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Mosches große kleine Welt

94-jähriger Israeli baut in Miniaturen seine Kindheit in Sachsen nach

  • Von Sara Lemel, Jokneam Illit
  • Lesedauer: 4 Min.

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Mosche Samter sehnt sich oft nach der verlorenen Welt seiner Kindheit in Sachsen. Deshalb hat der 94-jährige Israeli sie mit eigenen Händen wieder auferstehen lassen - in liebevoll gebauten Miniaturmodellen. Stolz steht Samter in dem Museum »Great Mini World« in dem Ort Jokneam Illit im Norden Israels und erklärt Besuchern seine Werke.

Die Miniaturensammlung zeigt eine Welt, die es längst nicht mehr gibt. Samter wurde 1923 in Reichenbach im Vogtland geboren. Ein Modell zeigt das Schuhgeschäft, in dem sein Vater damals arbeitete. »Schuhwaren-Haus S. Hamburger«, steht auf der Fassade. Daneben auf Deutsch die Werbung: »Schwarze Woche - Jetzt schwarze Schuhe kaufen!«

Am 26. September ist Samters 95. Geburtstag. Er geht mühsam und hat einen Betreuer, doch seine Augen sind hellwach. Besonders am Herzen liegt ihm das Modell seines alten Klassenzimmers in Reichenbach. »Ich war das einzige jüdische Kind in der Klasse«, erzählt der freundliche Mann mit den buschigen Augenbrauen, der immer noch akzentfrei Deutsch spricht. Altmodische Holzpulte und Stühle stehen in mehreren Reihen hintereinander. Auf den Tischen winzige Tintenfässer und Schreibgriffel. »Als schwarze Tintenfässer habe ich Schnürsenkel-Ösen benutzt«, sagt Samter. Über diese Idee freut er sich bis heute.

An der Wand hängt ein kleines Schwarz-Weiß-Foto, auf dem Samter mit seinen früheren Schulkameraden zu sehen ist - im Jahre 1936. Dem Jahr, als die Familie aus Deutschland ins damalige Palästina fliehen musste. Damals hieß Mosche noch Herbert. Doch nach seiner Ankunft in seiner neuen Heimat wurde er kurzerhand umgetauft. Aus dem deutschen Namen wurde ein hebräischer. »Der Lehrer sagte: ›Es gibt noch keinen Mosche in der Klasse, also nenne ich Dich Mosche‹«, sagt er lachend. »Seitdem bin ich Mosche.«

Während des Zweiten Weltkriegs diente Samter in der britischen Armee. Er erinnert sich an den 1941 begonnenen Afrika-Feldzug des deutschen Generals Erwin Rommel. Damals habe man große Sorge gehabt, der »Wüstenfuchs« könnte mit seinen Truppen bis Palästina vordringen. »Da wurden natürlich alle jungen jüdischen Leute aufgerufen, im englischen Militär zu dienen. Das war ja zu unseren Gunsten.«

Während des Holocaust habe seine Familie sich auch um Angehörige gesorgt. »Wir hatten Verwandte, die noch in Deutschland waren, und die in Gefahr waren, teilweise auch umgekommen sind«, erzählt er. Die Schwester seines Vaters und ihre Familie seien von den Nazis ermordet worden. Trotzdem reiste er nach dem Krieg zurück und besuchte Angehörige in der DDR. »Meine letzte deutsche Verwandte lebt in einem Altersheim in Hannover«, sagt Samter.

Die Begabung und die Begeisterung fürs Basteln wurde dem Vater dreier Kinder, der 27 Enkel und Urenkel hat, schon in die Wiege gelegt. »Ich bin schon vor der Schulzeit in eine Bastelstunde gegangen«, erzählt Samter. »Da haben wir hauptsächlich mit Laubsäge und Sperrholz gearbeitet.« Sein ganzes Leben lang habe er gebaut, etwa Spielzeug für seine Kinder.

Doch ausreichend Zeit für seine aufwendigen Miniaturwelten hatte Samter erst nach seiner Pensionierung mit 62 Jahren. Er hatte zuerst als Buchbinder gearbeitet und dann jahrzehntelang bei einer Mercedes-Vertretung in Haifa, wo er für die Korrespondenz zuständig war. »Ich bin ziemlich frühzeitig in Rente gegangen«, sagt er. »Da hatte ich 40 Jahre gearbeitet - genug.«

Die Idee für sein erstes Modell kam von einem kaputten Rattanvorhang auf seiner Terrasse. Erst wollte er ihn wegwerfen. »Aber dann dachte ich, damit kann man doch noch etwas machen«, erinnert er sich. »Und das war dann der Anfang von all diesen Modellen. Natürlich ging ich dann auch zu anderen Materialien über.«

Mehr als 30 Jahre lang hat er rund acht Modelle im Jahr gebaut. Vor zwei Jahren eröffnete der Witwer mit seinen Töchtern einen Ausstellungsraum in einem Büro-Hochhaus, um seine Schätze zu zeigen. »Ich helfe den Kindern«, sagt Samter verschmitzt.

Die Frage, welches Modell ihm am liebsten sei, kann er nicht beantworten. »Ich habe sie alle lieb.« Die Motive sind sehr vielfältig. Eine Kreation zeigt winzige Geigen und andere Musikinstrumente, eine andere betende Juden in einer Synagoge. In vielen Werken verarbeitet er Naturmaterialien - Steine, Muscheln, Schalen. Wenn er etwa einen seltsam aussehenden Stein am Strand finde, entstehe bei ihm gleich ein ganzes Modell im Kopf.

Der stärkste kreative Motor sei jedoch Nostalgie. Der Modellbauer erinnert sich gern zurück an die Zeit vor der Nazi-Machtergreifung und der Flucht aus Deutschland. »Ich hatte eine schöne Kindheit.« dpa/nd

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