie wieder deutschen Boden betrat.

Für die neue Dauerausstellung wurden neun Zeitzeugen interviewt. Zu den per Video zu Wort kommenden Shoah-Überlebenden gehört der ehemalige Finanzminister des US-Präsidenten Jimmy Carter und spätere Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Berlin, W. Michael Blumenthal, der als Kind einige Monate in Buchenwald eingesperrt war. Alisa Jaffa, Tochter des Berliner Gemeinderabbiners Ignaz Maybaum, gibt Auskunft über ihre Emigration nach Großbritannien, wo sie nach dem Krieg als Übersetzerin und Lektorin arbeitete und heute noch lebt. Sie reiste eigens zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung aus London nach Berlin, um über ihr lange Zeit gespanntes Verhältnis zu Deutschland und zur deutschen Sprache zu berichten.

Sorgsam wie sparsam ausgewählte Exponate dokumentieren die sukzessive Ausgrenzung, Entrechtung, Beraubung, Vertreibung und Verfolgung der Berliner Juden. Per »Strafbefehl« wurde jede Verletzung der 1938 verordneten Pflicht für Juden geahndet, die zusätzlichen Vornamen »Israel« oder »Sara« zu tragen. Das erschütterndste, weil den Völkermord perfide verharmlosende Dokument ist eine »Sterbeurkunde« mit dem Vermerk: »Gestorben in Auschwitz, Kasernenstraße«. Kein expliziter Hinweis auf den grausamen, gewalttätigen Tod in einem Vernichtungslager.

Die neue Dauerausstellung, die das gesamte Gebäude einschließt, Vestibül, Rotunde, Vorsynagoge und historisches Treppenhaus, setzt auf leise Töne und stille Reflexion, Nachdenklichkeit und Besinnung, spielt mit Licht und Schatten. Sie entspricht modernen museumsdidaktischen Anforderungen, bietet interaktive Stationen sowie weiterführende Lektüre per Tablets, die auch eine Auseinandersetzung mit aktuellem Antisemitismus, Hate Speech und Fake News ermöglichen.

Bislang hat die schon zu DDR-Zeiten wiederaufgebaute und vom Gründungsdirektor Hermann Simon 1995 ebenfalls unter dem Motto »Tuet auf die Pforten« der Öffentlichkeit übergebene Neue Synagoge, die heute vornehmlich eine museale Stätte ist, bereits drei Millionen Besucher und Besucherinnen aus dem In- und Ausland empfangen. Sie ist kein »totes Heiligtum« mehr. Verwunderlich ist indes, dass diese Stätte der Erinnerung, die eine Brücke in die Zukunft baut, vor allem auf Spenden angewiesen ist. Warum hält sich der Bund hier peinlichst zurück?

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