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Nicht mal jede 20. Tasse Kaffee ist fair

In Deutschland gaben die Verbraucher*innen 2017 im Schnitt 18 Euro pro Kopf für gerecht gehandelte Waren aus

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 4 Min.

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Fast jeder braucht den morgendlichen Muntermacher, um in die Gänge zu kommen. Glaubt man der Branche, dann trinken die Menschen hierzulande 162 Liter Kaffee pro Kopf im Jahr. Macht im Schnitt 3,4 Tassen am Tag, die zum Frühstück, auf dem Weg zur Arbeit oder zum Kuchen getrunken werden. Kaffee ist damit angeblich noch vor Mineralwasser, Säften oder Bier das Lieblingsgetränk der Deutschen.

Doch nicht mal jede 20. Tasse kann man mit gutem Gewissen trinken. Der Anteil fair gehandelter Bohnen am gesamten Kaffeeabsatz liegt hierzulande lediglich bei 4,8 Prozent. Dabei ist der Muntermacher schon der Verkaufsschlager unter den Fair-Trade-Produkten. Waren im Wert von fast 1,5 Milliarden Euro gingen vergangenes Jahr über den Ladentisch, die in Weltläden vertrieben, von Fair-Handels-Importorganisationen wie GEPA eingeführt oder mit einem Siegel für fairen Handel wie dem von Fairtrade zertifiziert wurden. Über ein Drittel dieses Umsatzes machte der Kaffee aus. Dies geht aus dem Jahresbericht des Forums Fairer Handel hervor, den der Verband am Dienstag in Berlin vorstellte. Danach kamen Südfrüchte wie Bananen und Textilien.

»Für die meisten von uns gehört die Tasse Kaffee am Morgen zum Alltag. Wenn das so bleiben soll, muss dringend in einen nachhaltigen Anbau investiert werden und mehr Geld bei den Erzeuger*innen ankommen«, sagte die Vorstandsvorsitzende von Forum Fairer Handel, Andrea Fütterer. Kaffeekonsument*innen sollten sich bewusst machen, dass dies auch eine Frage der Gerechtigkeit sei. »Sie können dazu beitragen, indem sie im Regal nach fairem und ökologisch erzeugtem Kaffee greifen.«

Denn in der Regel ist der Handel mit den braunen Bohnen ein sehr unfaires Geschäft. Eine Hand voll Global Player, die als Einkäufer und Röster den Welthandel dominieren, diktieren einer Vielzahl von Kleinbäuer*innen in Afrika, Asien und Lateinamerika die Preise und Konditionen. Die Folge: Seit den frühen 1980er Jahren hat sich laut dem »Coffee Barometer 2018« das reale Einkommen der Bäuer*innen halbiert. Von den 200 Milliarden US-Dollar, die jährlich weltweit im Kaffeegeschäft gemacht werden, kommen lediglich zehn Prozent in den Erzeugerländern an. Bei fair gehandeltem Kaffee bekommen die Erzeuger*innen hingegen ein Viertel des Ladenpreises.

Dabei setzt zunehmend auch der Klimawandel den Produzent*innen zu. Im Südwesten Ugandas zum Beispiel mussten sie im Frühjahr 2018 mit besonders heftigem Regen kämpfen. Die Folge waren nicht nur niedrigere Erträge. Damit die großen Wassermengen versickern konnten, mussten die Kaffeebäuer*innen auch extra Gräben ausheben. So schätzen Experten, dass sich die für den Kaffeeanbau geeignete Fläche auf Grund des Klimawandels bis 2050 halbieren könnte. Gleichzeitig wird sich die Nachfrage vermutlich verdoppeln. Für Kaffeetrinker schaut die Zukunft also nicht gerade rosig aus. Außer es wird in einen nachhaltigen Kaffeeanbau investiert. Doch dies geschieht im konventionellen Handel bisher kaum.

Immerhin ist fair gehandelter Kaffee hierzulande immer beliebter. 21 529 Tonnen davon kauften die Deutschen vergangenes Jahr. Dies ist gegenüber 2016 ein Zuwachs von acht Prozent. Seit 2010 hat sich die Menge sogar fast verdreifacht. Dabei kommt der fair gehandelte Kaffee hauptsächlich aus Honduras, Peru, Mexiko oder Tansania und ist zu 78 Prozent auch aus biologischem Anbau.

Noch weitaus schneller als der Absatz von fair gehandeltem Kaffee stieg vergangenes Jahr der Absatz von fair gehandelten Südfrüchten und fair gehandelter Schokolade. Bei diesen Produkten lag der Zuwachs 2017 bei 22 beziehungsweise 21 Prozent. Insgesamt legte der Umsatz mit Fair-Trade-Produkten 2017 um 13 Prozent zu und hat sich im vergangenen Jahrzehnt verfünffacht. Im Schnitt knapp 18 Euro pro Kopf gaben die hiesigen Verbraucher*innen 2017 für fair gehandelte Produkte aus. Doch nehmen diese Erfolgsmeldungen dem Forum Fairer Handel zufolge die Politik nicht aus der Pflicht.

Eine Möglichkeit zur Förderung fairen Kaffeekonsums wären laut dem Verband steuerliche Anreize, wie sie Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im April 2018 forderte. So könnten fair gehandelter Kaffee billiger gemacht und preisbewusstere Käufer dazu bewogen werden, diesen häufiger zu kaufen. »Wir fordern jedoch, dass nur diejenigen Unternehmen steuerlich entlastet werden, die sich zur Einhaltung hoher sozialer Standards, beispielsweise der Zahlung definierter fairer Preise, Vorfinanzierung und einer externen Überprüfung verpflichten«, so Verbandschefin Fütterer. Die Regelung sollte zudem so gestaltet werden, dass vor allem Kleinbäuer*innen und deren Familien durch höhere Einnahmen davon profitierten.

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