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Staudamm macht Turkana-See schwer zu schaffen

UNESCO erklärt Nationalparks rund um den größten Wüstensee der Welt zum gefährdeten Welterbe

  • Von Bettina Rühl, Turkana
  • Lesedauer: 3 Min.

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Behutsam zieht Selina Akiru das Messer durch den Bauch des kleinen Fisches. Der silberne Leib ist vielleicht zehn Zentimeter lang, viel kleiner, als die Kenianerin gehofft hatte - so wie der gesamte Fang von etwa 20 Fischen. Sie stammen aus dem Lake Turkana in Nordkenia, dem größten Wüstensee der Welt. »Mein Mann war sechs Tage lang auf dem See«, sagt die 39-jährige Mutter von sechs Kindern zwischen vier und zwölf Jahren. »Mehr hat er nicht mitgebracht.« Noch vor wenigen Jahren hätte er mehr als doppelt so viel gefangen. »Aber jetzt wissen wir nie, ob wir alle satt werden.«

Der Turkana-See ist mehr als zehnmal so groß wie der Bodensee, ein grün glitzerndes Juwel mitten im Nichts. Denn die Region ist karg. Dürren sind häufig, Wasser und Weideland knapp. Das Überleben ist schwer und wird immer schwerer. Der Fischbestand im Turkana-See sei extrem zurückgegangen, bestätigen auch die anderen Bewohner der Siedlung Nayana Esanyanait, fast an der Grenze zu Äthiopien.

Die Siedlung besteht aus ein paar Unterschlüpfen am Strand: Schilfmatten und Plastikplanen, über ein Gestell aus Ästen gelegt. »Vor ein paar Monaten haben wir noch dahinten gelebt«, sagt der Fischer Collin Pili und zeigt auf einen Streifen mit Büschen, ein paar hundert Meter entfernt. »Wir folgen der Wasserlinie, und die weicht immer weiter zurück.«

Dabei schien der Turkana-See lange buchstäblich unverwüstlich zu sein: Er ist mit fast 6500 Quadratkilometern der größte ständige Wüstensee der Welt und schon vier Millionen Jahre alt. 1997 wurde er zum Weltnaturerbe erklärt. Aber der Wasserspiegel fällt drastisch und die einst ertragreichen Fischgründe schwinden. Als Hauptursache sehen Experten einen riesigen Staudamm 600 Kilometer flussaufwärts in Äthiopien. Der staut den Omo-Fluss, aus dem der See rund 90 Prozent seines Süßwassers erhält. Jetzt hat die Unesco die Nationalparks an dem See in Kenia auf die Liste des bedrohten Weltnaturerbes gesetzt und ruft zu deren Schutz auf.

Auch der Paläoanthropologe Richard Leakey, der wichtige Knochen und Steinwerkzeuge aus der Frühzeit der Menschheit am Turkana-See ausgrub, ist sehr beunruhigt, was mit dem Omo-Fluss geschieht. »Der Turkana-See wird schon seit mindestens vier Millionen Jahren durch einen Zufluss gespeist«, sagte er in einem Interview. Seit Beginn der Menschheit ergieße sich das Wasser aus dem äthiopischen Hochland in das Gebiet Kenias. »Dieses Gewässer ist von größter Bedeutung für die beiden Länder.«

Äthiopien jedoch wischte bisher Warnungen regelmäßig beiseite. Das Wasserkraftwerk Gilgel Gibe III hat die äthiopische Stromproduktion fast verdoppelt, es kann annähernd 2000 Megawatt im Jahr liefern. Nur die Hälfte will das Land am Horn von Afrika selbst verbrauchen. Der Rest soll verkauft werden: an Sudan, an Dschibuti, und auch die kenianische Regierung will 500 Megawatt kaufen. Äthiopien hat am Omo außerdem riesige Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen angelegt, die viel Wasser verbrauchen. Bis zu 170 000 Hektar sollen so bewirtschaftet werden.

Und so wird der Kampf um die Fischgründe immer härter. Denn zunehmend setzen äthiopische Fischer am Turkana-See Gewalt ein - mit Kalaschnikows. »Für uns wird es immer schwieriger und gefährlicher«, sagt der Kenianer Collin Pili. »Allein im Januar habe ich drei meiner Freunde verloren.« Er und ein weiterer Freund konnten entkommen. Schon viermal sei er beim Fischen von Bewaffneten überfallen worden. Die Angreifer haben früher im Omo-Fluss gefischt. Aber auch der Omo gibt nichts mehr her.

Die Fischer der Siedlung Nayana Esanyanait nehmen jetzt bewaffneten Begleitschutz mit, wenn sie nicht nur in Ufernähe bleiben. Patrik Kolé Akai zeigt zum Beweis seine Kalaschnikow. Der 50-Jährige gehört zur sogenannten Nationalen Polizeireserve von Kenia. Ein Hilfskonstrukt, mit dem der Staat ausgleichen will, dass er weder genug Leute noch Waffen hat, um die Sicherheit seiner Bürger landesweit zu garantieren. Also wird die Bevölkerung zur Selbstverteidigung rekrutiert und bewaffnet. epd/nd

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