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Flucht aus der Bürgerlichkeit

Von Dichtern, Philosophen und der betörenden Macht der Erotik

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Sie wurde als Tochter eines russischen Generals in St. Petersburg geboren. Während dieser seine fünf Söhne mit autoritärer Strenge erzog, durfte sie - als Liebling des Vaters - meist tun und lassen, was sie wollte. Klatschte sie in die Hände, sprangen sogleich die Dienstboten hierbei. Sie hielt es daher auch als Erwachsene für normal, dass Verehrer ihr stets zu Willen waren.

Zum Verdruss ihrer Eltern lehnte sie die Konfirmation durch einen protestantischen Pastor ab und trat mit 16 aus der Kirche aus. Wenig später begeisterte sie sich für einen anderen Prediger, der sie als Schülerin aufnahm und mit ihr theologische, philosophische und literarische Themen besprach. Er war 25 Jahre älter als sie, verheiratet und hatte zwei Kinder. Als er erklärte, sich ihretwegen scheiden lassen zu wollen, brach sie den Unterricht ab. Dieses Erlebnis trug vermutlich maßgeblich dazu bei, dass sie bis ins dritte Lebensjahrzehnt jegliche Sexualität in ihren Beziehungen verweigerte.

Nach dem Tod ihres Vaters zog sie mit ihrer Mutter nach Zürich und schrieb sich als Gasthörerin an der Universität ein. Zwei Semester lang hörte sie Vorlesungen in den Fächern Philosophie, Theologie und Religionsgeschichte. Dann musste sie wegen eines Lungenleidens ihr Studium abbrechen und reiste nach Italien, wo ein milderes Klima herrschte. In Rom begegnete sie dem Philosophen und späteren Arzt Paul Rée, der sich Hals über Kopf in sie verliebte. Als er um ihre Hand anhielt, gab sie ihm einen Korb.

Auch Rées Freund Friedrich Nietzsche geriet ihretwegen ins Schwärmen: »Von welchen Sternen sind wir uns hier einander zugefallen.« Der in Liebesdingen unerfahrene Philosoph machte ihr ebenfalls einen Heiratsantrag und wurde abgewiesen. Gleichwohl buhlten die Freunde weiter um die Gunst der distanzierten Russin und ließen sich zusammen mit ihr auf einem kuriosen Foto ablichten. Darauf sitzt sie peitschenschwingend in einem zweirädrigen Karren, der von ihren Verehrern gezogen wird. Anders als Rée verlor Nietzsche schließlich die Contenance und wetterte: »Dieses dürre schmutzige übelriechende Äffchen mit ihren falschen Brüsten - ein Verhängnis!«

Nach einer letzten Begegnung mit Nietzsche siedelte sie nach Berlin über. Hier heiratete sie zur Überraschung aller einen Orientalisten, der vorab versichern musste, sie niemals sexuell zu bedrängen. Obwohl es zwischen beiden mitunter zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kam und sie nebenher Beziehungen zu anderen Männern pflegte, lehnte er es ab, sich scheiden zu lassen.

Mit 34 lernte sie in Wien einen jungen Arzt kennen, der das Wunder vollbrachte, sie von ihren sexuellen Ängsten zu befreien. Anschließend holte sie nach, was sie an erotischen Genüssen versäumt hatte. Ihre bekannteste leidenschaftliche Beziehung war die zu dem Poeten Rainer Maria Rilke, der in seinen Liebesgedichten oftmals das ausdrückte, was sie fühlte. Zweimal reisten beide nach Russland und trafen dort unter anderem mit Leo Tolstoi zusammen. Nach vier Jahren hatte sie jedoch genug von ihrem neuen Liebhaber und trennte sich von ihm. Aus Liebe wurde eine enge Freundschaft, die bis zum Tod Rilkes anhielt.

Noch vor dem Ersten Weltkrieg machte sie Bekanntschaft mit der Psychoanalyse und war begeistert. Denn sie hoffte, dadurch tiefere Einblicke in ihr Seelenleben zu gewinnen. Kurz entschlossen wandte sie sich persönlich an Sigmund Freud, der sie tatsächlich als seine Schülerin aufnahm. Danach riet er ihr, selbst eine psychoanalytische Praxis zu eröffnen, was sie in ihrem Wohnhaus in Göttingen dann auch tat.

Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie von der unehelichen Tochter ihrer früheren Haushälterin gepflegt, die sie zuvor adoptiert hatte. Denn mit ihrer Gesundheit stand es nicht zum Besten; zuletzt musste sie sich einer schweren Krebsoperation unterziehen. Anderthalb Jahre später starb sie - mit 75 Jahren. Wer war’s?

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