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Der Knigge der alten Haudegen

Die alten Eliten spielen sich zu Unrecht als Moralapostel im Kampf gegen den Erfolg rechter Parteien auf, kritisiert Roberto J. De Lapuente

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Noch bevor Jean-Claude Juncker die Treppe vom NATO-Gipfel herabsteigen konnte, traf er mit dem österreichischen Jungkanzler Sebastian Kurz zusammen. Im Rahmen ihres Gespräches soll der Luxemburger dem Österreicher Nachhilfe im Knigge gegeben haben, meldeten einige Medien. Er habe Kurz zurechtgewiesen, dieser solle doch bitteschön nicht so großspurig auftreten. Stunden zuvor las man in deutschen Qualitätsmedien, dass es Neues aus Bellevue gebe: Der Bundespräsident lasse wissen, dass ihn die Sprachverrohung im politischen Diskurs ängstige. Wie sein europäischer Kollege aus dem kleinen Großherzogtum begreift sich Frank-Walter Steinmeier als Stimme der Vernunft in Zeiten, in der der Vernunftbegriff eher was aus der Mottenkiste zu sein scheint.

Überhaupt wirkt es ein wenig so, als sei das die Konstellation der politischen Wahrnehmung dieser Tage. Man bringt die alten Eliten aus der Politik gegen die neuen, sich leider etablierenden Größen, in Stellung und lässt sie wie weise und lebenserfahrene Protagonisten aus einer Epoche aussehen, in der noch alles so halbwegs in Butter war. Juncker als Spiritus rector, Steinmeier als verständiger Nestor oder Schäuble als altersweiser Veteran der Schicklichkeit: Die alte Garde richtet sich als Hüterin des Anstandes gegen den rauen Ton der neuen Zeit ein - und sie wertet ihr mieses Image damit auf.

Dieser Tour darf man auf keinem Fall auf den Leim gehen. Diese alten Eliten spielen uns eines nämlich vor: Dass der Ruck zu teils rechtsextremen Positionen, der Hass und die Unmenschlichkeit, quasi wie ein Betriebsunfall über Europa gekommen seien. Als hätten wir mal kurz nicht richtig aufgepasst – und schon waren AfD oder FPÖ als erfolgreiche Parteien mit Millionenwählerschaft etabliert. Aber es waren genau jene Figuren aus den alten Kadern, die sich jetzt als Moralapostel einfinden und die von einem beträchtlichen Teil der Medienlandschaft in dieser Rolle bestärkt werden, die diese Entwicklung eindringlich und rigoros anschoben - und letztlich gewährleisteten.

Über Jahre hat die heute moralisierende Kaste neoliberale Projekte angeschoben und dafür gesorgt, dass nach dem Rückbau der (Sozial-)Staatlichkeit ein Vakuum entsteht, im dem reaktionäre Kräfte ein leichtes Spiel haben. Man raubte persönliche Perspektiven und Lebensvorstellungen, engte die Lebensmöglichkeiten ein und betrieb mit höflicheren Worten eine Politik, die sich mit einem einzigen Satz Margaret Thatchers skizzieren lässt: »There is no such thing as society.«

Diejenigen, denen man jetzt Anstandsregeln einbläut, wollen das nicht etwa verbessern. Teile der AfD möchten die staatliche Rente privatisieren und die Regierung Kanzler Kurz‘ in Österreich hat den Zwölf-Stunden-Arbeitstag ermöglicht. Sie stehen wirtschaftspolitisch in den Fußstapfen der Vorgängergeneration. Nur im Ton vergreifen sie sich, in ihrem Platzhirschgehabe und ihrer Kraftmeierei. Und das ist es, was die Junckers und Steinmeiers beanstanden. Hat denn etwa der Luxemburger nicht immer freundlich gelächelt, als er Sparpakete für Griechenland verteidigte und mittrug? Und Herr Steinmeier war immerhin der beliebteste Politiker der Bundesrepublik, weil er obgleich »Ghostwriter der Hartz-Gesetze« zu sein, doch immer so höflich und ausgeglichen sprach.

Das ist es, was sie von ihren Nachrückern fordern: Maßhaltung im Ton, Höflichkeit und eine Sprache, die den Menschen suggeriert, hier seien umsichtige und sittliche Mandatsträger am Werk. Sie erteilen den Geistern, die sie riefen, einen Benimmkurs und ernten dafür einen allgemeinen moralischen Zuspruch. Gestützt wird diese PR-Masche von Massenmedien, die immer wieder mit Schlagzeilen aufwarten, in denen es um einen der Alten geht, der den Neuen zeigt, wie es richtig gehe. Am Ende stehen die alten Garden wie aufrechte und anständige Männer und Frauen da, wie Bastionen in den verrohenden Fluten unserer Zeit. Wie Hoffnungsträger.

Neben verbalen Totschlägern sieht halt einer, der mit netten Worten einschläfert, immer annehmlicher aus. Und plötzlich ist man froh, dass sie unsere Werte verteidigen, wo sie sie früher, als sie noch die Alleinregenten im politischen Diskurs waren, mit Füßen traten.

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